Krankenhaus

Aufwertung der Pflege gelungen

Uniklinik Mainz

Aufwertung der Pflege gelungen

Der am 5. Juli erzielte Tarifabschluss an der Mainzer Uniklinik bringt den Beschäftigten deutliche Verbesserungen. Teamdelegierte waren zu jedem Zeitpunkt der Verhandlungen intensiv beteiligt. Der Versuch, Beschäftigtengruppen gegenseitig auszuspielen, wurde zurückgewiesen.

Ein Erfahrungsbericht aus Mainz.

Einen Tag vor den entscheidenden Verhandlungen legte die Universitätsmedizin Mainz (UMM) ihr Jahresergebnis vor. 59,7 Millionen Euro im Minus, schon eine Woche vorher geisterte das Wort "Sanierungstarifvertrag" durch den Blätterwald. Da gibt es nichts für die Beschäftigten zu holen, so die Botschaft zwischen den Zeilen.

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Aber die Beschäftigten hielten dagegen. Die Uniklinik wurde kurzerhand zum Problembezirk erklärt. Hinter einer Petition versammelte sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Allein das hat es bis dato noch nicht gegeben. Die Forderungen waren anspruchsvoll und lange beraten, Strategie und Taktik ausgearbeitet. Die Teamdelegierten trafen sich einmal die Woche um über den aktuellen Stand der Auseinandersetzung zu beraten. 139 Kolleg*innen sind Teamdelegierte, haben sich vernetzt, machen gemeinsam Aktionen.

Und so ist es auch am 4. Juli: der Hörsaal der Hautklinik auch gut gefüllt, die Teamdelegierten haben sich akkreditiert und haben Stimmzettel erhalten. Sie vertreten ihre 1.842 Kolleg*innen in der Uniklinik. Über den Messengerdienst "Telegram" sind sie verbunden mit Kolleg*innen vor Ort. Die Verhandlungskommission kommt vorbei und berichtet. Entscheidungen müssen gefällt werden: Abstimmung, per SMS Kontakt zum Gewerkschaftssekretär bei den Verhandlungen. ver.di Landesfachbereichsleiter und Verhandlungsführer Frank Hutmacher stellt seine Ideen immer wieder zur Debatte: "Wo ist unsere Schmerzgrenze, wie weit soll ich gehen?"

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Die Stimmungen gehen hin und her bei einem wahren Verhandlungsmarathon, der von mittags bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages läuft. Er verlangt auch von den Teamdelegierten viel ab. Schließlich sind sie die Expert*innen und bringen Vorschläge ein, machen auf Dinge aufmerksam, die man sonst vielleicht vergessen hätte. An der Tafel des Hörsaals wird die Entwicklung dargestellt. Und es wird diskutiert. Hier scheint das Geheimnis zu liegen, denn die Einbeziehung macht die Kolleg*innen mächtig. Und die Verhandlungskommission fühlt sich gestärkt. Frank Hutmacher ist ein erfahrener Verhandler, aber er braucht in dieser Nacht nur selten zu bluffen, denn die 60 Teamdelegierten, die auch am Freitagfrüh um 3:00 Uhr noch ausgeharrt haben, meinen es ernst. Das machten sie auch mit einer Notdienstvereinbarung, die Betten- und Stationsschließungen vorsieht, im Vorfeld deutlich.

Man wolle einen kräftigen Schluck aus der Pulle, hatte die Tarifkommission schon im Vorfeld gesagt. Ja, auch eine Sonderzahlung für die Pflegekräfte müsse drin sein. Es sei gesellschaftlicher Konsens, dass man die Pflegeberufe aufwerten müsse. Dabei hilft die gesamte ver.di. 350 Euro sind gefordert. 300 Euro will der Arbeitgeber dann für die "Pflege am Bett" anbieten, weil er denkt, dass die Kostenträger diese Kosten refinanzieren. "Pflege aufwerten heißt aber: alle aufwerten. Am Ende müssen alle 300 Euro mehr haben. Das ist unsere rote Linie", beschließen die Teamdelegierten mit nur einer Stimmenthaltung. Es wird nach Kompromissen gesucht, ver.di will auch eine Verdoppelung der Zulagen. Aber dafür müsst ihr bei den anderen Berufen nachgeben, sagt der Arbeitgeber. „Never“, meint Verhandlungsführer Frank Hutmacher und ver.di erklärt diesen Vorschlag zum absoluten No Go. Die allgemeine Erhöhung darf keinen Cent geringer ausfallen, weil die Pflege aufgewertet wird.

Mehrmals gibt es in der Nacht lange Unterbrechungen, die Arbeitgeber müssen rechnen und sich beraten. Und auch ver.di diskutiert verschiedene Ideen und bleibt hart: Sieben Prozent mehr und höchstens zwei Jahre Laufzeit. Man einigt sich auf 3,25 Prozent und nächstes Jahr 3,75 Prozent für alle. Und die examinierten Pflegekräfte bekommen 300 Euro oben drauf. Der Arbeitgeber nennt es Treueprämie und verkompliziert die Modalitäten, aber ver.di lässt ihn nicht mehr los. Wir wollen es für alle, gut notfalls in drei Schritten. Die Teamdelegierten stimmen bei vier Gegenstimmen und drei Enthaltungen zu. Der gordische Knoten ist durchschlagen.

Anja Großmann, examinierte Kinderkrankenschwester und Praxisanleiterin am UMM war in der entscheidenden Nacht dabei: „Für mich waren die Verhandlungen ein Novum, ich war das erste Mal als Teamdelegierte und Tarifberaterin bei einer solchen Auseinandersetzung dabei. Das gemeinsame Ausharren die ganze Nacht, und die Stimmung, die die anderen Teamdelegierten mitgebracht haben, die ständige Rücksprache mit dem Verhandlungsteam, all das hat einfach ein gutes Gemeinschaftsgefühl gegeben.“

Unimedizin Mainz, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, Krankenhaus, Krankenhäuser, Uniklinik, Pflege ver.di RPS Abstimmung der Teamdelegierten

Ein großer Brocken ist die erstmalige Bezahlung der Auszubildenden der Gesundheitsfachberufe an den Lehranstalten der Universitätsmedizin. Mit einer aufsehenerregenden 24stündigen Aktion in der Mainzer Innenstadt hatten sie das Thema positiv besetzt, immerhin handelt es sich um 680 junge Kolleg*innen, die für ihre Ausbildung kein Geld erhielten. Viele von ihnen mussten nebenher arbeiten. Ein Skandal, dem ver.di jetzt ein Ende bereitet hat. Die Jugendlichen liegen sich gegenseitig in den Armen, es fließen Freudentränen.

Aber damit nicht genug. Für den Personenkreis mit Fachweiterbildung verdoppelt sich die Zulage ab dem 1. Juli 2019 auf 150 Euro. In gleicher Höhe erhalten fortan auch die zertifizierten Stillberater*innen und das fachweitergebildete Personal für die Notfallversorgung diese Zulage. Die Zulage für die Beschäftigten der Funktionsbereiche verdoppelt sich auf 90 Euro.

Und den Hebammen im Perinatalzentrum Level 1 wird ab dem 1.Juli 2019 eine Zulage von 300 Euro monatlich gewährt. Zudem wurde ab dem gleichen Zeitpunkt eine höhere Eingruppierung in die Entgeltgruppe Kr8a vereinbart.

Zudem wird auch schriftlich festgehalten, dass die bezahlte Pause in Mainz umgesetzt werden soll, falls es auch in den anderen Krankenhäusern zu einer solchen Einigung kommt. Wegen des ÖPNV-Jobtickets will man gemeinsam zur Landesregierung fahren. Es ist schon außergewöhnlich, was alles geregelt wird.

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All das summiert sich auf beeindruckende Gehaltssteigerungen. So erhält eine Krankenpflegerin in Entgeltstufe 3 zum 1.Juli 2019 nächsten Jahres insgesamt 17,24 Prozent mehr Geld. Eine Intensivpflegekraft kommt sogar auf 20,64 Prozent. Hebammen erhalten neben der 300-Euro-Zulage eine Höhergruppierung, weshalb ihr Gehalt um insgesamt 22,29 Prozent steigt. Kann sich jemand an solche Steigerungen erinnern?

"Die Tarifeinigung ist für mich ein tolles Ergebnis, sowohl was die prozentualen Steigerungen angeht, aber auch durch den sehr guten Pflegezuschlag für die bettenführenden Stationen. Die Solidarität zwischen Pflege und Funktionspflege war hier einzigartig. Wir haben uns nicht spalten lassen, sondern die Kolleg*innen der Funktionspflege erhalten den Zuschlag auch, wenn auch zeitversetzt. Nur mit dieser Aufwertung können wir Kolleg*innen halten und neue gewinnen“ zieht die Teamdelegierte Anja Großmann eine erste Bilanz.

Mit dem in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt erzielten Tarifkompromiss ist man zweifellos der dringend nötigen Aufwertung der Pflegeberufe einen wichtigen Schritt näher gekommen. Die ver.di Betriebsgruppe am UMM hat nicht nur geredet und blumige Worte in die Zeitung gesetzt. Seit November letzten Jahres hat man sich systematisch auf die Auseinandersetzung vorbereitet. Erfolgreich, wie man nun sieht. Durch die Tarifpolitik von ver.di gelang es im Frühjahr bei den Unikliniken, die das Tarifwerk der Länder anwenden, einen Sonderbonus von 120 Euro zu vereinbaren. Jetzt gelang es in Mainz einen großen Schritt mit 300 Euro zu gehen. Der Pflegeberuf wird attraktiver. So wächst das Gehalt bei einem „normalen“ Krankenpfleger in Stufe 3 von jetzt 2.966.30 über 3.266,30 zum 1. Januar dieses Jahres, über 3.362,70 ab dem 1.Juli 2019 zu 3.477,56 Euro zum 1. Juli 2020. Die weitergebildete Intensivkraft wird dann 4.016,19 Euro und die Hebamme, die in die Tarifauseinandersetzung auch mit 2.966,30 Euro ging, wird schließlich 3.627,55 Euro verdienen.

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Als man gegen 4.00 Uhr am frühen Morgen völlig übermüdet zur Schlussabstimmung schritt, da heißt es einstimmig „Frank, mach den Sack zu. Das ist ein tolles Ergebnis. Das bringt echte Aufwertung. Da brauchen wir uns nicht zu verstecken. Da gibt es bezüglich der materiellen Bedingungen weit und breit keine besseren Angebote." Und so herrschte Erleichterung als um 11:00 Uhr die Verhandlungsführer der Tarifkommissionen der Gewerkschaft ver.di und der Universitätsmedizin Mainz, Frank Hutmacher und Christian Elsner, zusammen mit Pflegevorstand Marion Hahn und dem Medizinischen Vorstand und Vorstandsvorsitzenden der Universitätsmedizin Mainz Norbert Pfeiffer vor die Presse traten. Viele Journalist*innen waren da und drängten sich um die ver.di-Vertreter. Erleichterung auf allen Gesichtern. Währenddessen informierten die Teamdelegierten schon mit ihren Kolleg*innen auf den Stationen. Und was kommt nach der Aufwertung, wurden sie gefragt? Um die Arbeit zu bewältigen braucht es mehr Personal und Entlastung. Das stand diesmal nicht auf der Tagesordnung, aber die Teamdelegierten haben schon daran gedacht, denn allen ist klar: Mehr von uns ist besser für alle.