Sozial- und Erziehungsdienst

Aufwertung bleibt auf der Agenda

Sozial- und Erziehungsdienst

Aufwertung bleibt auf der Agenda

Die Aufwertung geht weiter. Das war die zentrale Botschaft der Kasseler Konferenz von Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes am 24./25. November 2017. Gemeinsam wollen sich die ver.di-Fachbereiche 7 (Gemeinden) und 3 (Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen) für eine bessere Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen einsetzen.
Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017 Ralf Froehlich. ver.di Foto-Team Hessen Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017

»Es reicht«, sagte der ehemalige Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe in Hamburg, Wolfgang Hammer, zum Auftakt der Konferenz. Und er meinte das in einem doppelten Sinne: »Zum einen ist in einem reichen Land wie Deutschland genug Geld da, um die notwendigen Reformen auf den Weg zu bringen – auch eine leistungsgerechte Bezahlung für die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit.« Zum anderen reiche es »mit den demokratiefeindlichen Erfahrungen der vergangenen Jahre«. Damit spielte Hammer auf das von der Großen Koalition geplante Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) an, das dann doch nicht im Bundesrat behandelt wurde. ver.di hatte sich gemeinsam mit vielen anderen gegen den Gesetzentwurf gestemmt, um eine weitere Bürokratisierung und Kontrollorientierung zu verhindern. »Die Soziale Arbeit hätte durch das Gesetz schweren Schaden genommen«, ist Hammer überzeugt. Der Widerstand der Gewerkschaften – insbesondere von ver.di – habe entscheidend dazu beigetragen, das Vorhaben zu stoppen.

Der Soziologe berichtete, dass in den vergangenen zehn Jahren 3.240 offene Kinder- und Jugendeinrichtungen aus Kostengründen geschlossen wurden. Zugleich stieg die Zahl der Eingriffe ins Sorgerecht stark an. Und 400.000 Jugendliche hingen nach Abschluss der regulären Schulzeit oft ohne jede Perspektive im »Übergangssystem« fest. Der Schulerfolg selbst hänge weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab. Um all das anzugehen, bräuchten die Kommunen mehr Geld, forderte Hammer, der in diesem Zusammenhang das Festhalten an der sogenannten Schuldenbremse kritisierte.

Antworten auf den Fachkräftemangel

In der frühkindlichen Bildung sei der zunehmende Fachkräftemangel das zentrale Problem, so Anke König vom Deutschen Jugendinstitut. In den Kindertagesstätten finde »eine unheimlich dynamische Entwicklung in unglaublich kurzer Zeit« statt, so die Professorin. Die Zahl der Beschäftigten habe innerhalb eines Jahrzehnts um 67 Prozent auf fast 693.000 zugelegt. Und so werde es weitergehen. Die Folge: Für das Jahr 2025 erwartet König eine «Personallücke« von 329.000 Fachkräften. Diese zu schließen, sei eine »gesamtgesellschaftliche Aufgabe«, betonte König. »Es wäre unverzeihlich, wenn jetzt nicht in die frühkindliche Bildung investiert würde – denn das ist die Zukunft.«

Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017 Ralf Froehlich. ver.di Foto-Team Hessen Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017

Bei der folgenden Diskussion wurde deutlich: Um die nötigen Fachkräfte auch in Zukunft zu gewinnen, müssen die sozialen Berufe attraktiver werden. Das heißt unter anderem: gute Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung, qualifizierte und bezahlte Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Entsprechende Forderungen hielten die rund 140 Teilnehmer/innen der Konferenz in einer einstimmig beschlossenen Erklärung fest.

Verbesserungen per Tarifvertrag

ver.di will weiterhin auch tarifpolitische Mittel nutzen, um die Lage der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst zu verbessern. Die großen Streiks von 2009 und 2015 hätten schon wesentliche Verbesserungen in der Eingruppierung gebracht, erklärte Wolfgang Pieper vom ver.di-Bundesvorstand. Er verwies darauf, dass die hohe Arbeitsbelastung vielfach als das größte Problem wahrgenommen werde. Eine Antwort darauf könne die Forderung nach verkürzten Arbeitszeiten sein – am besten in Form zusätzlicher freier Tage. »Wir sollten diskutieren, ob das nicht auch Teil der Aufwertungskampagne sein kann«, so der Leiter des ver.di-Fachbereichs Gemeinden.

Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017 Ralf Froehlich. ver.di Foto-Team Hessen Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2017

Diese Debatte soll in den kommenden Monaten geführt werden. Zunächst aber stehen die regulären Tarifverhandlungen bei Bund und Kommunen an, die im Februar 2018 beginnen. Angesichts von Haushaltsüberschüssen und guter Konjunktur sei es gerechtfertigt, eine kräftige Lohnerhöhung anzustreben, meinte Pieper. Zudem werde darüber diskutiert, eine Ausbildungsvergütung für betrieblich-schulische Auszubildende zu fordern. Ähnliche Überlegungen gebe es für diejenigen, die eine berufsbegleitende Erzieherausbildung machen. Mit der Tarifgemeinschaft der Länder wird bereits über die Einbeziehung der betrieblich-schulischen Auszubildenden – also von Medizinisch-Technischen Assistent/innen, Physiotherapeut/innen, Diätassistent/innen, Orthoptist/innen, Logopäd/innen, Ergotherapeut/innen und Rettungssanitäter/innen – in die Tarifverträge verhandelt.

Im Bereich der Wohlfahrtsverbände geht es ver.di unterdessen darum, die verbesserte Eingruppierung im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst auf die freien Träger zu übertragen. »Das ist uns zum Teil gelungen, in anderen Fällen stellt es sich aber als sehr schwierig dar«, erläuterte Angelika Spautz vom Bereich Tarifpolitik im ver.di-Fachbereich 3. Problematisch sei auch die starke Zergliederung der Branche, in der es kaum Flächentarifverträge gibt. In etlichen Einrichtungen haben die Beschäftigten überhaupt keinen tarifvertraglichen Schutz. ver.di will das ändern und eine Strategie entwickeln, um die Tarifbindung zu erhöhen und Flächentarifverträge zu etablieren. »Wir müssen die Stärke vor Ort, in den Betrieben weiterentwickeln«, sagte Spautz. Wichtig sei auch die Vernetzung der Beschäftigten von freien und öffentlichen Trägern. »Gemeinsam können wir gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit auftreten, um Aufwertung und Entlastung einzufordern.«

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt