Kirchliche Betriebe

Bericht aus einem Kinderhaus

Erfahrungen in Corona-Zeiten

Bericht aus einem Kinderhaus

Mitte Februar bin ich nach Frankfurt gezogen und habe eine neue Stelle als Sozialpädagogin in einem Kinderhaus angetreten. Das Kinderhaus besteht aus den drei Arbeitsbereichen Krippe, Kindergarten und Hort. Ich arbeite Vollzeit im Hort (was 32 Wochenarbeitsstunden entspricht). Das Kinderhaus ist erst zu Beginn dieses Jahres in die Trägerschaft der Diakonie gewechselt, vorher wurden Kindergarten und Hort von der örtlichen evangelischen Gemeinde getragen. Mit dem Wechsel haben sich die Arbeitsbedingungen den Standards der Diakonie angepasst, was laut den Berichten meiner Kolleginnen und Kollegen in einigen Bereichen zu Verschlechterungen geführt hat (zum Beispiel zu einem Urlaubstag weniger).

Die Situation im Hort war von Beginn an schwierig, geprägt von hoher Fluktuation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Überlastung wegen Personalmangels und Überforderung aufgrund unzureichender pädagogischer Kompetenz. Alles bekannte Probleme in diesem Berufsfeld. Nach meinen ersten vier Wochen, ohne wirkliche Einarbeitung, kam der Lockdown. Kurz darauf erhielten wir die erste Handlungsanweisung bezüglich des Corona-Virus und den Hinweis, dass ab kommenden Montag wahrscheinlich alle KiTas geschlossen würden. Dies bedeute aber nur, dass keine Kinder betreut würden, die Arbeitszeit sei dennoch zu erbringen und deshalb hätten alle Mitarbeitenden wie gewohnt zu erscheinen. Für die ersten Wochen gab es die Möglichkeit, Urlaub zu nehmen sowie Überstunden abzubauen oder Minusstunden aufzubauen. Nach vielen Tagen Ungewissheit und Zeitvertreib durch Aufräumen, Sortieren etc. in den Räumlichkeiten kamen nach und nach spärlich Informationen von Seiten der Diakonie.

Viele Kolleginnen und Kollegen hatten sich bereits arbeitsunfähig gemeldet. Ich selbst bin Risikopatientin und habe vergeblich versucht herauszufinden, was das nun bedeutet, ob ich noch weiter in die Einrichtung kommen muss, was die Alternativen sind etc. Der Aufenthalt in der Einrichtung sowie die Nutzung des ÖPNV hin und zurück stellte ja ein vermeidbares Risiko dar. Nachdem auf der Internetseite der zuständigen MAV keine (weiteren) Informationen zur aktuellen Situation veröffentlicht waren, nahm ich zu ihr unter anderem wegen folgender Fragen Kontakt auf:

  • Wurde die MAV in die Vereinbarungen der Stadt mit den Trägern einbezogen bzw. über die Ergebnisse informiert?
  • Welches sind die konkreten Vereinbarungen und wie setzt die Diakonie diese um?
  • Besteht in den Kindertageseinrichtungen der Diakonie die gleiche Handhabung der aktuellen Situation? Bezogen etwa auf die Anordnungen von Homeoffice, Überstundenabbau, Urlaubsregelungen, Umgang mit Kolleginnen und Kollegen mit Vorerkrankungen etc.?
  • Welchen Handlungsspielraum können die Einrichtungsleitungen jeweils für sich beanspruchen?
  • Warum informiert die MAV nicht eigenständig/selbstständig über die aktuelle Situation vor allem in Hinblick auf die Interessen der Beschäftigten?
  • Nutzt die MAV Gewerkschaftsmaterialien oder Ansprechpartnerinnen und -partner, um Informationen und Handhabungen im Interesse der Beschäftigten bestmöglich zu unterstützen?

Ich erhielt eine kurze Antwort, in der darauf hingewiesen wurde, dass momentan eine Dienstvereinbarung, unter anderem zu Homeoffice, verhandelt würde. Ansonsten würden sich die MAV mit allgemeinen Empfehlungen zurückhalten und individuelle Beratung anbieten, da es in ihren Augen schwierig sei, das allgemeine Interesse der Beschäftigten herauszufinden. Über diese Antwort war ich sehr enttäuscht. Zum
Glück gab es aber auch während der ersten Corona-Welle einen Austausch über unser Vernetzungstreffen der KiTa-Träger (sowohl Betriebsräte als auch Beschäftigte) in Frankfurt, an dem ich seit Februar teilnehme. Es wird organisiert und begleitet durch ver.di und GEW. So war es für mich einfacher einzuschätzen, was gerade vor sich geht und wie der Umgang der Diakonie damit zu bewerten ist. Leider ist mir durch mangelnde Vernetzung und gewerkschaftliche Organisierung innerhalb der Diakonie vor allem die Handhabung und Organisation meiner eigenen Einrichtung bekannt gewesen. Auf Grundlage der Berichte der anderen KiTa-Träger konnte ich feststellen, dass der Umgang mit Angehörigen der Risikogruppe schlechter ist. Zwar war ich vom Kinderdienst befreit, jedoch erschien ich während der gesamten Zeit immer wieder zu verschiedenen Tagen in der Einrichtung. Bei anderen Trägern wurden (und werden teils bis heute) diese Personen mehr geschützt.

Die Dienstvereinbarung zwischen Arbeitgeber und MAV wurde am 20. April 2020 geschlossen und regelte dort nun Dinge wie Homeoffice offiziell. Anfang Mai sollten dann alle, die zur Risikogruppe gehören, dies schriftlich vorlegen. Nur dann wurden sie vom Kinderdienst befreit. Alle Kolleginnen und Kollegen, die auch zur Risikogruppe gehörten, willigten schriftlich ein, dass sie im Kinderdienst eingesetzt werden wollen, nur ich nicht. Sie hatten nach eigenen Aussagen die Nase voll vom Homeoffice und den organisatorischen Aufgaben. Schutzmaterial wie Masken und Desinfektionsmittel wurde erst viele Wochen nach Beginn der Pandemie von der Diakonie zentral besorgt und ausgegeben. Dabei dienen die Masken bei uns als Notfallvorrat, bis heute bekommen wir keine von unserem Arbeitgeber gestellt. Auch wenn es keine Anordnung zum Tragen einer Maske während des Kinderdienstes gab, so hätte man für die An- und Abreise zum Arbeitsplatz mittels ÖPNV oder für den alltäglichen Gebrauch mindestens eine Maske als milde Gabe ausgeben können. Dafür bekam ich zum Glück die »Mit Abstand am besten«- Maske von ver.di.

Rückblickend hätte ich die Zeit während der ersten Corona-Welle besser nutzen können, wenn ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Austausch gestanden hätte. Einerseits hätten wir ein Kennenlernen und teambildende Maßnahmen für alle Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Haus organisieren können. Im stressigen Alltag kommt man nie dazu, sich bei den anderen zu erkundigen oder außerberufliche Themen zu besprechen. Und besonders in meinem eigenen Arbeitsbereich war das alleinige Arbeiten nicht gewinnbringend. Reflexion der vergangenen Arbeit, Diskussion um neue Konzepte, Projektplanungen oder Fallbesprechungen lassen sich nur im Team sinnvoll realisieren. Aber auch im normalen Betrieb, in Dienstbesprechungen, finden wir kaum genügend Zeit für den Austausch.

Nun bin ich seit einigen Monaten wieder im Kinderdienst und muss feststellen: Corona ist schlimm, aber bisher bin ich davon verschont geblieben. Die viel größere Gefahr geht für mich von den alltäglichen Arbeitsbedingungen aus. Gerade habe ich meine Überlastungsanzeige verfasst, welche von meinen Kolleginnen und Kollegen unterstützt wird. Wir sind unterbesetzt und ich, als einzige Fachkraft, kann nicht mehr die Verantwortung für die 40 Kinder tragen. Es ist kaum zu gewährleisten, dass der Tag ohne großen Schaden für alle überstanden wird. Von individueller Förderung oder gruppenpädagogischen Angeboten kann keine Rede sein. In meinem Hort sind einige Kinder, die uns so sehr beanspruchen, dass keine Zeit und Ressource mehr für den Rest der Kinder bleibt. Diese Kinder (und ihre Eltern) bräuchten ein anderes pädagogisches Setting, einen erhöhten Betreuungsbedarf, teilweise Hilfen zur Erziehung.

Allmählich vergeht einem so die Motivation und Kraft für den Beruf. Das will und werde ich nicht zulassen. Die Beschäftigten der Kirchen, der Diakonie müssen sich also dringend gewerkschaftlich organisieren und für bessere Personalbesetzungen und Arbeitsbedingungen kämpfen! Zusammen mit allen Kolleginnen und Kollegen aus diesem Bereich müssen wir einstehen für eine Anerkennung und Aufwertung unserer Arbeit. Mehr Lohn, mehr Personal. Das geht nur mit ver.di.

Laura Joanna Mulch, Sozialpädagogin aus Frankfurt

Erschienen im Kirchen.info Nr. 36

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