Kirchliche Betriebe

»Mit Rosinenpickerei muss Schluss sein«

Diakoniewerk Kropp

»Mit Rosinenpickerei muss Schluss sein«

»Allein mit guten Argumenten kommen wir nicht weiter«

Annette Horns ist Vorsitzende der Mitarbeitervertretung und Sprecherin der ver.di-Betriebsgruppe in der St. Georg Diakonische Altenhilfe Dithmarschen gGmbH an der Westküste Schleswig-Holsteins.

Annette Horns privat Annette Horns

Die ver.di-Aktiven im Unternehmensverbund Diakoniewerk Kropp im Norden Schleswig-Holsteins haben eine Postkarten-Aktion gestartet, um den Vorstand zu Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft zu bewegen. Was sind die Hintergründe?

Wir wehren uns dagegen, dass die Löhne und Arbeitsbedingungen seit vielen Jahren einseitig vom Arbeitgeber festgelegt werden. Seit 2016 orientiert sich die Bezahlung zwar an den Entgelttabellen der Arbeitsvertragsrichtlinien der Diakonie Deutschland (AVR-DD), aber das Grundgehalt wurde um 15 Prozent abgesenkt. Auch andere Regelungen gelten zum Teil nicht, zum Beispiel der Zusatzurlaub bei Nachtarbeit, Erholungsurlaub oder Krankengeldzuschuss. Mit dieser Rosinenpickerei muss Schluss sein. Die Kolleginnen und Kollegen sehen nicht ein, warum sie für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt werden als andere.

Wie rechtfertigt der Kropp-Vorstand diese Benachteiligung?

Es wird gesagt, man könne sich eine bessere Bezahlung nicht leisten. Denn dann würden die Eigenanteile der Bewohnerinnen und Bewohner steigen. Da die kommerziellen Anbieter in der Region noch schlechter entlohnen, könne Kropp im Wettbewerb nicht mehr mithalten.

Sind diese Argumente stichhaltig?

Ich meine, umgekehrt wird ein Schuh daraus: Schon jetzt können wir manchmal keine weiteren Bewohner aufnehmen, weil Pflegekräfte fehlen. Die niedrigen Löhne sind ein entscheidender Wettbewerbsnachteil. In Zukunft wird es immer mehr darauf ankommen, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen. Allein auf kurzfristige Einsparungen zu setzen, ist keine gute Strategie und gefährdet langfristig die Einrichtungen. Zumal es schon traurig ist, wenn sich diakonische Einrichtungen an der privaten Billigkonkurrenz orientieren statt sich für gute Standards einzusetzen. Das passt nicht mit dem zusammen, was die Kirche sonst so vertritt.

Aber ist es nicht ein Problem, wenn die Eigenanteile durch Lohnerhöhungen steigen?

Doch, sicher. Und dieses muss politisch gelöst werden – kurzfristig durch eine Deckelung der Eigenanteile, so dass nicht allein die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen für die notwendigen Kostensteigerungen aufkommen müssen. Es ist aber auch in ihrem Interesse, dass die Beschäftigten angemessen bezahlt werden. Denn gute Pflege ist nur mit anständigen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen möglich. Übrigens haben wir mit der Auslastung im Moment überhaupt kein Problem. Es gibt eher zu wenige Plätze in den Pflegeeinrichtungen, daher würden auch steigende Eigenbeiträge nicht sofort dazu führen, dass keiner mehr zu uns kommt.

Wie kommt es, dass Ihr die Forderung nach einem Tarifvertrag gerade jetzt angeht?

Ein Anlass war die Entscheidung des Kirchengerichtshofs vom September vergangenen Jahres. Dieses erklärte in Bezug auf das Altenhilfe-Zentrum Sankt Martin in Eckernförde, das ebenfalls zum Unternehmensverbund gehört, der »Erste Weg« einseitiger Lohnfestsetzung sei mit dem kirchlichen Arbeitsrecht nicht vereinbar. Wir haben in der Gesamt-Mitarbeitervertretung des Diakoniewerks Kropp daraufhin gemeinsam mit unserem Rechtsanwalt Bernhard Baumann-Czichon und ver.di überlegt, was wir tun können. Die Gründung eines Betriebsrats würde an den Gehältern nichts ändern. Deshalb haben wir gesagt: Wir brauchen Tarifverträge.

Wie wollt Ihr das erreichen?

Klar ist: Das schaffen wir nur, wenn sich die Kolleginnen und Kollegen bewegen. Sie zu motivieren, ist aber sehr schwer. Viele meinen, wir als Mitarbeitervertretung sollten die Probleme lösen. Das können wir aber nicht. Wir brauchen die Gewerkschaft, und die Leute sollten sich in ver.di organisieren. Denn allein mit guten Argumenten kommen wir beim Vorstand nicht weiter.

Und die Postkarten-Aktion dient dazu, die Beschäftigten darauf anzusprechen?

Ganz genau. Wir wollen mit den Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen und aufzeigen, dass es auf sie selbst ankommt. Und wir wollen dem Vorstand mit möglichst vielen Postkarten klar machen, dass es so nicht weitergeht. Ganz bewusst haben wir uns an die Diakonie-Kampagne »UNERHÖRT!« angelehnt. Diese Kampagne soll »wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört«. Wir wollen, dass die Diakonie auch ihren eigenen Beschäftigten zuhört.

Ist das Ziel eines Tarifvertrags realistisch?

Warum nicht? Selbst im Unternehmensverbund gibt es mit der Hesterberg & Stadtfeld gGmbH eine Einrichtung, in der der Kirchliche Tarifvertrag Diakonie (KTD) gilt. Dort sind rund 70 Prozent der Kolleginnen und Kollegen in ver.di organisiert. Nach der Übernahme hat sich das Diakoniewerk Kropp nicht getraut, aus dem Tarifvertrag auszusteigen. Das zeigt: Es geht – wenn sich die Beschäftigten zusammentun und Druck machen.

 

Erschienen im Kirchen.info Nr. 34

Diakoniewerk Kropp

Was beim Unternehmensverbund Diakoniewerk Kropp passiert, ist kein Einzelfall. Laut einem Bericht des Landesbischofs wenden 20 Prozent der diakonischen Einrichtungen im Norden weder kirchliche Arbeitsvertragsrichtlinien noch Tarifverträge an. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung werden hier einseitig durch die Arbeitgeber bestimmt. Eine Konferenz von rund 150 Mitarbeitervertreter*innen aus der Nordkirche und ihren Diakonischen Werken (Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern) kritisierte diese Praxis am 8. Oktober 2019 in Rostock scharf. Man erwarte von den Verantwortlichen in Kirche und Diakonie »einen konstruktiven Dialog«. Dessen erstes Ziel müsse
»die Abschaffung der rechtswidrigen einseitigen Arbeitsrechtsetzung durch den Arbeitgeber (`1. Weg´) in allen Einrichtungen, die diese noch anwenden«, sein. Der Vorstand der Diakonie Schleswig-Holstein, Heiko Naß, begegnete diesem Ansinnen sogleich mit unverhohlener Ignoranz: »Einrichtungen entscheiden sich nur dann für den Ersten Weg, wenn sie sich auf Grund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen dazu gezwungen sehen«, ließ der Diakonie-Funktionär wissen. Ach so, die Einrichtungen kürzen die Gehälter »nur« wegen der Konkurrenzsituation – und setzen ihre Wettbewerber und deren Belegschaften damit wiederum selbst unter Druck. Deutlicher kann man die »Wünsch-dir-was-Mentalität« mancher Diakonie-Manager wohl nicht auf den Punkt bringen. Entziehen können sich die Beschäftigten dieser Willkür nur, indem sie sich gewerkschaftlich organisieren und reguläre Tarifverhandlungen durchsetzen.

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