Psychiatrie

Psychiatrie: Entlastung statt Ausflüchte

Psychiatrie: Entlastung statt Ausflüchte

Klinikbetreiber nutzen Studie zum Fachkräftemangel als Argument gegen verbindliche Personalvorgaben. Sie sollten stattdessen endlich für bessere Arbeitsbedingungen sorgen.
großes Transparent: Menschliche Psychatrie braucht PsychPV plus Roland Frey Psychiatrie-Beschäftigte vertreten ihre Forderungen bei der Demonstration anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz in Düsseldorf im Juni 2018

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bleibt sich treu: Statt den Personalmangel in der stationären Psychiatrie endlich anzugehen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, redet sie sich mit dem Fachkräftemangel heraus und agitiert gegen verbindliche Personalvorgaben. »Objektive Stellenbesetzungsunmöglichkeiten müssen akzeptiert werden, sonst kollabiert die Versorgung«, so DKG-Präsident Gerald Gaß in Bezug auf die Debatte über neue personelle Mindeststandards, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erarbeitet werden sollen. In der Tat droht in psychiatrischen Einrichtungen – wie in den somatischen Kliniken – ein Kollaps der Versorgung. Aber nicht wegen zu hoher Personalstandards, sondern im Gegenteil: Die Arbeitgeber sparen weiterhin am Personal, fast überall wird die bestehende Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) unterschritten – das gefährdet eine gute Versorgung und eine menschliche Psychiatrie.

Anlass der DKG-Stellungnahme vom 19. Juni 2018 war die Veröffentlichung des jährlichen »Psychiatriebarometers« durch das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI). Es stellt darin einen Fachkräftemangel vor allem bei Ärzt/innen und in etwas geringerem Ausmaß beim Pflegepersonal fest. So hätten 63 Prozent der Einrichtungen Probleme, offene Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen, in der Pflege seien es 45 Prozent. Andere Berufsgruppen seien in geringerem Umfang betroffen. Allerdings bezieht sich das Institut nicht auf den tatsächlichen Bedarf, sondern lediglich auf die nicht besetzten Stellen, die in den krankenhauseigenen Stellenplänen ausgewiesen sind. Ein Abgleich mit der geltenden Rechtsgrundlage, der Psych-PV, wird nicht vorgenommen.

Insofern entsprechen die vom DKI genannten Zahlen nur einem Teil des tatsächlichen Bedarfs. Denn in etlichen psychiatrischen Kliniken werden die Vorgaben der Psych-PV nicht eingehalten – bei einer ver.di-Befragung berichten das 98 Prozent aller betrieblichen Interessenvertretungen. Das ist auch eine entscheidende Ursache für die Zunahme von Gewalt gegen Beschäftigte in der Psychiatrie. Doch selbst wenn die geltende Rechtslage vollständig umgesetzt würde, wäre dies nicht ausreichend, um die heutigen Anforderungen an eine gute psychiatrische Versorgung zu gewährleisten. ver.di fordert für die neue Fassung der Personalbemessung durch den G-BA deshalb eine »PsychPVplus«, die den tatsächlichen Bedarf abbildet.

Nicht nur bei Ärzt/innen und Pflegekräften – in praktisch allen Berufsgruppen wächst der Bedarf nach Fachkräften. Eine Ursache ist die Zunahme psychischer Störungen, die im Koalitionsvertrag von Union und SPD bereits als »Volkskrankheit« bezeichnet werden. Ein weiterer Grund sind erhebliche Veränderungen in den Behandlungskonzepten und zahlreiche neue Aufgaben, die von den verschiedenen Berufsgruppen erfüllt werden sollen.

Die Schlussfolgerung der Krankenhausgesellschaft ist haarsträubend. Sie will durchsetzen, dass die Personalbemessung nur nach Marktlage – nach Verfügbarkeit von Fachkräften – vorgenommen wird. Der tatsächliche Bedarf soll keine Rolle spielen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Laut Gesetz soll der G-BA Qualitätsrichtlinien erarbeiten, die die Mindestausstattung mit dem »für die Behandlung erforderlichen therapeutischen Personal« regeln.

Wenn es derzeit nicht genügend Menschen gibt, die in diesem spannenden und erfüllenden Tätigkeitsfeld arbeiten wollen, so stimmt offensichtlich etwas nicht mit den Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Es werden sich nur dann genügend Menschen für die Arbeit in der Psychiatrie entscheiden und Fachkräfte langfristig gebunden werden können, wenn sich die Bedingungen deutlich verbessern. Verbindliche Personalvorgaben, die dem tatsächlichen Bedarf entsprechen, sind dafür zentral.

Solange es Betriebe gibt, die aus Tarifverträgen flüchten und Auszubildenden nach der Ausbildung eine Beschäftigung in einer ausgegliederten Gesellschaft mit Vergütung nach dem Leiharbeitstarif (!) plus willkürliche Zulagen bieten, fällt es schwer, Klagen über Fachkräftemangel ernst zu nehmen. Solange Arbeitgeber weiterhin nach Schlupflöchern suchen, um die Psych-PV zu umgehen – statt diese endlich vollständig und möglichst erweitert umzusetzen – sollten sie nicht über die Flucht von Fachkräften aus dem Beruf klagen.

Statt sich mit aller Kraft gegen verbindliche Personalvorgaben zu wehren, die gute Versorgung und gutes Arbeiten in der Psychiatrie ermöglichen, müssen die Arbeitgeber ihre Hausaufgaben machen. Das heißt: Für gute Bedingungen in der Ausbildung, attraktive Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung zu sorgen, statt durch Personalausstattung nach Marktlage die Spirale aus unzureichenden Arbeitsbedingungen und Fachkräftebedarf weiter nach unten zu drehen. Denn wohin das führt, sehen wir seit Jahren in somatischen Kliniken, wo der »Kollaps der Versorgung«, den DKG-Präsident Gaß für die Psychiatrie prognostiziert, bereits alltäglich zu besichtigen ist.

Zuzustimmen ist hingegen der Forderung, dass die Bundesländer endlich ihren Investitionsverpflichtungen nachkommen müssen. Eindrücklich belegt der DKI-Bericht, dass jeder zweite Euro, den die Krankenhäuser investieren, aus den laufenden Budgets abgezwackt werden muss. Durch diese Unterfinanzierung tragen die Länder erheblich zur unzureichenden Personalausstattung in der Psychiatrie bei.

Psychiatrie: Entlastung statt Ausflüchte

Das Deutsche Krankenhausinstitut veröffentlicht in seinem jährlichen »Psychiatriebarometer« Daten zur Situation der stationären Psychiatrie. In der soeben erschienenen Ausgabe 2018 sind Zahlen zu einigen Teilbereichen wie zur Personalsituation, zum Fachkräftemix, zur Versorgung von Geflüchteten und zur Zunahme von MDK-Prüfungen enthalten. Die Interpretation dieser Zahlen durch die Krankenhausgesellschaft jedoch ist reine Interessenpolitik gegen die eigenen Beschäftigten.

Leider fehlen im Psychiatrie-Barometer differenzierte Auswertungen zum Beispiel darüber, ob der Fachkräftemangel in tarifgebundenen Betrieben genauso hoch ist wie anderswo. Oder ob es in Betrieben, die sich mangels einer effektiven Nachweispflicht für die Personalausstattung jahrelang ihre Investitionen durch Einsparungen beim Personal finanziert haben, mehr offene Stellen gibt. Hier wären genauere Untersuchungen angebracht.

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