Psychiatrie

Zurück in die Zukunft

Fachtagung Psychiatrie

Zurück in die Zukunft

Um zu einer modernen Psychiatrie zu kommen, ist ein gesellschaftlicher Aufbruch wie in den 1970er Jahren nötig. Fachtagung diskutiert Konzepte für eine bessere Versorgung.
Publikum, stehende Kollegin mit Mikro André Fister Fachtagung Psychiatrie 2020: diskussion über die psychiatrische Versorgung der Zukunft

Wie muss die psychiatrische Versorgung der Zukunft aussehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Fachtagung Psychiatrie, die am 27. und 28. Februar 2020 in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin stattfand. Immer wieder kamen die rund 200 Teilnehmer*innen dabei auch auf die Vergangenheit zu sprechen – vor allem auf die Psychiatriereform der 1970er Jahre, die Teil eines grundlegenderen gesellschaftlichen Aufbruchs war. Ein solcher sei auch heute nötig, um die Versorgung psychisch kranker Menschen zu modernisieren und zu demokratisieren, so der Tenor vieler Redebeiträge auf der zwölften Tagung dieser Art, die erstmals von einer Psychiatrieerfahrenen, der Ex-IN-Genesungsbegleiterin Brigitte Silber mitmoderiert wurde

»Als ich Ende der 70er Jahre in die Psychiatrie gegangen bin, war diese beseelt vom Geist der Psychiatrie-Enquete«, erinnerte sich Brigitte Anderl-Doliwa von der Katholischen Hochschule Mainz. »Man hat versucht, Hierarchien abzubauen, das war zutiefst demokratisch.« Doch letztlich hätten sich diese demokratischen Bestrebungen nicht durchgesetzt, »weil wir auf der individuellen Ebene stehengeblieben sind«. Auch die Institutionen und die Gesellschaft als Ganzes müssten in den Blick genommen werden, forderte die Professorin für Psychiatrische Pflege. In den Gesundheitseinrichtungen sei eine »Kultur der Mitsprache« nötig, und eine stärkere Partizipation der Betroffenen.

Auch der Direktor des Departments für seelische Gesundheit im italienischen Triest, Roberto Mezzina, – der wegen der Ausbreitung des Coronavirus nicht vor Ort sein konnte, sondern per Skype zugeschaltet wurde – plädierte für einen kulturellen Wandel. Er stellte dar, wie die psychiatrische Versorgung in der norditalienischen Hafenstadt von großen Kliniken in lokale Gesundheitszentren verlagert wurde, die in den Stadtteilen niedrigschwellige Unterstützungsangebote machen. In diesen werde ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt und es herrsche das Prinzip der offenen Tür, was zur deutlichen Senkung der Rate von Zwangseinweisungen und Selbstmorden, aber auch der Kosten geführt habe. »Wir sind von der Hospitalisierung zur Gastfreundschaft übergegangen«, formulierte Mezzina. Voraussetzung sei eine offene Gesellschaft, die aber leider immer mehr infrage gestellt werde.

Ökonomie muss den Menschen dienen

Für einen Kulturwandel anderer Art sprachen sich Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Professor Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin aus – nämlich in Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Beide stellten diese vor allem als Chance dar, die man »nicht verschlafen« dürfe. Nötig sei nicht nur in diesem Zusammenhang die Vermittlung von »Gesundheitskompetenz«, die insbesondere bei Menschen mit geringem Bildungsgrad, Migrationshintergrund und chronischen Krankheiten oft unterentwickelt sei. So könne die gesundheitliche Chancengleichheit verbessert werden.

Elke Prestin vom Bundesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit warnte hingegen davor, dass der Verweis auf die individuelle Eigenverantwortung und die »ständige Selbstoptimierung in der Wettbewerbsgesellschaft« großen Druck ausüben könne. Wie in den 1970ern solle der Fokus wieder stärker auf gesamtgesellschaftliche Fragen gelegt werden. So zum Beispiel auf die Rolle der Ökonomie. Zwar seien Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit wichtig, die Ökonomie müsse aber den Menschen dienen – nicht umgekehrt. Keinesfalls dürfe die psychiatrische Versorgung ein Bereich für Profitmaximierung sein, forderte die psychiatrieerfahrene Linguistin.

»Wir brauchen eine neue Reformbewegung in der Psychiatrie, mit der subversiven Kraft der Sehnsucht nach einer solidarischen Welt«, sagte Prestin, deren Beitrag mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde. Eine wesentliche Forderung sei, dass Beschäftigte in den Einrichtungen genug Zeit haben, Beziehungen aufzubauen und persönliche Entwicklungsprozesse zu ermöglichen. Dafür brauche es eine gute Personalausstattung. »Sonst sind diejenigen Mitarbeitenden, die den Wunsch haben, für Menschen da zu sein, die ersten, die ausbrennen und den Beruf verlassen, weil die Rahmenbedingungen ihre Ideale zerstören.«

Neue Herausforderungen verlangen mehr Personal

Luciano Degano Kieser, Ärztin für Psychiatrie und Systemische Therapeutin aus Berlin, wies darauf hin, dass sich die Anforderungen an die Beschäftigten in den Einrichtungen deutlich verändert und erhöht haben. Einerseits würden vorhandene Kompetenzen und Erfahrungswissen durch neue Technologien abgewertet, andererseits wachse der Bedarf nach zusätzlichen Qualifikationen. Zugleich änderten sich die Ansprüche von Patient*innen und Angehörigen. »Sie erwarten, dass Zeit da ist für Gespräche und Informationen. Das stellt die Beschäftigten vor neue Herausforderungen.« Angesichts der Veränderungen bestehe die Gefahr des »Work-Live-Blending«, also des Verschmelzens von Arbeit und Privatleben zu Lasten des Letzteren. Dem müsse bewusst entgegengewirkt werden.

Sylvia Bühler am Pult André Fister Sylvia Bühler bei der Fachtagung Psychiatrie 2020

In ihrem Grußwort war ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler ebenfalls auf die wachsenden Herausforderungen eingegangen. Um sie zu bewältigen, müssten die Rahmenbedingungen stimmen, betonte die Gewerkschafterin. Und das heiße vor allem: genug Personal. »Mit einer guten Personalausstattung wären Zwangsmaßnahmen gegenüber Patient*innen und aggressive Situationen gegen Beschäftigte in vielen Fällen vermeidbar«, zeigte sich Bühler überzeugt. Sie schlug in ihrer Ansprache auch den Bogen zu den rassistischen Morden von Hanau und der zunehmenden Hetze gegen Migrant*innen, behinderte Menschen und andere. »Kein Menschenleben darf auf seine Nützlichkeit hin abgewogen werden«, so die Gewerkschafterin. »Wir müssen den rechten Demagogen und Faschisten entschieden entgegentreten.«

Für eine bedarfsgerechte Versorgung

Die kürzlich von Kliniken und Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossene Richtlinie »Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik« sei für eine moderne Psychiatrie völlig unzureichend, so der Tenor auf der Fachtagung. Arno Deister, Chefarzt am Klinikum Itzehoe, kritisierte, die Versorgungsqualität habe bei deren Entstehen keine Rolle gespielt. Zudem seien die Krankenkassen nicht verpflichtet, die vorgegebene Personalausstattung auch zu finanzieren. Jetzt müsse die Weiterentwicklung der Richtlinie – nicht nur der hinterlegten Minutenwerte, sondern auch ihrer Struktur – im Vordergrund stehen, meinte der Professor. Als Alternative sieht er das von den Fachgesellschaften entwickelten »Plattform-Modell«, das anders als die G-BA-Richtlinie nicht vom Status Quo, sondern vom tatsächlichen Versorgungsbedarf ausgeht.

Im Plattform-Modell seien »die erweiterten Anforderungen einer modernen Psychiatrie einbezogen«, betonte der Geschäftsführer des Forums für Gesundheitswirtschaft und Mitorganisator der Tagung, Peter Brückner-Bozetti. Dass das Konzept praktikabel und nicht nur für die stationäre Versorgung geeignet sei, habe eine Machbarkeitsstudie bestätigt, deren Methodik er detailliert erläuterte. Der ermittelte Mehrbedarf an Personal liege den Berechnungen zufolge bei etwa 30 Prozent, berichtete Brückner-Bozetti, wobei er zugleich auf einige Limitationen der Studie verwies. Im Vergleich zur alten Personalverordnung in der Psychiatrie (Psych-PV) müsse die Zahl der Stellen insbesondere bei Psychotherapeut*innen, aber auch bei Pflegekräften und anderen Berufsgruppen deutlich steigen.

Um solche Verbesserungen zu erreichen, müssten Beschäftigte und Betroffene »laut werden« und die Öffentlichkeit aufklären, so die Krankenschwester und Personalrätin Lilian Killian. Die Vorsitzende der ver.di-Bundesfachkommission Psychiatrie forderte bedarfsgerechte und verbindliche Personalvorgaben und verwies darauf, dass die bisherige Psych-PV in etlichen Kliniken nicht vollständig erfüllt werde. Das liege zum einen daran, dass die Länder ihrer Verpflichtung zur Finanzierung von Investitionen nur unzureichend nachkämen. »Zum anderen gibt es Unternehmen, die mit unseren Krankenkassenbeiträgen Aktionäre stopfen – und das wird geduldet.«

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