Kirchliche Betriebe

Zieleinlauf mit Hindernissen

Altenhilfe Hessen

Zieleinlauf mit Hindernissen

Nachdem die Tarifverhandlungen für die diakonische Altenhilfe in Hessen im August 2020 zunächst ergebnislos und enttäuschend verlaufen waren, folgte ein wenig wertschätzendes Angebot seitens der diakonischen Arbeitgeber. Auf Seiten von ver.di löste es großes Unverständnis aus. Das als »hochwertig« angepriesene Angebot lag in seinem Gesamtniveau bei bis zu 15 Prozent unter Niveau des Tarifvertrags im öffentlichen Dienst (TVöD) und erreichte in weiten Teilen nicht einmal die Tabellenwerte in den Endstufen der aktuell geltenden Arbeitsvertragsrichtlinien Hessen-Nassau (AVR.HN) und AVR Kurhessen-Waldeck (AVR.KW). Zudem war es in den Verhandlungen nicht gelungen, zu wesentlichen »Mantelthemen« eine Einigung zu finden. Unter diesen als wenig wertschätzend empfundenen Rahmenbedingungen, bei denen es auf der Arbeitgeberseite an Ernsthaftigkeit mangelte, war die ver.di-Tarifkommission nicht mehr bereit weiter zu verhandeln. Nach einer ausgiebigen Diskussion beschloss sie, in der Erwartung eines verhandlungsfähigen Angebots, den diakonischen Arbeitgebern eine letzte Chance zu geben.

Arbeitgeber nehmen letzte Chance wahr

Im November 2020 legten die Arbeitgeber sowohl für die Entgelttabelle als auch für die strittigen »Mantelthemen« ein verbessertes Angebot vor und der Wille zur Einigung wurde ernsthaft spürbar. Strittig blieben zunächst neben einer aus Sicht von ver.di weiter nötigen Verbesserung der Entgelttabellen, vor allem hinsichtlich der unteren Entgeltgruppen, insbesondere die Ausgestaltung der betrieblichen Altersvorsorge, der Krankengeldzuschuss und die Regelungen zur Arbeitsbefreiung. Erst nach zwei weiteren Verhandlungsrunden im Februar und März 2021 gelang der entscheidende Durchbruch in den noch offenen Entgelt- und »Mantelthemen«. Das zähe Ringen und Durchhaltevermögen hat sich gelohnt. Das Gesamtniveau des Tarifvertrags für die diakonische Altenhilfe in Hessen liegt nun deutlich über dem der AVR.HN und AVR.KW. Neben einer Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 38,5 Stunden und besseren Löhnen bietet der Tarifvertrag unter anderem eine Regelung für verlässliche Dienstpläne und höhere Zeitzuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit.

ver.di-Mitglied sein lohnt sich – jetzt erst recht!

Ganz besonders stolz sind die beteiligten ver.di-Kolleg*innen über die im Tarifvertrag verankerte Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro (Teilzeit anteilig) als Bonuszahlung für alle ver.di-Mitglieder. Damit lohnt es sich einmal mehr, ver.di-Mitglied zu sein!

Zieleinlauf verzögert sich

Leider ist bis zum Redaktionsschluss noch keine Gesamteinigung gelungen. Die wichtige Frage der Überleitung der Beschäftigten aus den derzeit noch geltenden AVR-Regelungen bleibt weiter strittig. Nach Vorstellung der Arbeitgeber sollen die Beschäftigten die Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden pro Woche durch geringere Monatsentgelte aus ihrer eigenen Tasche finanzieren. Das ist für ver.di ein absolutes »No Go« und stellt ein wesentliches Hindernis für die Gesamteinigung dar. Die eigentlich für März geplante, voraussichtlich letzte, Verhandlungsrunde ist auf Wunsch der Arbeitgeber kurzfristig auf Juni 2021 vertagt worden. Diese unerwartete Verzögerung für einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen nutzt ver.di, um noch mehr Kolleg*innen in den betroffenen diakonischen Altenhilfeeinrichtungen mit den Inhalten des Verhandlungsstandes vertraut zu machen. Der aktuelle Verhandlungsstand ist inhaltlich als großer Erfolg zu werten und der Abschluss des Tarifvertrags wäre zudem auch branchenpolitischer Leuchtturm. Gerade nachdem Caritas und Diakonie einen bundesweit erstreckten Tarifvertrag über Mindestbedingungen für die Altenpflege zu Fall gebracht haben, wäre es ein enorm wichtiges Zeichen, dass Tarifverträge das Mittel der Wahl sind, um für bessere Arbeits- und Lohnbedingungen in der Altenpflege zu sorgen.

Dieser Artikel ist im Kirchen.info Nr. 37 erschienen.

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