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Gießen und Marburg im Streik

Gießen und Marburg im Streik

Die Beschäftigten von Deutschlands einzigem privaten Uniklinikum fordern höhere Löhne und bessere Eingruppierung. Ziel ist Angleichung der Gehälter an den öffentlichen Dienst.

Auf der Straße für mehr Geld: Gut 600 Beschäftigte des UKGM demonstrieren am 8. März 2019 durch die Marburger Innenstadt. Daniel Behruzi Auf der Straße für mehr Geld: Gut 600 Beschäftigte des UKGM demonstrieren am 8. März 2019 durch die Marburger Innenstadt.

Die Wut ist groß an Deutschlands einzigem privat betriebenen Universitätsklinikum. Drei Tage hintereinander legten Beschäftigte des Uniklinikums Gießen und Marburg in der vergangenen Woche die Arbeit nieder. Am Frauentag, dem 8. März 2019, gingen über 600 von ihnen in Marburg auf die Straße, um ihrer Forderung nach Lohnerhöhungen und einer besseren Eingruppierung Nachdruck zu verleihen. Denn die Beschäftigten in der mittelhessischen Universitätsmedizin wollen gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen in kommunalen Krankenhäusern nicht länger benachteiligt werden. Sie fordern, dass auch sie endlich auf dem Niveau des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt werden.

»Wir sind mittlerweile das Uniklinikum in Deutschland, das am schlechtesten bezahlt«, schimpft der Koch und Betriebsrat Michael Kroll, der sich in der ver.di-Verhandlungskommission engagiert. Teilweise verdienten Beschäftigte des UKGM 10 bis 20 Prozent weniger als Kolleg*innen im TVöD. »Die Folge ist: Die Leute laufen weg.« Auch Jasmin Marczinski, die seit 16 Jahren als Leitung im Epilepsiezentrum in Marburg tätig ist, weist darauf hin, dass es unter diesen Bedingungen immer schwerer wird, offene Stellen zu besetzen. »Wenn im Epilepsiezentrum nicht genug Personal ist, ist das ein Sicherheitsrisiko«, warnt die Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) für Funktionsdiagnostik. Es fehle an Nachwuchs, in den MTA-Kursen seien nur noch vier, fünf Auszubildende. »Als ich angefangen habe, waren es 15. Da konnten wir uns die Leute noch aussuchen«, berichtet die 37-Jährige. Vor diesem Hintergrund sei es »ein Mega-Fortschritt«, dass ver.di für betrieblich-schulische Auszubildende, darunter die MTAs, eine Vergütung durchgesetzt hat.

Personalmangel ist auch in den Dienstleistungsberufen ein Problem. »Die Bedingungen sind dermaßen schlecht, dass wir im Transportdienst kaum noch jemand finden«, sagt Volker Peil, der in diesem Bereich arbeitet. »Der Stress ist extrem hoch. Irgendwann können die Menschen nicht mehr.« Den Streik hält Peil für genau die richtige Antwort darauf. Der Betrieb werde durch die Arbeitsniederlegung massiv beeinträchtigt. Nach ver.di-Angaben mussten die meisten geplanten Operationen abgesagt und die Patientenaufnahme deutlich eingeschränkt werden.

Auszubildenden des UKGM zeigen: Gute Bezahlung und die Ausbildung von Fachkräften gehören zusammen. Daniel Behruzi Auszubildenden des UKGM zeigen: Gute Bezahlung und die Ausbildung von Fachkräften gehören zusammen.

Nebenjobs trotz Vollzeitstelle

»Ich liebe meinen Beruf, aber qualifiziertes Personal muss besser bezahlt werden«, betont Monika Dittmann, die »Physiotherapeuten müssen endlich fairdienen!« auf ein Schild gemalt hat. Beim Berufseinstieg bekomme eine Therapeutin nur etwa 2.500 Euro im Monat. In den folgenden Jahren gehe das Gehalt kaum nach oben – obwohl Physiotherapeut*innen in ihrem Berufsleben tausende Euro für Fortbildungen aufwenden müssten. »Die meisten müssen trotz Vollzeitstelle nebenher arbeiten, um klar zu kommen«, berichtet Dittmann. »Ich selbst habe zwei Nebenjobs.«

Ihre Kollegin Angela Weber hält die Entlohnung angesichts der hohen Anforderungen und der großen Verantwortung ebenfalls für völlig unzureichend. Dass Beschäftigte am UKGM für dieselbe Arbeit weniger Geld bekommen als im öffentlichen Dienst findet die 56-Jährige »ganz einfach ungerecht«. Kritisch sieht sie, dass das UKGM nicht mehr in öffentlicher Trägerschaft ist, sondern vom Rhön-Konzern betrieben wird: »Für mich ist es ein No-go, wenn aus Beiträgen der Krankenversicherung Gewinne gemacht werden.« Doch auch die Politik trage eine Verantwortung für die Zustände. »Wir brauchen dringend personelle Mindeststandards – nicht nur in der Pflege, sondern für alle Berufsgruppen«, so die Physiotherapeutin.

Physiotherapeutinnen fordern die Aufwertung ihres Berufs. Daniel Behruzi Physiotherapeutinnen fordern die Aufwertung ihres Berufs.

»Man fühlt sich allein gelassen«

Eine Hebammenschülerin betont, dass die Bedingungen auch zu Lasten der Ausbildungsqualität gehen. So hätten im Kreißsaal oft nur vier examinierte Kräfte Dienst – gemeinsam mit 15 Auszubildenden. »Wie soll da eine gute Anleitung stattfinden?«, fragt die 21-Jährige. »Die Kolleginnen tun ihr Bestes, aber in manchen Situationen fühlt man sich als Schüler allein gelassen. Was ist, wenn Fehler passieren?« Von den 23 Absolventinnen ihres Hebammen-Kurses wollten lediglich zwei an der Uniklinik bleiben. »Die anderen gehen dort hin, wo sie 1.000 Euro mehr verdienen oder weniger Leistungsdruck haben.«

Dem Anästhesiepfleger David Schallopp ist insbesondere die schlechte Bezahlung der Bereitschaftsdienste im OP ein Dorn im Auge. Diese würden nur mit bis zu 75 Prozent vergütet, obwohl man oftmals durcharbeiten müsse. Wenn nach einem 24-Stunden-Dienst die reguläre Schicht am nächsten Tag entfällt, bleibe finanziell überhaupt nichts übrig. Auch für Frank Eggers, der im Marburger OP arbeitet und der ver.di-Tarifkommission angehört, ist die Aufwertung der Bereitschaftsdienste eine zentrale Forderung. Er hat ausgerechnet, dass Beschäftigte am UKGM bei fünf Bereitschaftsdiensten im Monat in ihrem Berufsleben insgesamt etwa drei Jahre länger arbeiten als Berufsgruppen außerhalb des OP. »Es kann nicht sein, dass im Bereitschaftsdienst 24 Stunden keine 24 Stunden sind«, kritisiert Eggers auf der Abschlusskundgebung.

Bei dieser macht ver.di-Sekretär Fabian Dzewas-Rehm deutlich, dass die Gewerkschaft beim nächsten Verhandlungstermin am 2. April verhandelbare Angebote des Arbeitgebers erwartet. »Wir wollen beides: mehr Lohn und eine bessere Eingruppierung«, stellt der Gewerkschafter klar. »Die Beschäftigten des UKGM müssen so bezahlt werden wie im öffentlichen Dienst.« Anfang April wird sich zeigen, ob die Rhön-Spitze die Botschaft verstanden hat.

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