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»Tarifflucht wegputzen«

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»Tarifflucht wegputzen«

Beschäftigte der Servicetochter des Göttinger Uniklinikums streiken für Gleichbehandlung. Sie verdienen bis zu 50 Prozent weniger als ihre direkt angestellten Kolleg/innen.
Menschen mit Fahnen und Bannern Klaus Peter Wittemann September 2018: Warnstreik beim UMG Klinikservice

Diese Warnung war nicht zu überhören: Mehr als 250 Beschäftigte der ausgegliederten Servicetochter der Göttinger Universitätsmedizin, UMG Klinikservice GmbH, zogen am Mittwoch (26. September 2018) durch die niedersächsische Universitätsstadt und skandierten »Gleiche Arbeit, gleicher Lohn – alles andere ist ein Hohn!« Studierende eines linken Wohnprojekts grüßten mit Transparenten und Konfettikanonen. Teilnehmer/innen des zeitgleich tagenden Soziologie-Kongresses zeigten ihre Solidarität. Und auch die Präsidentin der Universität – neben der Uniklinik Eigentümer der Servicegesellschaft – äußerte ihre Unterstützung.

Es ist der erste Streik, seit die Dienstleistungsbereiche vor gut zehn Jahren aus der Göttinger Uniklinik ausgegliedert wurden. Die rund 700 Beschäftigten der GmbH verdienen nur einen Bruchteil so viel wie ihre etwa 400 von der Muttergesellschaft »gestellten« Kolleg/innen – obwohl sie die gleiche Arbeit machen. »Man fühlt sich minderwertig«, sagt eine 52-jährige, die seit zehn Jahren als Reinigungskraft im Uniklinikum arbeitet. Sie könne nicht verstehen, warum sie für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt wird. Wie für alle anderen, ist es auch für sie der erste Streik. »Das fühlt sich cool an«, sagt sie. Auch ihre Kollegin findet es »toll, dass wir so viele sind«. Sie hält ein selbst gemaltes Schild in die Höhe, »Tarifflucht wegputzen«, steht darauf. »Nur mit Masse kann man etwas bewegen«, ist die 37-Jährige überzeugt.

ver.di fordert, dass die Löhne und Arbeitsbedingungen an den Tarifvertrag der Länder (TV-L) angeglichen werden, der in der Muttergesellschaft gilt. »Ich verdiene in Vollzeit kaum mehr als jemand mit einer halben Stelle an der Uni«, sagt Petra Rudolph aus der Wäscherei. Ihr Stundenlohn liegt bei 10,61 Euro pro Stunde, wenn sie krank oder in Urlaub ist, sind es nur 10,30 Euro. »Wie soll ich bei einem solchen Einkommen im Alter über die Runden kommen?«, fragt die 55-Jährige. »Ich sehe Jahr für Jahr, was mir an gesetzlicher Rente zusteht – das ist echt traurig.«

Es gehe nicht nur um den Monatslohn, betont ihre Kollegin Anja Saul. »Bezahlte Pausen, betriebliche Altersversorgung, Jahressonderzahlung, Überstundenkonto – all das gibt es nur für Altbeschäftigte, für uns nicht.« Auch in vielen anderen Aspekten würden die GmbH-Angestellten benachteiligt, kritisiert die 40-jährige Wäschereibeschäftigte. Während die »Gestellten« der Uniklinik feste Arbeitsplätze hätten, würden die GmbH-Angestellten hin und her geschoben. »Wir müssen rotieren und total flexibel sein, das ist extrem anstrengend.« Ihre Kollegin Antje Weiland berichtet, dass vor allem Frauen von den miesen Bedingungen betroffen sind: »Die Männer sind fast alle in Vollzeit, aber uns Frauen werden keine Vollzeitstellen angeboten.«

Für Dorothea Hellenthal, die im »Supportbündnis Tarifvertrag« aktiv ist, ist das ein Grund, sich für die Servicebeschäftigten zu engagieren. »Dass vor allem Frauen unter schlechten Arbeitsbedingungen und niedriger Bezahlung zu leiden haben, ist ein gesellschaftliches Problem, das uns alle angeht«, sagt die 20-Jährige. Das findet auch die Soziologie-Professorin Nicole Mayer-Ahuja, die eine kurze Rede vor den Streikenden hielt. Die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie beim großen Soziologie-Kongress, der dieser Tage in Göttingen stattfindet, hatte ihre Tagung extra unterbrochen, um den Servicekräften ihre Solidarität zu bekunden. »Wenn die Löhne so niedrig sind, dass die Menschen nicht von ihrer Arbeit leben und fürs Alter vorsorgen können, ist das nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem«, erklärte die Wissenschaftlerin. »Es imponiert mir gewaltig, dass Sie trotz prekärer Bedingungen für ihre Interessen einstehen – davon braucht es mehr«, so Mayer-Ahuja gegenüber den Streikenden.

Deren Aktionen machen offenbar auch auf die Verantwortlichen Eindruck. Die Präsidentin der Göttinger Universität, Ulrike Beisiegel, der im Rahmen der Demonstration über 400 Unterschriften für einen Tarifvertrag übergeben wurde, erklärte: »Ich halte Ihnen die Daumen und hoffe, dass sie etwas Gutes erreichen.« Als Mitgesellschafterin könnte die Uni-Chefin dazu ihren Beitrag leisten. »Universität und Uniklinik müssen der Servicegesellschaft den notwendigen finanziellen Spielraum geben, damit sie ein verhandlungsfähiges Tarifangebot unterbreiten kann«, forderte der ver.di-Sekretär Patrick von Brandt. Die Kosten für eine Angleichung der Gehälter an den Länder-Tarif bezifferte er auf rund sieben Millionen Euro, was etwa einem Prozent des Jahreshaushalts der Universitätsmedizin entspreche. »Eine gute Hygiene und funktionierende Dienstleistungen sollten den Verantwortlichen das Wert sein.«

Tanja Pfahlert von der ver.di-Tarifkommission nannte den Warnstreik einen sehr guten Auftakt. »Ich bin stolz, dass sich so viele Kolleginnen und Kollegen auf die Straße getraut haben«, so die Reinigungskraft. Auf der Streikversammlung berichteten eine Reihe von Beschäftigten von Einschüchterungsversuchen durch Vorgesetzte. »Viele Kollegen wissen nicht, dass sie das Recht haben, zu streiken«, sagte Bekim Abdula, der im Zentral-OP arbeitet. »Wir müssen mit ihnen reden und sie aufklären. Denn damit es dem Arbeitgeber wirklich weh tut, müssen wir beim nächsten Streik noch mehr werden.« Olcaj Özalbayrak vom internen Krankentransport meinte: »Wir müssen noch mehr Leute überzeugen, in die Gewerkschaft einzutreten. Wir machen das für uns, für unsere Rente, für unsere Kinder.«

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