Kirchliche Betriebe

»Unsozial und unchristlich«

Diakonie Hessen

»Unsozial und unchristlich«

Kundgebung vor Diakonie-Zentrale in Frankfurt Ludwig Maria A. Adelfels Kundgebung vor Diakonie-Zentrale in Frankfurt

Die Beschäftigten der Diakonie Hessen und Nassau sind empört. Rund 100 Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich am 6. April an einer kurzfristig anberaumten Kundgebung vor der Diakonie-Zentrale in Frankfurt am Main. Sie äußerten lautstark ihren Unmut über den jüngsten Entgeltabschluss, der Beschäftigte in den unteren Lohngruppen und in der Altenhilfe deutlich schlechterstellt.

»Das ist unsozial und unchristlich«, kritisierte der Vorsitzende der Gesamt-Mitarbeitervertretung (G-MAV) der Diakonie Hessen, Claus Krach, die Beschlüsse der Arbeitsrechtlichen Kommission (ARK). So sollen ausgerechnet diejenigen, die ohnehin am schlechtesten verdienen, von der Lohnentwicklung abgekoppelt werden: Während die Gehälter in den Entgeltgruppen E 6 bis E 14 um vier Prozent steigen, werden sie in den Entgeltruppen E 1 bis E 5 nur um 2,5 Prozent erhöht. »Das sind Kolleginnen und Kollegen mit einer Ausbildung, die wichtige und verantwortungsvolle Tätigkeiten ausüben«, betonte der Mitarbeitervertreter.

Auch die bereits in der Vergangenheit benachteiligten Pflegekräfte in der Altenhilfe werden erneut diskriminiert: Statt zum 1. April steigen ihre Gehälter erst zum 1. Juli – in der Höhe wiederum differenziert nach Fach- und Hilfskräften. Damit werde unter den Beschäftigten in Hessen eine Fünf-Klassen-Gesellschaft etabliert, die zwischen Anstellung bei Kirche und Diakonie, zwischen Fach- und Hilfskräften sowie zwischen der Altenpflege und anderen Bereichen differenziere. Das sei zutiefst ungerecht, so der Tenor der Kundgebung.

Anja Kolb-Hiemenz vom Vorstand der G-MAV der Diakonie Hessen stellte fest, dass davon vor allem Frauen betroffen sind. Sowohl in den unteren Lohngruppen als auch in der Altenhilfe sei die Mehrheit der Beschäftigten weiblich. Ihre Schlussfolgerung: »Diese Diakonie diskriminiert Frauen.« Die niedrigen Löhne beförderten das Problem der Altersarmut, auf das Diakonie und Kirche öffentlich sonst immer aufmerksam machten.

Der aktuelle Entgeltabschluss sei der vorläufige Höhepunkt einer längeren Entwicklung, so die Vorsitzende des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen der Diakonie in Hessen und Nassau (GAMAV HN), Edith Heller. Er belege erneut, dass der »Dritte Weg« kircheninterner Lohnfindung keine Ergebnisse im Sinne der Beschäftigten bringe. Ihre Konsequenz: »Wir fordern alle diakonischen Arbeitgeber in Hessen auf, Tarifverhandlungen mit ver.di zu führen.« Die Diakonie müsse den Versuch sofort beenden, eine neue Arbeitsrechtliche Kommission mit Verbänden auf die Beine zu stellen, die dort nur ihre eigenen Interessen vertreten – und nicht die der Belegschaften.

 

Kundgebung vor Diakonie-Zentrale in Frankfurt Ludwig Maria A. Adelfels Kundgebung vor Diakonie-Zentrale in Frankfurt

Berno Schuckart-Witsch von der ver.di-Bundesverwaltung stellte klar, dass Hessens Beschäftigte mit diesen Positionen nicht alleine stehen: »Ihr seid Teil einer bundesweiten Bewegung – überall streiten Kolleginnen und Kollegen für eine Abkehr vom Dritten Weg.« Die vor wenigen Tagen bekannt gewordene Zwangsschlichtung in der Diakonie Deutschland sei ein weiterer Beleg dafür, dass man »mit dem Dritten Weg nur rückwärtsgehen kann«. Er schlug den kirchlichen Arbeitgebern vor, Flächentarifverträge zu vereinbaren und diese für allgemeinverbindlich zu erklären. Nur so könne dem von privaten Unternehmen ausgeübten Kostendruck begegnet werden. Der Gewerkschafter verwies darauf, dass ver.di und die Wohlfahrtsverbände inklusive Diakonie und Caritas in Bremen und Bremerhaven kürzlich einen gemeinsamen Tarifvertrag für die Altenhilfe geschlossen haben, dessen Allgemeinverbindlichkeit sie fordern. »Warum geht das nicht auch in Hessen, warum nicht auch bundesweit?«, fragte Schuckart-Witsch.

Klar sei aber auch: Gute Tarifverträge könnten nur mit gut organisierten Belegschaften durchgesetzt werden. »Wir müssen kräftiger werden«, appellierte er. Ein Mittel dafür ist die »Reformaktion«, die ver.di zum Luther-Jahr startet: Auch in den hessischen Einrichtungen von Kirche und Diakonie soll ein Abbild der Kirchentür aus der Lutherstadt Wittenberg eingesetzt werden, um den Bedarf an grundlegenden Reformen im kirchlichen Arbeitsrecht des Jahres 2017 deutlich zu machen.

Dass das von den Belegschaften unterstützt wird, zeigt nicht nur eine Umfrage vom Sommer vergangenen Jahres, in der sich 90 Prozent der Diakonie-Beschäftigten in Hessen für Tarifverträge ausgesprochen haben. Das bekräftigen auch fast 600 Unterschriften, die die Aktiven in nur zwei Wochen in den Einrichtungen gesammelt haben. Die Unterzeichner/innen sprechen sich gegen den Entgeltabschluss, für die Abschaltung der Arbeitsrechtlichen Kommission und für Tarifverträge in allen Bereichen der Diakonie aus. Gleiches fordert eine Resolution der Vollversammlung der GAMAV HN, die von 90 Mitarbeitervertreter/innen aus 61 diakonischen Einrichtungen unterzeichnet wurde. Diakonie-Vorstand Wilfried Knapp nahm beide Petitionen entgegen und machte dabei vorsichtige Andeutungen, dass man mit ver.di ins Gespräch über Tarifverträge in manchen Bereichen kommen wolle. Zugleich drohte er damit, auch der »Erste Weg« sei möglich: das einseitige Lohndiktat durch den Arbeitgeber.

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