Kirchliche Betriebe

»Corona-Krise und die Arbeitswelt«

Buchbesprechung

»Corona-Krise und die Arbeitswelt«

Es wird in diesen Wochen viel geredet und geschrieben über die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Doch die betriebliche Ebene spielt bei der Fülle der Veröffentlichungen eine eher untergeordnete Rolle. Wie denken betriebliche Interessenvertreter*innen über die Auswirkungen der seit über einem Jahr andauerndem Pandemie? Welche Schlussfolgerungen wären bereits jetzt zu ziehen? Zu diesen Fragen haben Richard Detje von Wissentransfer Hamburg und Dieter Sauer vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung München im VSA-Verlag eine Studie veröffentlicht. Die insgesamt 43 Interviewpartner*innen waren vor allem Betriebsräte und betriebliche Vertrauensleute der IG Metall und ver.di aus Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Die Auswertung erlaubt erste Rückschlüsse für betriebliche Interessenvertretungen, auch im Sozial- und Gesundheitswesen und in konfessionellen Einrichtungen.

Die Studie berichtet von ambivalenten Erfahrungen aus der ersten Phase der Pandemie. Die Befragten schildern Überforderung, Überlastung, autoritäre Betriebsführung, aber auch ermutigende solidarische Erfahrungen von Zusammenhalt. Letztere verbinden sich mit dem Wissen um die Bedeutung ihrer Arbeit für das (Über)leben der Menschen und der Gesellschaft. Diese Erkenntnis scheint Potenzial zu bieten für deutlich mehr Anerkennung und Demokratisierung – auch im kirchlichen Sektor. So wird beispielsweise in vielen Krankenhäusern um mehr Personal gestritten, das wird nach der Krise nicht mehr vom Tisch zu fegen sein.

In dem Buch finden sich eindrückliche Beschreibungen zur Pflegearbeit in der Pandemie, die als enorme physische und psychische Belastung beschrieben wird. Der gesetzlich vorgeschriebene Gesundheitsschutz wird in der Pandemie – wenn überhaupt – nur sehr konfliktreich durchgeführt. Öffentliche, private und kirchliche Arbeitgeber haben halbherzig, ja heuchlerisch auf die finanzielle und personelle Lage reagiert. Strukturelle Reformen werden allenfalls halbherzig angegangen. Die Wut in den Belegschaften ist zu verspüren, krankheitsbedingte Ausfälle nehmen zu, so die Befunde.

Soziale und pflegerische Arbeit wird auch in kirchlichen Einrichtungen maßgeblich aus staatlichen Mitteln finanziert. Es ist kein Geheimnis, dass unter anderen ver.di die Aufwertung dieser Arbeit fordert. Nun wurde in der Pandemie der sperrige Begriff der »Systemrelevanz« erfunden. Es wird sich noch zeigen (müssen), ob die herrschenden Kreise dieser Republik die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen. Skepsis ist angebracht.

Der vorliegenden Studie und notwendigen Folgeuntersuchungen ist große Aufmerksamkeit zu wünschen. Sie erzeugt Ernüchterung, aber auch die Zuversicht, dass die Verhältnisse veränderbar sind. Die israelische Soziologin Eva Illouz wird wie folgt zitiert: »Die Menschen, die uns halfen, die Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten, befinden sich am unteren Ende der Skala, während diejenigen, die am oberen Ende angesiedelt sind, im Großen und Ganzen nutzlos waren. Dass Erstere üblicherweise als »systemrelevant« bezeichnet wurden, traf den Nagel auf den Kopf. Wenn wir die immer häufigeren Erschütterungen unserer Welt überleben wollen, dann werden wir auf diese unverzichtbaren Menschen angewiesen sein, nicht auf Hedgefonds-Manager oder Talkshow-Promis.«

Berno Schuckart-Witsch

Dieser Artikel ist im Kirchen.info Nr. 37 erschienen.

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