Psychiatrie

»Gespräch wirkt mehr als manche Pille«

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»Gespräch wirkt mehr als manche Pille«

In etlichen psychiatrischen Kliniken haben Beschäftigte für angemessene Personalvorgaben protestiert. Kritik an »Geheimniskrämerei« von Krankenhäusern und Versicherungen.

Mit kreativen Aktionen haben Belegschaften dutzender psychiatrischer Krankenhäuser und Fachabteilungen Mitte Oktober 2018 für eine bessere Personalausstattung protestiert. So hingen überall in der Cafeteria des LVR-Klinikums Bonn bunte ver.di-Luftballons mit der Aufschrift »Mehr Personal« und angehängten Informationskärtchen. Am Bezirksklinikum Ansbach zeigten Beschäftigte ein großes »Plus«, um ihre Forderung nach einer Psych-PV plus zu unterstreichen, die eine bedarfsgerechte Versorgung und gute Arbeitsbedingungen ermöglicht. Und im Städtischen Krankenhaus Pirmasens, das drei psychiatrische Stationen betreibt, ließen die Kolleg/innen am Ende ihrer Aktion die Luftballons platzen, um deutlich zu machen: Ohne ausreichendes Personal platzt der Anspruch auf gute Versorgung.

Aktionstage PsychPV plus: Vitos Marburg ver.di Aktionstage PsychPV plus: Vitos Marburg

»Beziehungsarbeit ist in der Psychiatrie das Wichtigste«, betonte Nicole Klingenberger, Betriebsrätin und gelernte Fachkrankenschwester für Psychiatrie am Vitos-Klinikum Gießen-Marburg. »Doch damit man die Zeit dafür hat, braucht es ausreichend Personal auf den Stationen.« Auch hier stellten die Beschäftigten die fehlenden Stellen symbolisch mit Luftballons dar. In Gießen und Marburg hätten sich die ver.di-Aktiven vorgenommen, bei allen Aktionen für mehr Personal dabei zu sein, erläuterte Klingenberger. »Gerade jetzt ist das wichtig.« Denn derzeit verhandeln Krankenkassen und Kliniken im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) über neue Personalmindeststandards in der Psychiatrie – allerdings hinter verschlossenen Türen. Ob die Regelungen, die am 1. Januar 2020 in Kraft treten sollen, tatsächlich eine gute Versorgung garantieren, ist völlig offen. Es ist sogar unklar, ob sich Krankenhäuser und Kostenträger überhaupt einig werden. »Wir brauchen klare Regeln, die möglichst keine Interpretationsspielräume zulassen«, forderte Klingenberger. So müssten verbindliche Vorgaben für die Personalausstattung in allen relevanten Berufsgruppen gemacht werden, damit Verbesserungen bei der einen nicht zulasten der anderen Gruppe gehen.

Zu wenig Zeit für Zuwendung

»Schaffst du deine Arbeit, oder schafft sie dich?« und »Heute schon Gewalt erlebt?« stand am Dienstag (9. Oktober 2018) auf handgeschriebenen Zetteln, die Beschäftigte bei Vitos in Riedstadt auf den Boden vor der Pforte geklebt hatten. »Die Probleme sind immens«, erläuterte ver.di-Vertrauensleutesprecher Michael Todiso bei der aktiven Mittagspause vor rund 60 Beschäftigten. Die Dienstpläne seien wegen ständiger Änderungen aufgrund von Personalnot »das Papier nicht wert«, auf dem sie geschrieben sind. Die Arbeitszeitkonten der Kolleg/innen seien übervoll, Überstunden könnten vielfach nicht abgebaut werden.

Dietmar Hajek, der seit 30 Jahren bei Vitos in Riedstadt arbeitet, ergänzte, für die in der Psychiatrie nötige Beziehungspflege sei oftmals keine Zeit mehr. Früher sei man zur Deeskalation einer Situation auch mal mit einem Patienten eine Runde spazieren gegangen oder habe sich gemeinsam raus gesetzt, berichtete der Schwerbehindertenvertreter gegenüber dem Lokalblatt Darmstädter Echo. Doch daran sei heute nicht mehr zu denken. »Dabei wirkt ein Gespräch mehr als so manche Pille.« Die Gewaltbereitschaft gegen das Pflegepersonal nehme auch deshalb stetig zu, weil zu wenig Zeit für Zuwendung da sei.

Wie viele Stellen konkret fehlen, haben viele Belegschaften mit Hilfe des Soll-ist-voll-Rechners berechnet. Im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Emmendingen sind es 170 Vollzeitkräfte. Ebenso viele Beschäftigten nahmen an einer Betriebsversammlung zum Thema teil und ließen genau 170 Luftballons in den Himmel steigen. Der Personalratsvorsitzende Horst Burkhart nannte es »ein Unding«, dass die Beschäftigten bei der Entwicklung neuer Personalmindeststandards durch den Gemeinsamen Bundesausschuss nicht einbezogen würden. »Wir Beschäftigten haben keinen Einfluss, werden nicht einmal angehört. Dabei sind wir es, die täglich mit den Folgen der Personalnot konfrontiert sind.«

»Es geht nur ums Geld«

Die ver.di-Vertrauensfrau Petra Hessenauer, die am Psychiatrische Zentrum Nordbaden in Wiesloch arbeitet, verwies bei einer Aktion mit rund 100 Beschäftigten darauf, dass die Einrichtungen inzwischen vor allem schwerstkranke Patient/innen versorgen, da leichtere Fälle zunehmend ambulant behandelt werden. Auch aufgrund der gestiegenen Zahl von Eins-zu-Eins-Betreuungen reiche das Fachpersonal auf den Stationen nicht mehr aus. Michael Kohn vom Rheinhessen-Klinikum Alzey betonte, die bisherige Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) sei längst überholt und müsse dringend weiterentwickelt werden. Grundsätzlich kritisierte der ver.di-Vertrauensleutesprecher bei einer aktiven Mittagspause die Haltung von Krankenkassen und Krankenhäusern: »Es wird nicht diskutiert, was die Patienten oder das Pflegepersonal brauchen, sondern es geht nur ums Geld.«

Die vielen Aktionen zeigten eine große Bereitschaft der Beschäftigten, sich für mehr Personal, eine hochwertige Versorgung und gute Arbeitsbedingungen einzusetzen, bilanzierte Gisela Neunhöffer von der ver.di-Bundesverwaltung. »Doch es fehlt an Informationen. Die Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, was im Gemeinsamen Bundesausschuss hinter den Kulissen verhandelt wird«, so die Gewerkschafterin. »Mit dieser Geheimniskrämerei muss endlich Schluss sein. Die Beschäftigten müssen Mitsprache haben – denn sie sind die Expertinnen und Experten in der Psychiatrie.«

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