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»Ich will Lebensfreude versprühen«

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»Ich will Lebensfreude versprühen«

Manja Mauersberger, gelernte Ergotherapeutin und Personalrätin am Heidelberger Uni-Klinikum ist im Nebenjob Gesundheitsclownin. "Ganz für die andere Person da zu sein – im Hier und Jetzt – zieht sich durch alle drei Berufe", sagt sie
Portrait Clownin im Krankenhaus Michael Wolf Clownin Manja Mauersberger

Manja Mauersberger, 42, hat viele Rollen, aber nicht alle zugleich, sondern schön nacheinander. An diesem Freitag ist sie zunächst stellvertretende Personalratsvorsitzende am Heidelberger Universitätsklinikum. Anschließend eine von Vielen, die im Bus sitzt und durch Mannheim kutschiert. Auffällig ist da nur der altmodische Koffer und das Seidentuch in leuchtendem Orange, das sie um den Griff des Koffers gebunden hat. Im Koffer selbst jedoch befindet sich alles, was Manja braucht, um noch jemand Drittes zu sein und jemand Viertes: die freche Clownin Jossi, eine Art dummer August, für die Kinder. Oder Rosalinde, die zarte, heitere Clownin für alte Menschen.

Diesmal führt ihr Weg ins Seniorenheim. Rosalinde also. Im Pauline-Maier-Haus geschieht die Verwandlung: Manja zieht eine lila Strumpfhose aus dem Koffer, eine kurzärmelige Bluse mit Puffärmeln, ein Kleid aus hellblauem Frottee, Ringelsocken, eine lachende Blume zum Anstecken, verzierte Schühchen. Auf den Kopf kommt ein Sommerhut, auf die Nase eine rote Plastikkugel mit zwei Löchern. Sind die Löcher nicht zu klein zum Atmen? "An die Clownsnase gewöhnt man sich." Ein bisschen Schminke noch. Dann schwebt durch die nüchtern gefliesten Flure des Heims ein anmutiges Wesen, gemeinsam mit Dr. Fluse, alias Stefanie Schnitzler, und zwei anderen Gesundheitsclowninnen des Vereins "xundlachen".

"Ich will Lebensfreude versprühen", sagt Manja. "Es geht um Kontakt und Gemeinsamkeit." Nicht immer einfach, das mit der Lebensfreude. Im Aufenthaltsraum des Erdgeschosses etwa, wo sich die Tagesgäste des Heims treffen. Wo man sitzt wie im Zug, wenn jeder ins Leere blickt. Aber dann: der Auftritt der Clowninnen! Das Akkordeon wird gequetscht, ein Lied angestimmt, falleri, fallera.

Rosalinde begrüßt die Herrschaften, Rosalinde tanzt, Rosalinde macht Polonaise, Rosalinde haut auf einem Topf mit einem Schneebesen den Takt. Und hat ganz offensichtlich Spaß dabei. Viel wichtiger jedoch: Auch die alte Dame in Rot singt. Und ihre Sitznachbarin. Eine andere lässt sich auf ein Tänzchen mit Rosalinde ein. Eine vierte geht mit großer Bestimmtheit auf Tuchfühlung. Für ein paar Minuten ist der Raum in ein anderes, wärmeres Licht getaucht. "Das is der Stimmungshamma mit dene Leut", sagt die zuständige Heim-Mitarbeiterin.

Mission erfüllt. Die Clowns ziehen weiter. Rosalinde und die kuschelige Dr. Fluse besuchen Renate Müller, 88, die eine stattliche Anzahl Puppen in ihrem Zimmer versammelt hat. Frau Müller liest gern und ist zugleich ein geselliger Mensch, sie sieht aber nicht mehr gut und findet, im Heim fehle es an Leuten, mit denen man sich richtig unterhalten könne. Das Haus biete zwar ziemlich viel Abwechslung, aber ein Besuch der Clowns sei doch immer was besonders Nettes.

Welcher Gast lässt sich schon im Elektrosessel rauf und runter schaukeln wie Rosalinde mit staunend aufgerissenem Mund? Wer würde fröhlich das Fenster aufmachen und, wie Dr. Fluse, den Himmel ermahnen, dass das nächste Urenkelchen der Frau Müller gefälligst pünktlich zur Welt zu kommen habe? Vergnügt lässt sich Frau Müller auf die Spielereien ein. "Wenn ihr mal wieder schaukeln wollt, könnt ihr kommen", sagt sie beim Abschied.

Begegnungen von solcher Leichtigkeit gelingen nicht von ungefähr. Das Leichte zu erreichen, ist immer die höchste Kunst. Zwei Jahre lang hat sich Manja darauf vorbereitet, neben ihrem Vollzeitjob. Ursprünglich hatte sie einfach Lust auf ein neues Hobby. Durch Zufall stieß sie auf die Clownsausbildung. Inzwischen ist Clownsein für sie ein richtiger Nebenjob – mehrmals die Woche ist sie im Einsatz in Kinderkliniken, Alten- und Pflegeheimen, Förderschulen oder einer Wohngruppe der Lebenshilfe. Bezahlt wird sie von den Einrichtungen, die sie buchen. Oder vom Verein, der private Spenden sammelt. Krankenkassen dafür zu gewinnen, Gesundheitsclowns zu bezahlen – davon ist man noch weit entfernt.

Gefühle dürfen, sie sollen sein

Ihre Clownsausbildung, sagt Manja, hat sie verändert. Denn Clowns verstehen sich nicht als Schauspieler. Gefühle dürfen, ja sollen sein. Angst, Trauer, Freude – alles geht durch einen durch. "Wichtig ist, sich unter den anderen zu stellen." Man nimmt sich zurück. Ein bisschen dümmer sein, ein bisschen unerfahrener, naiver, ungeschickter: So bringt man den anderen zum Lachen. Und weil nicht jeder das Gleiche lustig findet, muss man flexibel bleiben. Im Verlauf ihrer Ausbildung hat Manja geübt, offen zu sein für neue Situationen. Und authentisch.

Jahrelang arbeitete Manja als Ergotherapeutin, viel mit querschnittsgelähmten Kindern und Kindern mit Amputationen, und spürte: Nicht nur die Therapie war ihr wichtig. Die Kinder sollten auch fröhlich sein und selbstbewusst werden. Auch in ihrer Arbeit als Personalrätin geht es ihr vor allem um Menschen. Früher war sie eine kämpferische junge Frau, die alles, was ihr unzufriedene Mitarbeiter*innen anvertrauten, für bare Münze nahm. Heute ist sie milder, vermittelnder. "Beide Seiten machen Fehler." Bestürzend groß findet sie den Graben, der so oft Arbeitgeber und Beschäftigte trennt. Umso wichtiger ist es für sie, sich bei ver.di und als Personalrätin dafür einzusetzen, zwischen beiden Seiten Brücken zu bauen.

Inzwischen hockt sie vor allem im Büro. Hat Papierkram zu erledigen, bereitet Sitzungen vor. Aber eigentlich arbeitet sie lieber an der Basis. Einzelfallberatung bei Konflikten, das liegt ihr. Gemeinsam überlegen, wie ein Kollege nach langer Krankheit an den Arbeitsplatz zurückkehrt. Ziele entwickeln, Wege bereiten, Prozesse anregen. Die Empathie, mit der sie das tut, die Freude daran, den anderen aufblühen zu sehen, das verbindet ihre drei Arbeitsfelder. "Ohne die Beachtung unserer menschlichen Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Wertschätzung, Schutz und Integrität können alle drei Berufe nicht erfolgreich sein."

Leichtfüßig hüpft sie mit ihrer Clownskollegin durch die Gänge des Altersheims. Eine kleine Badeente, gefüllt mit Seifenlauge, baumelt um ihren Hals. Später wird sie daraus Seifenblasen zaubern. Jetzt besuchen Rosalinde und Dr. Fluse die bettlägerige Frau W., die den Tag kurzerhand zum Glückstag erklärt, weil sie Muskelkater von der Gymnastik hat. Und nun kommen auch noch die Clowns! "1a sind die zwei Mädchen", sagt sie.

Die Stimmung zu heben, ist ein Kraftakt

Weiter geht's, von Tür zu Tür. In einem Raum: Fernsehgeflimmer. Im anderen: Radiogedudel. Fast überall Schnabeltassen. Häufig: Damen im Dämmerzustand. An den Wänden Fotos von Kindern, Ehemännern, Hochzeitspaaren. Mal springt der Funke sofort über. Mal springt gar nichts mehr. Dann singen die beiden Clowninnen nur ganz leise und verkrümeln sich. Viele genießen den ungewohnten Besuch, manche sind anfangs reserviert, andere leben längst in ihrer eigenen Welt. Herauszufinden, wie man einander begegnet, die Stimmung zu heben und zu halten, ist ein Kraftakt. "Ich merke: Ich bin mit der Konzen- tration total dabei", sagt Manja.

Im Aufenthaltsraum wird nun ein imaginäres Boot aufgepustet und das Lied vom knallroten Gummiboot geschmettert, mit dem man ins Abendrot fährt. Rosalinde lernt Cha Cha Cha von einer Dame, die eigentlich gar nicht mehr tanzen will, seit ihr Mann tot ist. Aber jetzt, angeregt von Rosalinde, hebt sie die Füße im imaginären Takt, der Rollstuhl ruckelt vor und zurück, Cha Cha Cha. Auch singen, sagt sie, könne sie nicht mehr. Singt dann aber doch. Manja sagt später: Das habe sie besonders gefreut.

Kurz vorm Abendessen sind die Flure noch leerer als zuvor. Auch die Dame in Schwarz, die allein am Fenster des Aufenthaltsraums saß und der Sonne beim Sinken überm Fluss zusah, ist in ihr Zimmer zurückgekehrt. Gleich werden die Clow-ninnen im Lift nach unten fahren, sich umziehen, ein Glas Sekt auf eine schwer erkrankte Freundin trinken und angeregt und erschöpft zugleich nach Hause fahren. Aber noch sind sie da und erhellen ihre Umgebung. Laut singend hüpfen Rosa-linde und Dr. Fluse durch die Gänge.

Ein Artikel aus der Publik. Autorin: Monika Goetsch

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