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»Irgendwo muss man ja anfangen«

»Irgendwo muss man ja anfangen«

Krankenpflegerin Amaneh Abedian kämpft ihr Leben lang dafür, dass es den Menschen besser geht. Die Marta-Drumm-Medaille würdigt ihren Einsatz für Menschlichkeit und Solidarität.
Amaneh Abedian privat Amaneh Abedian

Schon als Elfjährige geht Amaneh Abedian – genannt Golnaz – bei der Revolution im Iran 1979 auf die Straße, verteilt Flugblätter einer linken Partei. Später ist sie im Untergrund aktiv, muss mit ihrer kleinen Tochter aus dem Land fliehen. »Wenn ich etwas will, setze ich mich dafür ein. Das ist mein Recht – und fertig«, sagt die 52-Jährige. »Dieser Gedanke hat mir gefallen.« Bis heute. Die Krankenpflegerin aus dem Knappschaftsklinikum in Sulzbach ist seit Jahren aktiv bei ver.di, kämpft für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei hat sie vor allem das Wohl der Menschen im Blick. Sowohl der Pflegekräfte als auch der Patient*innen. Für ihren Einsatz für Menschlichkeit und Solidarität wurde ihr jüngst die Marta-Drumm-Medaille verliehen, die von der ver.di-Region Saar Trier und anderen Organisationen gestiftet wird (siehe Infokasten).

Auf herzliche Art erzählt Golnaz, ihre Kolleg*innen nennen sie Goly, von ihrem Leben, lacht dabei oft. Schon als kleines Mädchen habe sie nicht verstehen können, warum einige Kinder in ihrer Klasse so viel weniger Geld hatten als andere, sagt die Pflegerin. »Warum haben nicht alle gleich viel?« Ihre Meinung zu sagen, sich für ihre Rechte einzusetzen, sei für sie das Wichtigste überhaupt. »Sonst kann ich nicht leben.« Nach dem Sturz des Schahs ließ sich Golnaz von der politischen Aufbruchsstimmung im Iran mitreißen, engagierte sich als Schülerin in der Opposition, kämpfte gegen die Islamisierung, für Freiheit und Gerechtigkeit. Aus Angst um ihr Leben hätten sich viele Aktive zurückgezogen, berichtet Golnaz. Sie selbst war im Untergrund weiter politisch aktiv. Die jungen Leute trafen sich heimlich in leer stehenden Häusern, warfen nachts Flugblätter über die Mauern in der Nachbarschaft und klingelten bei alten Freund*innen, um sie zum Weitermachen zu überreden. »Wir waren jung«, sagt die 52-Jährige, »und naiv.« Bis die Polizei vor der Tür stand. Die Mitstreiter*innen konnten durch den Garten türmen. Golnaz, 17, und ein junger Mann blieben zurück, gaben vor, ein Liebespaar zu sein. Doch so eine Beziehung war im Chomeini-Regime verboten. Die Sittenpolizei steckte das Paar ins Gefängnis und gab ihnen 14 Tage Zeit, um zu heiraten. Die junge Frau dachte: »Besser heiraten, als erhängt zu werden.« Doch ihr Ehemann entpuppte sich als äußerst aggressiv.

Scheiden lassen konnte sich Golnaz erst viele Jahre später in Deutschland. Das sei nicht anders möglich gewesen, wegen ihrer Tochter. »Ich hatte keinerlei Rechte auf mein eigenes Kind«, berichtet sie. Damals galt im Iran: Starb der Vater, kam das Kind zu dessen Familie, nicht zur Mutter. »Deshalb musste ich durchhalten.« Trotz der Schwierigkeiten war das Paar weiter politisch aktiv und tauchte in einer anderen Stadt unter. Sie wurden verraten, mussten fliehen, ohne Pässe, mit einem anderthalbjährigen Kleinkind. Schlepper brachten sie nach Rumänien. Später ging es zurück nach Ankara. Dort wurde ihr Mann überfallen, ihr weniges Geld war futsch, die Familie schlief zeitweise auf der Straße. Über Österreich flohen die drei zu Fuß in der Nacht über die Grenze nach Deutschland. »Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nichts«, berichtet die 52-Jährige. »Nur eine kleine Tasche und mein Kind, das war’s.«

Sie landeten in einem Flüchtlingsheim in Ingelheim am Rhein. Dort bekamen sie drei Mahlzeiten am Tag – und sieben Mark Taschengeld. Golnaz erinnert sich noch genau, was sie davon kaufte: Nähgarn, um ihre kaputte Hose zu flicken. Von dort schickten die Behörden sie weiter nach Bitburg. Die Familie kam bei einer alten Dame unter, Golnaz putzte für sie. Geld wollte sie dafür nicht nehmen. Deshalb brachte die Vermieterin ihr als Dankeschön etwas Deutsch bei. Nach ein paar Monaten hielt Golnaz den »blauen Pass« in der Hand, ihre Aufenthaltsgenehmigung. Weiter ging es ins Saarland.

Auch in Deutschland war Golnaz weiter politisch aktiv, engagierte sich für Menschen- und speziell für Frauenrechte. »Eigentlich wollte ich immer studieren«, sagt sie. »Am liebsten Archäologie.« Doch um erst einmal besser Deutsch zu lernen, begann sie ein Praktikum im Krankenhaus in St. Ingbert. Und blieb. Die Arbeit habe etwas in ihr geweckt, sagt die Gewerkschafterin. »Ich liebe diesen Beruf einfach.« Sie habe schon als Kind gerne anderen geholfen, sich um alte Menschen gekümmert. Golnaz machte ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Als Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft einführte, erhielt Golnaz einen deutschen Pass. Endlich konnte sie sich scheiden lassen. Zwei Polizisten begleiteten sie ins Gericht zum Schutz vor ihrem Mann. Er habe gedroht, sie umzubringen, das Kind zu entführen. Ihre Mutter im Iran habe vor Angst geweint, berichtet die Pflegerin. »Aber mir war es egal. Lieber einen Tag in Freiheit leben.«

Auf der Arbeit ist für Golnaz selbstverständlich, dass sie in der Gewerkschaft aktiv ist. Vor allem setzt sie sich dafür ein, dass es mehr Personal gibt. Sie habe erlebt, wie sehr die Patient*innen teilweise litten. »Einige haben geweint, weil niemand da war.« Und die Kolleg*innen. Immer wieder habe im Stationszimmer jemand geheult, weil der Stress zu groß war. Für Golnaz steht fest: »Das geht nicht.« Manchmal stellt sie sich vor, ihre eigene Mutter liege im Krankenhaus und niemand habe Zeit, um ihr etwas Wasser zu bringen. »Ganz schlimm«, findet Golnaz. Also mobilisiert sie ihre Kolleg*innen. Als im März 2017 erstmals Beschäftigte aus zwölf saarländischen Kliniken für Entlastung streikten, war auch das Krankenhaus St. Ingbert dabei.

Seit zweieinhalb Jahren ist die Krankenpflegerin im Knappschaftsklinikum Saar in Sulzbach tätig. Dort sei der Betriebsrat sehr aktiv, ver.di stark vertreten, berichtet Golnaz. Trotzdem sei das Personal heillos überlastet. Die Gewerkschafterin kämpft für bessere Arbeitsbedingungen. »Auch für die nächsten Generationen.« Schon jetzt fänden sich kaum noch junge Leute, die diesen Beruf machen wollten. Golnaz redet viel mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Ihre Erfahrung: »Wenn du dir die Zeit nimmst, bringt das sehr viel.« Die meisten reagierten sehr positiv. Ein Leben ohne politische oder gewerkschaftliche Arbeit kann sie sich nicht vorstellen. Nur arbeiten, einkaufen, kochen, ab und zu in Urlaub fahren? »Da würde ich mich nicht lebendig fühlen.« Ihr Ziel ist eine bessere, gerechtere Welt. »Irgendwo muss man ja anfangen«, findet Golnaz. Wenn jemand sagt, sie sollte es doch mal gut sein lassen, kann sie nur den Kopf schütteln. »Nein«, sagt sie. »Das ist mein Recht.«

Kathrin Hedtke

Marta-Drumm-Medaille

Zum ersten Mal haben die Peter-Imandt-Gesellschaft/Rosa-Luxemburg-Stiftung im Saarland, die VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Region Saar Trier am 21. November die Marta-Drumm-Medaille verliehen. Mit der Auszeichnung werden Pflegekräfte geehrt, die sich für Menschlichkeit und Respekt einsetzen.

Marta Drumm aus Wiebelskirchen im Saarland war eine Antifaschistin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Sie wurde 1910 in einer sozialdemokratischen Bergarbeiterfamilie geboren. Als Franco 1936 in Spanien putschte, zog sie mit ihrem Mann an der Seite der jungen Republik in den Bürgerkrieg. Marta Drumm arbeitete als Sanitäterin, ihr Mann starb an der Front. Zu diesem Zeitpunkt war sie schwanger, arbeitete jedoch bis kurz vor der Geburt weiter als OP-Schwester. Mit ihrem Sohn ging sie nach Frankreich, war im Untergrund aktiv und schloss sich gemeinsam mit ihrem neuen Partner der Résistance an. Das Paar bekam noch eine Tochter. Sie lebten in Rosenheim, später in Karl-Marx-Stadt in der DDR und in Berlin. Marta Drumm starb am 18. Januar 2002. »Wir wollen uns Marta nicht vergessen, sind beeindruckt von ihren Leistungen, ihrem Mut, ihrer Konsequenz im Kampf für Menschlichkeit, für internationale Solidarität und gegen Faschismus«, sagte Michael Quetting, Initiator der Medaille und Pflegebeauftragter bei ver.di in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Mit der Auszeichnung sollen Pflegende geehrt werden, die sich im Sinne von Marta Drumm für ihre Mitmenschen einsetzen. Der Betriebsrat des Knappschaftskrankenhauses Sulzbach schlug Amaneh Abedian vor. »Goly ist eine kluge Frau«, sagte Quetting in seiner Rede, »sie hält auch uns den Spiegel vor und erinnert uns immer wieder, wie wichtig und nötig Menschlichkeit und Solidarität sind.«

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