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»Ein Zimmer in 5 Minuten«

»Ein Zimmer in 5 Minuten«

In Windeseile wischt die Reinigungskraft im Krankenzimmer mit einem Lappen über die Nachttische neben den beiden Betten, kurz über Tisch, Fensterbank und Heizung, eilt weiter ins Bad, leert den Mülleimer, putzt Toilette und Waschbecken. »Ich muss schnell arbeiten, weil die Zeit super, super kurz ist«, sagt Süheyla. Reinigungskräfte in Kliniken haben die Vorgabe, ein Krankenzimmer in fünf Minuten gründlich zu reinigen. Ein neues Video von ver.di TV beweist: Das ist nicht zu schaffen!

»Ein Zimmer in 5 Minuten«, lautet der Titel des fünfminütigen Clips. Darin ist im Zeitraffer zu sehen, wie Süheyla das Zweibettzimmer zügig reinigt, nach fünf Minuten aber noch lange nicht fertig ist. Im Video berichtet die Reinigungskraft, dass sie nachgefragt hätten, wie diese Zeitvorgabe zustande kommt. »Das würde berechnet, am Computer«, so die Antwort. Sie gebe sich wirklich große Mühe, sagt Süheyla. »Ich denke immer, es könnte ja meine Mutter oder meine Schwester da liegen und versuche, so gewissenhaft wie möglich meine Arbeit zu tun.« Doch für eine gründliche Reinigung bräuchte es ihrer Meinung nach 15 bis 20, 25 Minuten pro Zimmer.

Nebenbei wird die Reinigungskraft immer mal wieder gebeten, Blut oder Urin in einem Zimmer wegzuputzen. Diese Zeit ist gar nicht eingeplant, deshalb fehlen ihr die Minuten später. »Es ist ein Knochenjob«, sagt Süheyla. Nach Feierabend ist sie völlig erschöpft, mag kaum noch ein Wort mit ihrer Familie wechseln, ihr tun Arme, Beine und Rücken weh. Dafür erhalte sie einen Mindestlohn von 11,11 Euro, berichtet die Reinigungskraft. »Und das reicht bei Weitem nicht, um deinen privaten Haushalt zu führen, bei Weitem nicht, um sich irgendwas zu leisten.« Viele Kolleginnen und Kollegen bräuchten einen Nebenjob, um über die Runden zu kommen, seien völlig kaputt.

Süheyla betont, dass es ihr auch für die Patientinnen und Patienten leid tue, »aber es fehlt uns die Zeit«. In Deutschland sterben jährlich 10.000 bis 20.000 Patient*innen an Krankenhauskeimen, heißt es in dem Video. Als die fünf Minuten vorbei sind, läuft die Stoppuhr im Video weiter: Nach 9:28 Minuten ist Süheyla mit der oberflächlichen Reinigung des Zimmers fertig – und eilt weiter. Wenn es schon Zeitvorgaben geben müsse, sagt Süheyla, dann verlange sie realistische Angaben, nicht vom Computer vorgegeben. »Wir sind Menschen, keine Roboter.«

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