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Gut organisiert und erfolgreich

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Gut organisiert und erfolgreich

ver.di-Aktive der Reha-Fachklinik Waldeck haben ihre Kolleg*innen systematisch informiert, organisiert und mobilisiert – und so einen guten Tarifvertrag durchgesetzt.
Beschäftigte der Fachklinik Waldeck freuen sich über ihren Tariferfolg. ver.di Beschäftigte der Fachklinik Waldeck freuen sich über ihren Tariferfolg.

»Wir sind ganz neue Wege gegangen«, sagt die Physiotherapeutin Michaela Schirmer über die soeben erfolgreich abgeschlossene Tarifauseinandersetzung an der Fachklinik Waldeck. Jahrelang wurden die Beschäftigten der zur Alpenland-Gruppe gehörenden Reha-Klinik in der Nähe von Rostock mit Niedriglöhnen abgespeist. So lag das Einstiegsgehalt einer examinierten Pflegekraft in Vollzeit bei nur 2.050 Euro – fast 800 Euro weniger als im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). »Dass ich mit Anfang 30 noch auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen war, weil ich mir die Reparatur meines Autos nicht leisten konnte, hat mich beschämt und aufgeregt«, blickt die heute 35-Jährige zurück. Sie trat in die Gewerkschaft ein und ließ sich in die Tarifkommission wählen.

Diese beschloss, den Tarifkonflikt mit Hilfe eines neuen »Organizing«-Ansatzes aus den USA zu führen. »Wir mussten vor allem lernen, dass es nicht ver.di für uns macht, sondern dass wir selbst für den Erfolg zuständig sind«, berichtet Schirmer. Die Aktiven übten, wie sie ihre Kolleginnen und Kollegen ansprechen und zum Mitmachen bewegen können. Das mit großem Erfolg: Inzwischen sind fast 200 der 311 Beschäftigten bei ver.di organisiert. Mit einer Unterschriftenaktion und zwei Foto-Petitionen dokumentierten bis zu 256 Kolleg*innen ihre Unterstützung für die ver.di-Forderungen. »Damit zeigen die Beschäftigten zum einen Stärke gegenüber dem Arbeitgeber, zum anderen stärken solche Aktionen auch das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Belegschaft«, erläutert der ver.di-Sekretär Johannes Brückner.

Beschäftigte der Fachklinik Waldeck zeigen Solidarität mit ihren Servicekolleg*innen. ver.di Beschäftigte der Fachklinik Waldeck zeigen Solidarität mit ihren Servicekolleg*innen.

Bei einer der Foto-Aktionen stand die Solidarität mit den Kolleg*innen aus Küche, Reinigung und Service im Zentrum, mit deren Ausgliederung der Arbeitgeber während der Verhandlungen drohte. Die Beschäftigten in diesen Bereichen werden bislang lediglich auf dem Niveau der Branchenmindestlöhne vergütet. Mit der am Mittwoch (8. Juli 2020) unterschriebenen Eckpunktevereinbarung erhalten sie 100 Euro mehr im Monat. Die anderen Beschäftigten bekommen ab Juli sogar 300 Euro mehr Geld. »Die Benachteiligung der Servicebeschäftigten war die einzige große Kröte, die wir beim Tarifabschluss schlucken mussten, das ist allen nicht leicht gefallen«, sagt Brückner. Von der steuerfreien Corona-Prämie von 1.000 Euro profitieren hingegen alle gleichermaßen. Zudem sind auch die Servicebeschäftigten mit dabei, wenn ab Anfang nächsten Jahres über eine Angleichung der Löhne und Gehälter an den Flächentarifvertrag TVöD verhandelt wird.

Mit dem nur bis Jahresende laufenden Tarifvertrag werden die Entgelte von etwa 69 auf zwischen 80 und 85 Prozent des TVöD-Niveaus angehoben. Die elf Auszubildenden kommen auf gut 92 Prozent des Flächentarifs. Der Grund für die kurze Laufzeit ist das geplante Intensivpflege- und Reha-Stärkungsgesetz, das im Herbst verabschiedet werden soll und die Möglichkeiten von Reha-Einrichtungen verbessert, Tarifsteigerungen zu refinanzieren. Vor diesem Hintergrund hat sich der Arbeitgeber dazu verpflichtet, im Januar über die Übernahme des TVöD zu verhandeln. »Der Belegschaft war es wichtig, dass Küche, Reinigung und Service bei diesen Verhandlungen mit dabei sind, deshalb haben wir die geringere Erhöhung für die nächsten Monate in Kauf genommen«, erklärt Brückner.

Gefordert und durchgesetzt: 251 Beschäftigte der Fachklinik Waldeck fordern auf handgeschriebenen Plakaten 300 Euro mehr. ver.di Gefordert und durchgesetzt: 251 Beschäftigte der Fachklinik Waldeck fordern auf handgeschriebenen Plakaten 300 Euro mehr.

»Insgesamt ist das ein super Ergebnis«, meint Schirmer. Sie und alle anderen zwölf Tarifkommissionsmitglieder haben die Verhandlungen mit geführt und gemeinsam mit den Vertrauensleuten über jeden Schritt beraten. »Transparenz zu schaffen ist ganz wichtig«, findet die Physiotherapeutin. Das habe auch während des coronabedingten »Lockdowns« gut geklappt. »Wir haben in dieser Zeit andere Wege gefunden, uns über Videokonferenzen und Mailverteiler ausgetauscht und unsere Forderungen zum Beispiel mit Zetteln hinter der Windschutzscheibe unserer Autos sichtbar gemacht.«

So bewegten sie den Arbeitgeber nach und nach zu Zugeständnissen. Als dieser diejenigen Beschäftigten, die ihre Kündigung eingereicht haben, von der 1.000-Euro-Prämie ausschließen wollte, drohten die Verhandlungen auf den letzten Metern noch zu scheitern. »Das betraf acht Leute, die schon viele Jahre zu miesen Bedingungen in der Klinik gearbeitet und sich die Prämie mehr als verdient hatten – eine für den Arbeitgeber lächerlich geringe Summe«, betont Schirmer. »Da haben wir gesagt: Schluss, wenn er hier bis zum nächsten Tag um 12 Uhr nicht nachgibt, dann streiken wir eben.« Um 9 Uhr kam die entsprechende Zusage.

»Wir haben aus all dem gelernt: Wenn wir in Tarifverhandlungen etwas erreichen wollen, brauchen wir einen hohen Organisationsgrad und Durchsetzungskraft«, erklärt Schirmer. Das gelte auch für die im nächsten Jahr anstehenden Verhandlungen über eine Angleichung an den TVöD, die sicher nicht einfach würden. »Die Stärke dafür zu entwickeln, bedeutet harte Arbeit – die geht auch nach diesem Tarifabschluss weiter.«

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