Psychiatrie

Rechtlose Therapeuten

Rechtlose Therapeuten

Status angehender Psychotherapeuten in Kliniken ist ungeklärt. Minimale Bezahlung trotz wichtiger Arbeit

 

Wer Psychotherapeut werden will, muss sich auf lange Jahre der Entbehrung einstellen. Denn nach dem Master- oder Diplomstudium ist längst noch nicht Geldverdienen angesagt. Stattdessen absolvieren die angehenden Therapeuten anschließend eine drei- bis fünfjährige Weiterbildung – während der sie nicht nur kaum etwas verdienen, sondern auch noch hohe Gebühren zahlen müssen. Während der praktischen Tätigkeit in Kliniken ist der Status der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) zudem nicht geklärt.

Union und SPD versprechen im Koalitionsvertrag: »Wir werden das Psychotherapeutengesetz samt den Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung überarbeiten.« Doch was das bedeutet – und ob dieser Ankündigung auch Taten folgen – ist unklar. Die Betroffenen jedenfalls drängen darauf, dass die Regierung etwas ändert.

»Der rechtliche Status der PiA muss endlich geregelt werden«, fordert Katharina Simons. Seit 2011 macht die 38-jährige Berlinerin eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Kostenpunkt: 23.000 Euro. So viel muss Simons an ein privates Institut zahlen, um sich zur Verhaltenstherapeutin qualifizieren zu lassen. Im Bereich Psychoanalyse kann es auch leicht das Doppelte kosten. »Wenn meine Eltern die Gebühren nicht finanzieren würden, ginge es gar nicht«, sagt Simons. Zumal sie sich zusätzlich um ihre achtjährige Tochter kümmern muss.

Besonders hart sind die Bedingungen während der anderthalbjährigen Praxiseinsätze in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, wo die PiA insgesamt 1.800 Stunden arbeiten müssen. »Dort habe ich bei einer 25-Stunden-Woche brutto gerade mal 200 Euro im Monat verdient«, berichtet Simons. Zum Glück sei ihr Gehalt vom Jobcenter auf das Niveau des Arbeitslosengeldes II gestockt worden. Einen Rechtsanspruch darauf haben PiA indes nicht, da sie – so die Haltung der Bundesagentur – dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen.

Ein zentrales Problem ist, dass die praktische Tätigkeit zurzeit weitgehend ungeregelt ist. Im Psychotherapeutengesetz findet sich weder eine Aussage zur Vergütung noch zum Vertragsverhältnis. Die Folge ist ein Wirrwarr an Regelungen, die vom ungeregelten »Gaststatus« ohne Vertrag über »Praktikantenverträge« bis hin zu ordentlichen Angestelltenverhältnissen reichen. Dies öffnet der Ausbeutung der angehenden Therapeuten Tür und Tor. Dabei profitieren die Einrichtungen unmittelbar von den PiA, die wichtige Arbeit für die Kliniken leisten. Sie habe die Morgenrunde und psychoedukative Gruppen geleitet, Visiten dokumentiert und Einzelgespräche mit Patienten geführt, berichtet Simons.

»Oft müssen PiA sofort die Arbeit eines approbierten Klinikpsychologen übernehmen«, sagt auch Marcel Hünninghaus, PiA-Landessprecher in Rheinland-Pfalz. »Das ist eine Riesenverantwortung, auf die man im Studium überhaupt nicht vorbereitet wird.« Die meisten bekämen dabei nur wenig Unterstützung. Die Häuser sparen durch den Einsatz der PiA viel Geld, ist der 27-Jährige überzeugt. »Wir leisten Arbeit, die sonst ein regulär Beschäftigter mit tariflicher Vergütung machen würde – deshalb ist das im Grunde Lohndumping.«

Zusätzlich zur Arbeit im Krankenhaus müssen die PiA in dieser Zeit abends oder am Wochenende Seminare besuchen. »Bei mir war das immer von 18 bis 22 Uhr«, erzählt Hünninghaus. »Nach einem stressigen Tag in der Klinik ist das echt hart.« Wenn dann noch einen Nebenjob hinzukommt, sei das kaum zu schaffen. Die theoretische Ausbildung müsse deshalb als Arbeitszeit angerechnet werden, fordert Hünninghaus. »So ist es bei der Facharzt-Weiterbildung schließlich auch.«

Simons verweist darauf, dass beispielsweise die Ausbildung in der Krankenpflege gesondert refinanziert wird, die der PiA aber nicht. »Das muss sich ändern, sonst können nur Leute aus der Mittelschicht Psychotherapeut werden.« Notwendig seien Kostenfreiheit und eine angemessene Vergütung nach Tarif. Um hierfür Druck zu machen, engagieren sich Simons und Hünninghaus in der PiA-AG von ver.di. Zusammen mit ihren Mitstreitern wollen sie die Regierung immer wieder an ihr Versprechen erinnern, die Ausbildung in der Psychotherapie grundlegend zu reformieren.

Daniel Behruzi

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