Psychiatrie

Bedarf ist der einzige sinnvolle Maßstab

Fachtagung Psychiatrie

Bedarf ist der einzige sinnvolle Maßstab

Zum Auftakt der Fachtagung Psychiatrie diskutieren Expert*innen über die neue Richtlinie zur Personalausstattung, Steuerungsmöglichkeiten und sinnvolle IT-Lösungen.
Fachtagung Psychiatrie 2019 Jan Düfelsiek Fachtagung Psychiatrie 2019

Bei der erstmals vor einer Fachtagung Psychiatrie ausgerichteten »Pre Conference« ging es am Mittwoch (17. Februar 2021) um weit mehr als um »intelligente IT-Lösungen fürs Personalmanagement«. Die Umsetzung der seit Anfang 2020 geltenden Richtlinie »Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik« (PPP-RL) wurde auf der vom »Forum für Gesundheitswirtschaft« organisierten Online-Tagung nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich diskutiert – und das aus verschiedenen Blickwinkeln. Während Stefan Günther von den Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) aus Managementsicht davor warnte, die Personalvorgaben zu schnell »scharf zu schalten«, betonten andere Referent*innen die Notwendigkeit bedarfsgerechter und verbindlicher Personalstandards für die Versorgungsqualität.

Der Chefarzt Dr. Arno Deister vom Klinikum Itzehoe, der im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) der Arbeitsgruppe zur Personalbemessung angehört, erklärte zum Auftakt der Debatte, es gebe »nur einen einzigen sinnvolle Maßstab für die Personalbemessung – und das ist der Bedarf der Menschen mit psychischen Erkrankungen«. Genug Personal sei für die Versorgungsqualität in psychiatrischen Einrichtungen der entscheidende Faktor. »Denn was die Psychiatrie ausmacht, sind Beziehungen – und Beziehungen brauchen Zeit.« Eine gute Personalbesetzung sei auch nötig, um Teilhabe sicherzustellen, Zwang zu vermeiden und eine partizipative Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Doch bei der Entwicklung der PPP-RL sei es gar nicht um Qualität und die Sicherstellung einer leitliniengerechten Behandlung gegangen, sondern lediglich um die Festschreibung von Mindestpersonalvorgaben.

»Was die Psychiatrie ausmacht, sind Beziehungen – und Beziehungen brauchen Zeit.«

Dr. Arno Deister, Chefarzt im Klinikum Itzehoe

»Diese sind wichtig, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten«, betonte Deister, »aber wir brauchen mehr«. Als Alternative sieht das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) weiterhin das von den Fachgesellschaften gemeinsam entwickelten »Plattform-Modell«, das bei der Vorgängertagung im Februar 2020 in Berlin vorgestellt worden war.

Der Referent für Medizin-Controlling Stefan Günther hob eher auf die praktischen Probleme ab, die sich den Einrichtungen durch die PPP-RL stellten. Würden bei Unterschreitung der Vorgaben ab dem kommenden Jahr »Sanktionen ohne Maß und Ziel« verhängt, könne dies die Existenz von Häusern gefährden. Allerdings muss die PPP-RL 2022 und 2023 nur zu 90 Prozent eingehalten werden. Angesichts der Konkurrenz um Fachkräfte – die sich durch die vollständige Refinanzierung von Pflegepersonalkosten in somatischen Kliniken noch verschärfe – müssten die Psychiatrie-Leitungen sowohl die Belegung als auch den Personaleinsatz besser steuern. Letzteres zum Beispiel durch die »Optimierung« der Einsatzplanung und des Ausfallmanagements, was allerdings »gar nicht so einfach« sei, wie Günther zugab. Das Ausfallmanagement müsse auch in den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen berücksichtigt werden. In jedem Fall sei eine strategische Personalplanung nötig, auch um den kurzfristigen Einsatz von Leihbeschäftigten möglichst zu vermeiden, den der Controlling-Experte als das »schlechteste Szenario« bezeichnete.

»Die Einrichtungen brauchen genug Personal, und das muss auch ausfinanziert werden.«

Gisela Neunhöffer, ver.di

Für Gisela Neunhöffer, die in der ver.di-Bundesverwaltung für psychiatrische Einrichtungen zuständig ist, ist die Priorität der beiden Steuerungsmöglichkeiten klar: Wenn es an Personal fehle, müsse die Belegung reduziert werden, statt die Beschäftigten »zu verschieben und zu überlasten«. Verlässliche Dienstpläne seien nicht nur für die Attraktivität der Berufe wichtig, sondern auch für die Versorgungsqualität. »Die Kolleginnen und Kollegen müssen in festen, aufeinander eingespielten, multiprofessionellen Behandlungsteams arbeiten können«, so Neunhöffer. Anders sei die von Professor Deister geforderte Beziehungsarbeit nicht umzusetzen.

Ziel müsse es sein, die PPP-RL schon jetzt zu 100 Prozent zu erfüllen, obwohl in den kommenden zwei Jahren Sanktionen erst bei einer Erfüllung von unter 90 Prozent greifen. »Die Richtlinie legt nur Mindeststandards fest«, erinnerte sie. Würden sie unterschritten, seien erhebliche Qualitätsverluste die Folge. Neunhöffer warnte vor einer »Überlastungsspirale«, in der immer mehr Beschäftigte wegen der schlechten Arbeitsbedingungen die Psychiatrien verlassen und sich der Personalmangel dadurch weiter verschärfe. »Die Einrichtungen brauchen genug Personal, und das muss auch ausfinanziert werden.« In Bezug auf neue IT-Anwendungen im Personalmanagement erklärte sie, die betrieblichen Interessenvertretungen müssten bei deren Einführung und Anwendung intensiv einbezogen werden.

Das bekräftigte auch Dr. Peter Brückner-Bozetti vom »Forum für Gesundheitswirtschaft«. »Ein gutes Management kann nur funktionieren, wenn es die Interessenvertretung systematisch einbezieht«, sagte der Mitorganisator der bis Freitag laufenden Online-Tagung, zu der über 300 Menschen angemeldet sind. Die Einführung neuer IT-Systeme müsse »im Spannungsfeld von Qualität, Management und Mitbestimmung gestaltet werden«, erklärte Brückner-Bozetti. Die Pre-Conference-Workshops sollten hierüber einen Dialog zwischen den Entscheider*innen in den Einrichtungen, den Beschäftigtenvertretungen und den IT-Anbietern anstoßen. Sollte sich das Konzept bewähren, soll der Austausch kein einmaliges Ereignis bleiben.

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