Kirchliche Betriebe

Auf dem Weg zum Tarifvertrag

Diakonie Würzburg

Auf dem Weg zum Tarifvertrag

Im Frühjahr 2018 hat die ver.di-Betriebsgruppe der Würzburger Diakonie in einer Mitgliederversammlung beschlossen, in ein Tarifprojekt einzusteigen. Das Projekt findet auf der Grundlage der sogenannten bedingungsgebundenen Gewerkschaftsarbeit statt. Ziel ist, für den Arbeitgeber Diakonisches Werk Würzburg e.V. einen Haustarifvertrag durchzusetzen. Von Anfang an hat die Betriebsgruppe deutlich gemacht, dass es ihr um die Abkehr vom sogenannten »Dritten Weg« geht. »Denn wir wollen mitreden und mitbestimmen, wie unsere Gehalts- und Arbeitsbedingungen aussehen. Wir wollen nicht, dass Fremde über unsere Köpfe hinweg entscheiden«, heißt es aus der Gruppe.

Die Würzburger Diakonie hat aktuell etwa 830 Beschäftigte. Die beiden größten Bereiche sind die Jugendhilfe (rund 360 Arbeitnehmer/innen) und die Altenhilfe (rund 280 Arbeitnehmer/innen). Daneben gibt es noch gut fünf kleinere Einrichtungen zwischen fünf und 50 Beschäftigten. Das Diakonische Werk Würzburg hat auch drei Tochtergesellschaften mit den Tätigkeitsbereichen Gefährdetenhilfe, Arbeit mit Arbeitslosen und – ganz neu ab 2019 – Kindertagesstätten.

Vor dem Tarifprojekt
Die Betriebsgruppe ist seit vielen Jahren aktiv und hat immer wieder betriebliche Aktionen durchgeführt. Die Gewerkschaft ver.di ist im Betrieb bekannt, es gibt etwa 50 ver.di-Mitglieder und die gewählte Mitarbeitervertretung hat nie ihre Sympathie und Nähe zu ver.di verhehlt. Fast alle MAV-Mitglieder sind auch in ver.di organisiert. Örtliche ver.di-Mitglieder waren mehrfach in Tarifprojekte auf bayerischer Ebene eingebunden, die aber nie durchschlagenden Erfolg hatten. Vorbild für Bayern und Würzburg waren – jedenfalls aus Sicht des Autors – immer die Ergebnisse des Tarifvertragswegs der Diakonie Niedersachsen.

Wie kam es zum Tarifprojekt?
Anfang März 2018 haben sich in der ver.di-Bildungsstätte Brannenburg zwei Betriebsgruppen getroffen, die der Diakonie Landshut und die aus Würzburg. Begleitet wurden sie von den örtlichen Gewerkschaftssekretären Stefan Kimmel (Würzburg) und Roman Martynez (Landshut) und außerdem von Kathrin Weidenfelder, die im Landesfachbereich die kirchlichen Betriebe betreut. Bei einer gemeinsamen Wanderung reifte dann die anstehende Entscheidung: Die Betriebsgruppe Würzburg will bei ihrem Arbeitgeber einen Tarifvertrag durchsetzen! Dazu hat sie mit ihren Hauptamtlichen die wesentlichen Grundlagen verabredet und eine »Selbstverpflichtung« abgeschlossen. Die ersten Schritte wurden geplant…

Beschluss in der ver.di-Mitgliederversammlung
Um das Tarifprojekt in einer demokratischen Entscheidung auch wirklich auf den Weg zu bringen, hatten die Würzburger für den 23. April 2018 zu einer Mitgliederversammlung eingeladen. Dabei haben sich die Mitglieder einstimmig für den Einstieg in ein Tarifprojekt im Diakonischen Werk Würzburg ausgesprochen.

Ankündigung auf der Mitarbeiterversammlung
Bereits einen Tag später, am 24. April 2018, fanden im Diakonischen Werk Würzburg zwei Mitarbeiterversammlungen statt. Auf beiden Versammlungen hat Gewerkschaftssekretär Stefan Kimmel über den Beschluss vom Vortag informiert und gleichzeitig angekündigt: »Die ver.di-Mitglieder der Würzburger Diakonie haben sich auf den Weg gemacht, für sich und für die Kolleginnen und Kollegen einen Tarifvertrag zu erstreiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir stärker werden. Mit aktuell ca. 50 ver.di-Mitgliedern wird ein eigener Tarifvertrag nur schwer zu erreichen sein.« Stefan Kimmel hat daher die Einladung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgesprochen, das Ziel Tarifvertrag zu unterstützen. Das gehe nur, wenn die Gewerkschaft stärker als bisher in der Diakonie verankert sei. Gegenüber Dekanin – sie ist die Vereinsvorsitzende – und Geschäftsführung hat Stefan Kimmel deutlich gemacht: »Wenn wir Ihnen einen Brief schreiben, in dem wir Sie zu Tarifverhandlungen auffordern, dann können Sie sicher sein, dass wir auch stark genug sind, einen solchen Tarifvertrag auf Augenhöhe auszuhandeln!«

Sowohl Dekanin als auch der Geschäftsführer waren also schon mal über die Planungen informiert. Transparenz und Offenheit sind wesentliche Prinzipien einer bedingungsgebundenen Gewerkschaftsarbeit.

Schiffchen aus Flugblättern: Beschäftigte der Diakonie Würzburg machen sich auf die Reise zu einem Tarifvertrag ver.di Schiffchen aus Flugblättern: Beschäftigte der Diakonie Würzburg machen sich auf die Reise zu einem Tarifvertrag

Die nächsten Schritte
Seit Mai 2018 treffen sich die Aktivist/innen monatlich im Würzburger ver.di-Büro und planen die nächsten Schritte. Monatlich soll es eine Veröffentlichung geben, die sich an die Beschäftigten der Würzburger Diakonie richtet. Auf jedem Flugblatt gibt es links unten einen Kasten, der den aktuellen Mitgliederstand im DW Würzburg grafisch veranschaulicht – auch hier große Transparenz. Alle Flugblätter verwenden ein Logo mit Flügeln »Weil wir es wert sind«, das aktuelle Logo der Bundesebene »Zeit für Menschen. Würde. Respekt« und haben auf der Rückseite eine Beitrittserklärung zum Ausfüllen. Das erste Flugblatt (Juni 2018) hat darüber informiert, »was bisher geschah.«

Die zweite Veröffentlichung (im Juli 2018) war ein Fragebogen an alle Beschäftigten, der ermittelte, wo die Probleme liegen und welche am größten sind. Gefragt wurde auch, ob die Angesprochenen bereit sind, ver.di und die Betriebsgruppe bei ihrem Ziel zu unterstützen. »Denn wir brauchen viele Hände, damit wir gemeinsam und stark das Ziel eines Tarifvertrags erreichen können«, so der Tenor der Betriebsgruppe.

Die Auswertung des Fragebogens liegt noch nicht vor. Sie war für Ende September geplant. Der Rücklauf war jedenfalls erfreulich gut!

Derzeit (September 2018) verteilt die Betriebsgruppe das nächste Flugblatt mit dem Titel »Tarifvertrag schlägt AVR!«. Es enthält einen Tarifvergleich zwischen AVR-Bayern (nach der die Diakonie Würzburg vergütet) und dem TVöD. Der Tarifvergleich zeigt für Kinderpfleger/innen und Pflegehelfer/innen, dass sie mit dem AVR-Bayern bis zu sechs Prozent bzw. 19 Prozent weniger verdienen als mit dem TVöD. Berücksichtigt man noch die kürzere Wochenarbeitszeit im TVöD (39 statt 40 Stunden/Woche), liegt der Unterschied sogar bei neun bzw. 21 Prozent.

Wie geht es weiter?
Die nächste Veröffentlichung (Oktober 2018) wird die Ergebnisse des Fragebogens enthalten. Und im Herbst wird es genügend Gelegenheit geben, betriebliche Aktionen zu machen und so die Botschaft eines Tarifvertrages in die Belegschaft zu tragen, etwa am Buß- und Bettag oder zu Nikolaus. Wie der Zufall so will, findet die EKD-Synode vom 11. bis 14. November dieses Jahr in Würzburg statt. Auch hier gibt es Gelegenheit für die Betriebsgruppe, sich im Sinne eines Tarifvertrags zu äußern. Daher wird die ver.di-Betriebsgruppe bei der »Laternenaktion« am 11. November in Würzburg selbstverständlich präsent sein.

Herbert Deppisch

Erschienen im Kirchen.info Nr. 32

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