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»Ganz normale Tarifverhandlungen«

Diakonie Niedersachsen

»Ganz normale Tarifverhandlungen«

Tobias Warjes ist Heilerziehungspfleger und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen in den Diakonischen Werken Niedersachsens (ag mav). Er ist seit deren Gründung 2010 Mitglied der ver.di-Tarifkommission für die niedersächsische Diakonie.

Tobias Warjes privat Tobias Warjes

ver.di hat für die Diakonie Niedersachsen einen neuen Tarifvertrag durchgesetzt, der den rund 37.000 Beschäftigten bis Juni 2021 Lohnerhöhungen von insgesamt 7,2 Prozent beschert. Wie bewertest Du die Vereinbarung?

Ich kann diesen Abschluss gut vor meinen Kolleginnen und Kollegen vertreten. Für 2019 steht eine Drei vor dem Komma, das wollten die Arbeitgeber eigentlich verhindern. Noch wichtiger finde ich, dass wir zum ersten Mal eine soziale Komponente durchgesetzt haben: In den ersten beiden Erhöhungsrunden steigen die Entgelte um jeweils mindestens 70 Euro. Das führt dazu, dass die Schere zwischen unteren und oberen Entgeltgruppen nicht noch stärker auseinandergeht.

Warum ist Dir das so wichtig?

Schon eine Fachkraft mit einer vollen Stelle hat nicht allzu viel Rente zu erwarten. Den Kolleginnen und Kollegen in den unteren Entgeltgruppen – die dazu oftmals Teilzeit arbeiten – droht massenhaft Altersarmut. Das ist nicht sozial. Klar: Die Arbeitgeber hätten lieber die Fachkräfte bevorteilt, weil sie auf dem Arbeitsmarkt schwer zu bekommen sind. Nur für sie etwas zu tun, ist aber sehr kurzsichtig. Denn wenn es so weitergeht, bekommen die Einrichtungen auch bei Nicht-Fachkräften ein Problem. Vor dem Tarifabschluss lagen die Stundenlöhne in diesem Bereich bei 12,41 Euro. In vielen anderen Branchen verdient man mehr – und hat keine Schicht-, Sonn- und Feiertagsarbeit. Es besteht die Gefahr, dass die Leute abwandern und ihrem Beruf den Rücken kehren.

Mit dem Tarifabschluss wird eine neue Pflegezulage zwischen 85 und 120 Euro im Monat eingeführt. Ist auch das ein Mittel gegen den Mangel an Arbeitskräften?

Ja, natürlich. Mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz hat die Regierung dafür gesorgt, dass Tariferhöhungen in der Krankenhauspflege vollständig refinanziert werden. Hier Verbesserungen zu erreichen, ist daher nicht so schwer. Wir haben aber darauf bestanden, dass die Zulage auch in der Altenhilfe gezahlt wird. Das haben wir erreicht. Hinzu kommt, dass wir die Altenpflegetabelle, die gegenüber der allgemeinen Entgelttabelle um etwa drei Prozent abgesenkt war, schrittweise auf dieses Niveau anheben. Das ist ein echter Erfolg.

Wie habt Ihr die Arbeitgeber dazu bewegt, das zu akzeptieren?

Das hat auch mit der generalistischen Ausbildung im neuen Pflegeberufegesetz zu tun. Es ist zu befürchten, dass die Leute von der Alten- in die Krankenpflege abwandern oder sich gleich gegen die Altenpflege entscheiden, wenn die Bedingungen dort schlechter sind. Darauf haben wir bei den Verhandlungen hingewiesen und zugleich deutlich gemacht, dass es nicht gerechtfertigt ist, Beschäftigten in der Altenpflege bei gleicher Qualifikation weniger zu zahlen als ihren Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern.

Und dieses Argument hat gezogen?

Na ja, die Arbeitgeber haben die deutliche Erhöhung in der Altenhilfe eher zähneknirschend akzeptiert. Dazu haben auch die vielen Aktionen beigetragen, die die Kolleginnen in den Einrichtungen auf die Beine gestellt haben. Das waren zwar oft eher kleine Proteste, aber es haben sich sehr viele Belegschaften gerade in den Pflegeheimen daran beteiligt. Das hat die Diakonie-Spitze durchaus wahrgenommen.

Warum war die Aktionsbereitschaft in dieser Tarifrunde so groß?

Die Arbeitgeber selbst haben dazu beigetragen. In der ersten Verhandlungsrunde legten sie kein Angebot vor. Und in der zweiten Runde verlangten sie plötzlich eine massive Flexibilisierung und Verlängerung der Arbeitszeiten. Das hat dazu geführt, dass sich die Kolleginnen mehr als sonst für diese Tarifauseinandersetzung interessiert haben und auch bereit waren, sich zu engagieren. Daraufhin haben die Verhandlungsführer der Diakonie ihre Forderungen schnell wieder vom Tisch genommen. Zu dem schließlich gefundenen Kompromiss gehört übrigens auch die Tarifierung der Auszubildenden in der Heilerziehungspflege, die für mich persönlich besonders wichtig ist. Schon in den letzten beiden Tarifrunden haben wir gefordert, dass angehende Heilerziehungspfleger einen Anspruch auf tarifliche Vergütung haben – so, wie es in der Pflege und anderswo selbstverständlich ist. Das haben wir jetzt durchgesetzt. Die Diakonie Niedersachsen hat damit einen der wenigen Tarifverträge überhaupt, der auch für Auszubildende in der Heilerziehungspflege gilt.

Gab es bei den Verhandlungen sonst noch Besonderheiten?

Ja, ver.di hat erstmals offiziell gemeinsam mit der Ärzteorganisation Marburger Bund verhandelt. Das war sehr hilfreich und hat uns alle stärker gemacht. Ich finde, das sollte im Marburger Bund Schule machen. Gemeinsam auf Augenhöhe über Tarifverträge zu verhandeln ist viel sinnvoller, als den »Dritten Weg« kircheninterner Lohnfindung durch die Teilnahme an Arbeitsrechtlichen Kommissionen am Leben zu halten.

Dies war bereits die dritte Entgeltverhandlung seit Bestehen des Diakonie-Tarifvertrags in Niedersachsen. Sind Tarifverhandlungen inzwischen zur Normalität geworden?

Es sind auf jeden Fall ernsthafte Verhandlungen, die ganz anders laufen als auf dem »Dritten Weg«. Auf Arbeitgeberseite sitzen allerdings noch ein paar Leute, die aus der Tradition des »Dritten Wegs« kommen, was man manchmal merkt. Was ich überhaupt nicht für zeitgemäß halte, ist, dass der Kirchenaustritt ein Kündigungsgrund sein kann. Das ist schon deshalb absurd, weil die Konfessionszugehörigkeit bei Einstellungen kein entscheidendes Kriterium mehr ist. Wir werden weiter darauf drängen, dass diese Regelung beseitigt wird. Ansonsten aber sind wir in der Tat auf dem Weg, ganz normale Tarifverhandlungen auf Augenhöhe zu führen. Wie man sieht: Das geht auch in Kirche und Diakonie.

 

Erschienen im Kirchen.info Nr. 34

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