Psychiatrie

»Geheimniskrämerei ist ein Unding«

Psychiatrische Einrichtungen

»Geheimniskrämerei ist ein Unding«

Krankenkassen und Klinikbetreiber verhandeln über eine neue Personalbemessung in der Psychiatrie. Doch die Vertreter/innen der Beschäftigten werden nicht einbezogen.
Foto von Briekopf ver.di Offener Brief von Interessenvertretungen zur Personalbemessung in der Psychiatrie. Juni 2018

Interview mit Thomas Wink, seit vielen Jahren Krankenpfleger in der Psychiatrie. Er ist Mitglied des Personalrats am Klinikum Stuttgart sowie Mitglied der Bundesfachkommission Psychiatrie von ver.di.

97 betriebliche Interessenvertretungen aus psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken haben einen offenen Brief an Krankenkassen und Klinikbetreiber verfasst. Aus welchem Anlass?

Kliniken und Kassen verhandeln derzeit im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) über eine neue Personalbemessung – also über Vorgaben, wie viel Personal die Häuser einsetzen müssen. Die bisherige Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV), die auslaufen soll, reicht angesichts der gestiegenen Anforderungen längst nicht mehr aus. Die neue Personalbemessung muss bedarfsgerecht sein. Wir haben große Sorgen, dass der G-BA diesem Auftrag nicht gerecht wird.

Warum ist die bisherige Psych-PV nicht mehr angemessen?

Sie ist in den 1990er-Jahren entstanden und wurde seither nicht weiterentwickelt. Zudem wird sie vielfach nicht eingehalten. Geld, das eigentlich für Personal gedacht ist, wird zweckentfremdet – zum Beispiel für Investitionen. Es ist gut – und ein Erfolg der Proteste von ver.di und anderen –, dass der Erfüllungsgrad der Psych-PV jetzt angehoben bzw. nachgewiesen werden soll. Aber selbst eine 100-prozentige Erfüllung würde nicht reichen, weil sie nicht den heutigen Notwendigkeiten entspricht. Deshalb plädieren wir mit ver.di für eine »Psych-PV plus«, die den gestiegenen Personalbedarf berücksichtigt und eine gute Versorgung sowie gesunde Arbeitsbedingungen gewährleistet.

Inwiefern sind die Interessenvertreter/innen der Beschäftigten bei der Entwicklung eines neues Personalbemessungssystems eingebunden?

Gar nicht. Weder Mitarbeitervertretungen, Betriebs- und Personalräte noch die Gewerkschaft ver.di wird in diesen Prozess einbezogen. Diese Geheimniskrämerei ist ein Unding. Nur die Beschäftigten können wirklich darlegen, wie sich der Bedarf verändert hat. Schließlich sind sie es, die tagtäglich damit konfrontiert sind.

Wie müsste eine Personalbemessung gestaltet sein?

Entscheidend ist wie gesagt: Es muss den Bedarf der Patientinnen und Patienten tatsächlich abdecken. In der schon vor 40 Jahren entwickelten Psychiatrie- Enquête wurden gewisse Qualitätsansprüche für die psychiatrische Versorgung festgeschrieben, hinter die wir auch heute nicht zurückfallen dürfen. Auch müssen in der Personalbemessung sämtliche Berufsgruppen abgedeckt sein. Es wäre fatal, wenn Verbesserungen bei der einen zu Lasten der anderen Berufsgruppe gingen. Und vor allem: Die Personalbemessung muss transparent sein.

Welche Folgen hat es, wenn in der Psychiatrie zu wenig Personal auf den Stationen ist?

Eine Folge des permanenten Personalmangels ist die Zunahme von Gewalt gegenüber den Beschäftigten. Eine andere ist der Drehtüreffekt: Patientinnen und Patienten werden entlassen und müssen rasch wieder aufgenommen werden. Das hat auch damit zu tun, dass bei der therapeutischen Arbeit viele Abstriche gemacht werden. Zum Beispiel Milieutherapie, gemeinsame Aktivitäten, soziale Kontakte sichern – all das wird zurück gefahren und es gibt nur noch eine Grundversorgung, nach dem Motto: In der Psychiatrie bekommt man Medikamente, aber sonst läuft da nicht mehr viel. Das entspricht nicht den Ansprüchen, die wir an eine menschliche Psychiatrie haben sollten. Wenn in der Psychiatrie – oder überhaupt in der Pflege – am Personal gespart wird, geht das immer auf Kosten der Patientinnen und Patienten. Und zu Lasten der Beschäftigten.

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt

  • Gisela Neunhöffer

    Psych­ia­tri­sche Ein­rich­tun­gen, Ser­vice­be­trie­be

    030/6956-1842

  • Grit Genster

    Be­reichs­lei­te­rin Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: Ge­sund­heits­-, Kran­ken­haus- und Pfle­ge­po­li­tik

    030/6956-1810