Krankenhaus

Keiner mehr da

Kreativer Protest

Keiner mehr da

Als die katholische Marienhaus-Gruppe gefährliche Schichtbesetzungen anordnet, meldet sich das Team einer Intensivstation krank. Das und öffentlicher Protest zeigen Wirkung.
Krankenhausflur, Pflegekraft schiebt Bett Arnim Thomaß Pflegepersonal im Krankenhaus

Stell Dir vor, es wird mit zu wenig Personal geplant, und keiner geht hin. So geschehen im saarländischen Ottweiler in jener Marienhausklinik, die 2017 als erstes katholisches Krankenhaus der deutschen Geschichte bestreikt wurde. An jenem Morgen Ende April war tatsächlich keiner mehr da. Die Kolleginnen und Kollegen der Intensivstation waren alle arbeitsunfähig.

Das hatte es noch nicht gegeben. Aufregung im Konzern. Umgruppierungen, Versetzungen, Medizinische Fachangestellte auf die Intensiv. Panik. Durcheinander.

Vorausgegangen war eine Anweisung des Generalbevollmächtigen der Marienhaus-Gruppe, Thomas Wolfram, den Personaleinsatz zu reduzieren. Die Pflegepersonaluntergrenzen seien schließlich ausgesetzt, deswegen ordne er auf den Intensivstationen eine Besetzung von jeweils einer Pflegekraft für vier Patient*innen, auf den Normalstationen für 15 Patient*innen an. Die Dienstpläne seien ungültig. Die Ausbildung wurde eingestellt und die Auszubildenden voll eingesetzt.

Vorher war der ehemalige Asklepios-Manager schon mit seinem Plan gescheitert, mittels Kurzarbeit aus den Beiträgen der Arbeitslosenversicherung für die Krankenhäuser Geld zu generieren. Kurzerhand setzte er daraufhin die pflegerischen Standards außer Kraft. Massenhaft wurden Kolleginnen zwangsweise in Minusstunden geschickt – die Corona-Krise mache es möglich.

So die Idee und Rechnung. Aber eben ohne den Wirt gemacht – in diesem Fall die Beschäftigte in Ottweiler, St. Wendel und Neunkirchen, drei Krankenhausstandorte im Marienhaus-Verbund Saar-Ost. Vorneweg jene, die jetzt plötzlich nicht mehr da waren. Die Stationsleitungen und Teams, die sich dieser Anordnung widersetzten, und die Gewerkschaft ver.di, die den Skandal lautstark in die Welt hinausrief und die Öffentlichkeit mobilisierte.

Die »gefährliche Pflege« war in den kommenden Tagen in aller Munde. ver.di wurde in den Gesundheitsausschuss des Landtages eingeladen Dort bezeichnete der ver.di-Sprecher die Situation als »lebensgefährlich, unverantwortlich und gesundheitsgefährdend«. Der Beauftragte des Unternehmens sprach hingegen von »Einzelfällen« und der Staatssekretär versteckte sich hinter dem Umstand, dass in der Pandemie die Schutzgesetze außer Kraft seien.

Intern wurde die Leitung immer chaotischer, Patienten wurden verlegt, Personal hin und her geschoben, Rundbriefe verfasst. Man versuchte es mit der Angst um die Arbeitsplätze. Der Vorsitzende der Mitarbeitervertretung in St. Wendel durfte sich unterstützend für das Unternehmen äußern, die Gewerkschaft wolle nur die klerikalen Häuser schlechtmachen. Geschickt versuchte man den Eindruck zu erwecken, die Beschäftigten würden die Sache ganz anders sehen.

Aber, das Konzept ging nicht auf. Die Kolleginnen und Kollegen ließen sich nicht beeindrucken. Der Landtag beauftragte den Pflegebeauftragten des Landes, die Angelegenheit zu untersuchen. Fernsehen, Rundfunk, Tagespresse und soziale Medien berichteten. Nach nur einer Woche mussten die Anordnung zur Personalreduzierung zurückgenommen, die Dienstpläne wieder in Kraft gesetzt werden.

Und weil ja auf keinen Fall die Anweisung ein Fehler sein kann, sondern nur die Umsetzung, musste der Pflegedirektor der drei Krankenhäuser über Nacht seinen Hut nehmen. Der »Verband der Pflegedirektoren« beklagte den Rausschmiss, denn sie hätten nur begrenzte Möglichkeiten die Anordnungen der Geschäftsführungen zu umgehen. »Ein Bauernopfer«, meinte der ver.di-Pflegebeauftragte Michael Quetting. Man solle die Gesundheitseinrichtungen nicht den Ökonomen überlassen. Pflege und Medizin sollten in den Krankenhäusern das Sagen haben. Sonst könne es sein, dass plötzlich keiner mehr da ist.

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