Rettungsdienst

»Wenn ich es kann, muss ich es machen«

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»Wenn ich es kann, muss ich es machen«

Seiner Überzeugung muss man folgen. Das wusste schon Martin Luther, der auch nicht anders konnte.
An Bord der Sea Watch werden Menschen gerettet SEA-WATCH Seiner Überzeugung muss man folgen. Das wusste schon Martin Luther, der auch nicht anders konnte. An Bord der Sea Watch werden Menschen gerettet

Thorsten Kliefoth ist Notfallsanitäter. Seit drei Jahren ist der langjährige Betriebsrat und Gewerkschafter zudem bei der Initiative Sea-Watch, um Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten.

Offene See, kein Land in Sicht. Das kleine Schlauchboot treibt manövrierunfähig auf dem Mittelmeer. Entkräftet wirkende Männer sitzen auf dem Rand, ihre Beine baumeln gefährlich weit über die Bordwand, so wenig Platz ist auf dem überfüllten Boot. „Es flüchten nicht nur junge, starke Männer. Aber sie sind eben diejenigen, die man von außen zuerst sieht“, sagt Thorsten Kliefoth und deutet mit dem Finger auf das Foto auf seinem PC-Bildschirm. Im Innenraum des Schlauchbootes aus schwarzem Kunststoff drängen sich zahlreiche Frauen und Kinder in der größtmöglichen Sicherheit, die an Bord einer solchen Nussschale möglich ist. Thorsten Kliefoth hat das Foto selbst aufgenommen. Er ist 52 Jahre alt und arbeitet als Notfallsanitäter in Itzehoe. Und seit drei Jahren engagiert er sich bei der Initiative Sea-Watch e. V. und hilft in seiner Freizeit, flüchtende Menschen mit der zivilen Seenotrettung in Sicherheit zu bringen.

Jetzt sitzt Thorsten in seinem Wohnzimmer in Heiligenstedten, klickt durch die Fotos auf dem Computer. Im Kopf nehme er keine Bilder von seinen Einsätzen vor der griechischen Insel Lesbos und dem Inselstaat Malta mit nach Hause, sagt er und denkt doch lange über diese Feststellung nach. Die Stille im Raum hält er aus.

Die Grenzen

Das Fotoarchiv auf seinem Computer hilft Thorsten dabei, seine Erinnerungen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Siebenmal war der Norddeutsche inzwischen für Sea-Watch unterwegs. Auf den hochseetüchtigen Schiffen „Sea-Watch 2“ und „Sea-Watch 3“ sowie mit einem kleinen Suchflugzeug, das über dem Mittelmeer seine Bahnen zieht. Thorsten bevorzugt den Einsatz auf dem Wasser, denn da könne er unmittelbarer helfen. „Aus dem Flugzeug sehe ich einen Notstand, kann Hilfe aber nur vermitteln. Das ist schwer für jemanden, der gewöhnt ist, Hand anzulegen“, sagt er. Die kleine Klinik an Bord der „Sea-Watch 3“ sei sehr ähnlich ausgestattet wie der Rettungswagen, mit dem er in Itzehoe unterwegs ist. Nur auf ein Beatmungsgerät habe man an Bord des Schiffes bewusst verzichtet: Die weitere Versorgung eines künstlich beatmeten Patienten an Land könne meist nicht schnell genug gewährleistet werden. „Da muss man einfach die Grenzen unserer Möglichkeiten an Bord anerkennen“, sagt Thorsten.

Das Signalrot seiner Fleecejacke scheint das einzig Aufgeregte an dem hageren Mann mit der schmalen schwarz umrandeten Brille. Der große Unterschied zu seinen Einsätzen als Notfallsanitäter in Deutschland? Auf dem Schiff versorge er die Patienten zwei bis drei Tage. Dadurch fielen sehr viele pflegerische Tätigkeiten in der Versorgung der Patienten an, die nicht in das typische Portfolio eines Notfallsanitäters passten.

Über einen Facebook-Post ist er 2015 auf Sea-Watch aufmerksam geworden. Gesucht wurde medizinisches Personal mit Erfahrungen im Wassersportbereich für die zivile Seenotrettung. Als passioniertem Segler und erfahrenem Notfallsanitäter sei ihm schnell klar gewesen, dass er eine solche Aufgabe sowohl auf der fachlichen als auch auf der physischen und psychischen Ebene bewältigen könne. „Wenn ich das kann, dann muss ich das auch machen“, sagt das langjährige Gewerkschaftsmitglied über seine Motivation zu helfen. Kein großes Aufheben. Überflüssige Worte sind nicht sein Ding.

Die Kopfbilder

Und dann tauchen sie doch auf, die Bilder in seinem Kopf. Die, von denen er sagt, er nehme sie nicht mit nach Hause. Im Januar dieses Jahres findet die Crew der „Sea-Watch 3“ mitten in der Nacht ein Schlauchboot mit etwa 165 Menschen, 80 See­meilen vor der libyschen Küste. Die Flüchtenden haben da schon 26 Stunden Irrfahrt hinter sich. Das habe ihn sehr berührt, sagt Thorsten. Auch ein Gottesdienst von Eritreern in der Sicherheit der „Sea-Watch 3“ bleibt unvergessen. „Die Menschen bekommen schlicht und ergreifend ihre Würde zurück“, sagt er. Aber auch das gibt es: Eine zuvor gesichtete Wasserleiche, die sie aufgrund der Drift nicht mehr wiederfinden, um zumindest einige Daten für die Identifizierung aufnehmen zu können. Thorsten berichtet mit gleichbleibend ruhiger Stimme, nur seiner Wortwahl lässt sich entnehmen, wie sehr ihn der nicht wiedergefundene Ertrunkene bewegt. In seiner direkten Obhut, sagt er, sei zum Glück noch niemand an Bord verstorben.

Trotz der Erlebnisse auf dem Wasser – seinen Zauber habe das Mittelmeer für ihn nicht verloren, sagt Thorsten. Er dreht sich eine Zigarette, neben ihm auf dem Sofa dösen sein Windhund und die kniehohe Dackel-Terrier-Mischung seiner Frau. „Unsere Hochzeitsreise haben wir deshalb nach Lesbos gemacht“, sagt er. Gabi ist Pastorin. Thorsten hat sie während einer Fortbildung für Notfallseelsorger im Jahr 2000 kennengelernt und erst 2015 wieder getroffen, kurz nachdem er sich bei Sea-Watch beworben hatte. Sein Einsatz für Sea-Watch stand für beide nie zur Debatte. „Meine Frau unterstützt mich voll“, sagt Thorsten. Auch wenn es für diejenige, die zu Hause bleibt, natürlich schwieriger sei, die Zeiten der Abwesenheit zu erleben, als für denjenigen, der losfahre.

Den Menschen die Würde zurückgeben: Thorsten Kliefoth im Einsatz Sea-Watch Den Menschen die Würde zurückgeben: Thorsten Kliefoth im Einsatz

Sechs Wochen war der Notfallsanitäter dieses Jahr für Sea-Watch unterwegs. Um dieses Engagement mit seinem „normalen“ Arbeitsleben vereinbaren zu können, hat Thorsten eine besondere Regelung mit seinem Arbeitgeber gefunden, der kommunal getragenen Rettungsdienst Kooperation in Schleswig-Holstein gGmbH (RkiSH). Er hat seine vertragliche Arbeitszeit reduziert, arbeitet jedoch im Vollzeitmodus, wenn er in Deutschland ist. So sammelt Thorsten gezielt Überstunden, die er für sein ehrenamtliches Engagement einsetzt. Reguläre Urlaubstage muss er für seine Sea-Watch-Einsätze daher kaum nutzen. Den entsprechenden Verdienstausfall könne er sich zum Glück leisten. „Meinem Arbeitgeber und auch den Kolleginnen und Kollegen bin ich sehr dankbar, dass sie das mittragen und ermöglichen“, sagt Thorsten. Als langjähriges Betriebsratsmitglied weiß er genau um den zusätzlichen Arbeitsaufwand, etwa bei der Planung der komplizierten Schichtdienste. Auch kurzfristige Einsätze für Sea-Watch würden seine Kolleginnen und Kollegen bei der RkiSH abfedern, selbst wenn nicht alle positive Erfahrungen mit geflüchteten Menschen gemacht haben.

Die Urteilskraft

Thorstens Kollege Andreas Krey aber hat sich inspirieren lassen. Nun sind die beiden nicht nur gemeinsam beim RkiSH im Einsatz, sondern waren in diesem Jahr auch schon zusammen auf der „Sea-Watch 3“. Krey, 44, schätzt Thorstens „barbarische Ruhe“. Besonders in hektischen Situationen, die im Rettungswagen und bei der Seenotrettung an der Tagesordnung seien, könne man sich auf Thorstens Urteilskraft und seinen Überblick verlassen. Manchmal aber, zum Beispiel wenn es darum gehe, das Schiff aufzuklaren, könne einem diese stoische Ruhe auch mal „auf den Sack gehen“, sagt Krey mit einem Schmunzeln. „Thorsten dreht nichts so einfach aus der Welle, und deshalb ist es unheimlich entspannt, mit ihm zusammen zu arbeiten.“

Und doch – zuweilen bilden sich Falten auf der Stirn unterhalb der grau-blonden Haare des sonst so besonnenen Norddeutschen. Wenn Thorsten Sätze hört, die die zivile Seenotrettung als „Migrantentaxi“ bezeichnen oder sie mit Schleppern gleichsetzen, fällt es ihm schwer, gelassen zu ­bleiben. Eine ganze Sammlung mit menschenverachtenden Kommentaren aus den „sozialen Medien“ hat er auf seinem Rechner gespeichert. Während er einige davon vorliest, klingen Wut und Unverständnis durch die bisher selbstbeherrschte Ruhe. „Jeder Mensch sollte das Recht haben, einen Asyl-Antrag an einem sicheren Ort stellen zu können, ohne dass er sich vorher in Lebensgefahr begeben muss“, sagt er.

Und dann ruft er seine drei Lieblingsbilder auf. Ein kleiner Junge spielt in der Klinik der „Sea-Watch 3“ mit einem Crewmitglied. Langsam, von Bild zu Bild, scheint die Anspannung von dem etwa 4-⁠jährigen Kind abzufallen, die Angst zieht sich aus seinem Blick zurück. Es sind diese Momente, wegen derer Thorsten Kliefoth wohl auch im nächsten Jahr wieder mit Sea-Watch auf dem Mittelmeer unterwegs sein wird.

Spenden

Ein Menschenleben ist unbezahlbar, Seenotrettung nicht. Wer Sea-Watch und die aktuelle Mission Sea-Watch 3 unter­stützen will, kann unter dem Stichwort „ver.di hilft“ an die unten angegebene Kontoverbindung spenden.

Empfänger: Sea-Watch e. V.
IBAN: DE77 1002 0500 0002 0222 88
BIC: BFSWDE33BER
Bank für Sozialwirtschaft AG Berlin

 

Der Artikel ist ursprünglich erschienen in der ver.di Publik.

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