Psychiatrie

Reform des Psychotherapeutengesetzes

Ausbildung

Reform des Psychotherapeutengesetzes

Anforderungen aus gewerkschaftlicher Sicht

Am 20.07.2017 hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) den Arbeitsentwurf eines Gesetzes zur Reform der Psychotherapeutenausbildung vorgelegt. Die Vorlage eines Referentenentwurfs steht weiterhin aus. Der Ankündigung im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD für die 19. Legislaturperiode, die Novellierung der Psychotherapieausbildung zügig abzuschließen, müssen schnell weitere Schritte folgen. Notwendig ist ein zügiger Abschluss der Reform unter breiter Beteiligung der betroffenen Akteure.

Aufgrund der Bologna-Reform müssen die Zugangsvoraussetzungen zur jetzigen Psychotherapeutenausbildung seit langem angepasst werden. Zudem ist die Situation der Psychotherapeut/innen in Ausbildung (PiA) während ihrer Ausbildung gemäß Psychotherapeutengesetz (PsychThG) finanziell zumeist prekär. Deshalb bedarf es eines umfassenden Konzepts für die Neuordnung von Aus- und Weiterbildung für Psychotherapeut/innen. Angekündigt ist zwar, dass die nach dem Studium notwendige konsekutive psychotherapeutische Fachweiterbildung im Rahmen der Kammervorschriften erfolgen soll. Seitens des Gesetzgebers sind dafür aber die Rahmenbedingungen so zu regeln, dass die Weiterbildung in hinreichender Qualität und Quantität gewährleistet ist.

Im Folgenden werden – auf der Grundlage des vorgelegten Arbeitsentwurfs des BMG – Anforderungen an eine Reform aus gewerkschaftlicher Sicht formuliert. Sie stellen einen wesentlichen Maßstab für unsere Bewertung des ausstehenden Referentenentwurfs dar und bieten darüber hinaus Vorschläge für die Ausgestaltung der Weiterbildung:

  1. Das Studium und die wesentlichen Rahmenbedingungen der anschließenden Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin/zum Fachpsychotherapeuten müssen gemeinsam und gleichzeitig in einem Gesamtkonzept beraten werden. Derzeit fehlt es an entsprechenden Vorschlägen, wie die Weiterbildung gestaltet werden soll. Für eine umfassende Bewertung des Reformkonzeptes ist dies jedoch unbedingt erforderlich.
  2. Die Qualifizierung der Heilberufe ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Kosten auch gesellschaftlich zu tragen sind. Dafür spricht auch, dass dem Beruf der Psychotherapeutin/des Psychotherapeuten in zunehmenden Maße in unserem Gesundheitssystem Bedeutung zukommt.
  3. Sowohl im Studium als auch in der Weiterbildung müssen unterschiedliche ambulante sowie stationäre Versorgungsbereiche inkl. der sektorübergreifenden Versorgung berücksichtigt werden. Derzeit zielt die Ausbildung zumindest implizit auf eine spätere Niederlassung im vertragsärztlichen/-psychotherapeutischen Bereich. Das ist verengt und führt dazu, dass viele zentrale Tätigkeitsfelder von Psychotherapeut/innen zunehmend vernachlässigt werden. Es bietet sich daher an, in weiteren institutionellen Feldern wie Beratungsstellen Weiterbildung zu ermöglichen.
  4. Die psychotherapeutische Verfahrensvielfalt (über die jetzigen Richtlinienverfahren hinaus) muss in Studium und Weiterbildung gewährleistet sein. Bislang wird auch die Psychotherapieforschung in deutschen Hochschulen künstlich verengt. Es bedarf daher der Anpassung der sogenannten Legaldefinition von Psychotherapie.
  5. Das Psychotherapiestudium muss horizontal und vertikal möglichst durchlässig ausgestaltet werden, sodass Quereinstiege – auch in Bezug auf Staatsexamen – möglich sind. Fehlende Module sollten während des Studiums (Übergang von Bachelor zu Master) oder nach dem Masterabschluss nachgeholt werden können.
  6. Die praktischen Ausbildungsphasen im Studium müssen Qualitätsstandards unterliegen (u.a. Anleitung und Supervision). Wichtig ist, dass die beteiligten Einrichtungen in die Pflicht genommen werden. Dafür braucht es verbindliche gesetzliche Vorgaben sowie eine entsprechende Ausgestaltung der Kooperationsverträge. Damit die Studierenden während ihrer praktischen Ausbildungsphasen ausreichend geschützt sind, bedarf es zudem auch einer vertraglichen Bindung zwischen den Einrichtungen und den Studierenden, um u.a. entsprechende Schutzrechte für die Studierenden und ggf. – je nach Umfang der geplanten praktischen Ausbildungsphasen – eine angemessene Aufwandsentschädigung bzw. möglicherweise sogar eine Vergütung regeln zu können.
  7. Die Weiterbildung nach dem Staatsexamen muss ausschließlich und in allen Einsätzen im Angestelltenverhältnis und damit in einem gesicherten arbeitsrechtlichen und sozialversicherungsrechtlichen Status stattfinden. Für den jeweiligen Weiterbildungsabschnitt sind schriftliche Verträge mit den Einrichtungen zu schließen, die den arbeitsrechtlichen Standards entsprechen, in denen u.a. eine angemessene Weiterbildungsvergütung, Urlaub, Freistellungsregelungen, Voraussetzungen für die Kündigung, die regelmäßige tägliche oder wöchentliche Arbeitszeit, die Dauer und eine zeitliche Gliederung der Weiterbildung festgelegt sind. Die Weiterbildungsteilnehmer/innen unterliegen während der gesamten Weiterbildungszeit der betrieblichen Mitbestimmung. Die abgeschlossene Weiterbildung führt in Verbindung mit der Approbation zu facharztäquivalentem sozialrechtlichen Status und psychotherapeutisch angemessenen Befugnissen. Eine Weiterbildung in Teilzeit ist zu ermöglichen, die Weiterbildungszeit verlängert sich entsprechend.
  8. Die Weiterbildungsphasen in Kliniken und anderen Einrichtungen erfolgen unter Aufsicht/Anleitung entsprechend qualifizierter Berufsangehöriger, die für die Zeit der Aufsicht und Anleitung von ihren anderen Aufgaben freigestellt werden. Zu diesem Zweck sind in den Kliniken entsprechende verantwortliche Leitungsstellen für Psychotherapeutinnen bzw. Psychotherapeuten zu schaffen.
  9. Die Finanzierung der ambulanten Weiterbildungszeit muss durch die vertragsärztliche/-psychotherapeutische Versorgung geregelt sein (Anpassung des § 117 Abs. 3 SGB V) und zusätzlich gefördert werden, analog zur Förderung der ambulanten Allgemeinarztweiterbildungen.
  10. Psychotherapeut/innen benötigen auch vertiefte Kenntnisse zur psychopharmakologischen Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen. Hierzu gehört auch das Erkennen und Beherrschen von Nebenwirkungen und Intoxikationen. Diese vertieften Kenntnisse müssen grundsätzlicher Bestandteil der Approbationsausbildung sein. Ein spezieller Modellstudiengang Psychopharmakologie für ausgewählte Studierende dürfte dagegen nicht zielführend sein. Inwieweit spezielle Weiterbildungen zum Erwerb von Kompetenzen für die eigenständige Umsetzung psychopharmakologischer Behandlungen zu konzipieren und zu erproben sind, könnte zu einem späteren Zeitpunkt geprüft werden. Maßstab der Weiterentwicklung der Heilberufe muss dabei die Verbesserung der Versorgungsqualität sein.
  11. Es müssen angemessene Übergangsregelungen für die Teilnehmer/innen der jetzigen Ausbildung (PiA) und die Studierenden der jetzigen Studiengänge eingeräumt werden. Die bisher geplanten Regelungen bzw. Übergangszeiträume/-fristen sind nach den Erfahrungen aus der Praxis zu kurz. Viele PiA sind aufgrund ihrer prekären Situation in der Ausbildung auf Nebenjobs angewiesen, sodass sie länger für den Abschluss der (jetzigen) Ausbildung als die veranschlagten drei bis fünf Jahre brauchen. Dazu kommen häufig noch Erziehungs- und Betreuungszeiten, die die Ausbildung erfahrungsgemäß weiter ausdehnen. Auch sind die Umfänge der Zugangsstudiengänge zu berücksichtigen, weil insbesondere das Psychologiestudium bis heute von vielen Studierenden aufgenommen wird, um im Anschluss daran die Psychotherapieausbildung beginnen zu können. Diese Möglichkeit muss allen jetzigen Studierenden der Zugangsstudiengänge erhalten bleiben.
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