Krankenhaus

Zusammenstehen in der Katastrophe

Zusammenstehen in der Katastrophe

Wegen des Hochwassers musste das Klinikum Leverkusen innerhalb weniger Stunden komplett evakuiert werden. Das gelang – durch großes Engagement und viel Solidarität.


Die Dhünn ist ein kleines Flüsschen, das im Bergischen Land entspringt. Kurz bevor es in die Wupper mündet, fließt es unmittelbar am Klinikum Leverkusen vorbei. Die Planer*innen haben das seinerzeit berücksichtigt und das Krankenhaus so gebaut, dass ihm auch ein prognostiziertes Jahrhunderthochwasser nichts hätte anhaben können. Doch am 14. Juli 2021 war das nicht genug. Wie viele Flüsse und Bäche in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz trat auch die Dhünn nach massivem Starkregen in einem bis dato ungekannten Ausmaß über die Ufer. Die Technikräume im Untergeschoss sowie dem Tiefkeller wurden nach und nach überflutet, zwei Trafos explodierten, der Strom fiel aus. Binnen weniger Stunden musste die Klinik evakuiert werden. Das gelang, und keiner der fast 500 zu dieser Zeit anwesenden Patient*innen kam dabei zu Schaden – wegen des enormen Engagements der Beschäftigten und des Zusammenhalts aller an der Evakuierung Beteiligten.

»Als sie gehört haben, was los ist, sind viele sofort ins Klinikum gekommen und haben zum Teil die ganze Nacht geackert«, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Stückle. Noch in der Nacht mussten Frühchen von der Neonatologischen Intensivstationen auf die Erwachsenen-Intensivstation verlegt werden, später wurde dann die gesamte Intensivstation evakuiert. Dies erfolgte über die Treppenhäuser, mitsamt technischem Equipment – Beatmung, Inkubatoren, medizinisches Equipment –, da auch die Aufzüge ausgefallen waren.

Feuerwehrleute leisten Schwerstarbeit: Das Klinikum Leverkusen wird wegen der Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 binnen weniger Stunden evakuiert. Foto: mit freundlicher Genehmigung, Klinikum Leverkusen gGmbH Feuerwehrleute leisten Schwerstarbeit: Das Klinikum Leverkusen wird wegen der Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 binnen weniger Stunden evakuiert.

»Im Haus war in den meisten Bereichen alles dunkel, was viele auch noch am Tag nach der Katastrophe als gespenstisch wahrnahmen«, sagt Stückle. »Die Kolleginnen sind in der Unglücksnacht mit Handylicht regelmäßig durch die Zimmer gegangen, um nach den Patienten zu sehen und sie zu beruhigen. Die Notklingeln gingen ja ebenfalls nicht mehr.« Zugleich bereiteten Ärzt*innen und Pflegekräfte die Verlegung aller Patient*innen vor. Einem IT-Fachmann gelang es, einen Rechner wieder ins Laufen zu bekommen, so dass die Medikamentenpläne ausgedruckt werden konnten. Gut die Hälfte der Patient*innen wurde nach Hause entlassen, 216 in andere Häuser der Region verlegt. 150 Pflegepersonen und Ärzt*innen begleiteten sie und verstärkten die dortigen Teams. In Solingen konnte eine ungenutzte Station komplett neu belegt und mit Personal aus Leverkusen betrieben werden. »Die Beschäftigten haben unglaublich viel Improvisationstalent und Ausdauer gezeigt – und Solidarität«, blickt Stückle zurück. »Alle haben Hand in Hand gearbeitet, egal von welcher Berufsgruppe. Für jeden stand nur das Wohl der Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt.«

Kreativität ist auch seither gefragt. Denn noch immer können einige Gebäudeteile nicht genutzt werden. Bis die Stromversorgung wieder komplett funktioniert, wird es wohl noch mehrere Wochen dauern. Dennoch gelang es, das Klinikum bereits nach sechs Tagen wieder in Betrieb zu nehmen. »Dass wir das so schnell geschafft haben, war ein tolles Gefühl«, sagt Stückle. Auch hieran waren alle Berufsgruppen beteiligt: »Der Technische Dienst hat tagelang durchgekloppt, die Reinigungskräfte genauso. Es ist noch einmal richtig deutlich geworden, wie wichtig all diese Menschen für das Klinikum sind.«

Bis in den Herbst hinein werden die Einschränkungen spürbar sein. Das Klinikum bietet zwar schon wieder das gesamte Leistungsspektrum an, doch es werden weniger Betten betrieben. Die Stationen und Fachbereiche mussten zusammenrücken, weil weniger Platz ist. Für das Klinikum – wie auch für andere vom Hochwasser betroffene Einrichtungen – könnte auf die Flutkatastrophe das finanzielle Desaster folgen. In Leverkusen beziffert man den Schaden auf mehr als 40 Millionen Euro. Einen Teil decken die Versicherungen ab, aber längst nicht alles. Die Klinikleitung hofft deshalb auf Unterstützung aus den Hilfsfonds, die Bund und Land aufgelegt haben.

Ob Teile des Unternehmens eventuell in Kurzarbeit gesetzt werden, ist in der Diskussion, aber zu Redaktionsschluss noch nicht entschieden. »Wir alle hoffen dass dies nicht notwendig wird«, betont Stückle. Sollte dieser Fall dennoch eintreten, haben Klinikum und Betriebsrat vorsorglich die Aufstockung des von der Bundesagentur für Arbeit gezahlten Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent des Nettolohns vereinbart. »Das Klinikum und die Beschäftigten müssen abgesichert werden, das ist die gemeinsame Haltung des Unternehmens und des Betriebsrates«, berichtet der Belegschaftsvertreter. Er verweist auch darauf, dass manche Kolleg*innen gleich doppelt betroffen sind: als Beschäftigte und als Besitzer von Wohnungen, die durch die Flutkatastrophe geschädigt oder zerstört wurden.

Positiv hingegen bleiben die erlebte Solidarität und der Zusammenhalt. »So etwas schweißt zusammen«, ist der Betriebsratsvorsitzende überzeugt. Das sei auch beim Mitarbeiterfest deutlich geworden, das die Klinik vergangene Woche ausrichtete – »als Dankeschön«.

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