Behindertenhilfe

»ver.di ist unsere einzige Lobby«

Behindertenhilfe

»ver.di ist unsere einzige Lobby«

Beschäftigte in Einrichtungen der Behindertenhilfe sind während der Corona-Pandemie besonderen Belastungen ausgesetzt. Menschen mit Behinderung gehören überwiegend zu Risikogruppen, Maßnahmen zum Infektionsschutz sind nur schwer umzusetzen und es mangelt vielerorts an Personal. Wir sprachen mit Dorothee Bosch über die Situation in den Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die 61-jährige Erzieherin ist Mitglied im Vorstand des ver.di-Bundesfachbereichs Gesundheit, Soziale Dienst, Wohlfahrt und Kirchen und arbeitet seit 1981 in der diakonischen Einrichtung Mariaberg im baden-württembergischen Gammertingen. Dort ist sie 2. stellvertretende Vorsitzende der Mitarbeitervertretung (MAV).

Dorothee Bosch shift/studio für verdi Dorothee Bosch  – Landesbezirk Baden-Württemberg

In Zeiten wie diesen liegt die erste Frage auf der Hand: Wie geht es dir?

Mir persönlich geht es gut. Auch in meinem persönlichen Umfeld gibt es keine Coronafälle, weder in der Verwandtschaft noch in der Bekanntschaft und auch nicht in unserem Dorf.

Anders sieht es in der Einrichtung aus, in der du arbeitest. Dort gab es über 100 Infizierte und sogar Todesfälle. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben sehr früh begonnen zu testen. Durch die Tests haben wir viele Infizierte entdeckt, die gar keine Symptome hatten, sondern im Gegenteil quietschfidel waren. Die mussten dann 14 Tage in der Quarantäne durchhalten, das war für alle Beteiligten nicht einfach.

In der Behindertenhilfe ist der Anteil der Menschen mit multiplen Vorerkrankungen sehr hoch, auch bei uns. Ein alter Mann aus dieser Risikogruppe ist gestorben, allerdings nicht an Corona, sondern mit Corona.

Wir haben die Situation aber jetzt im Griff, seit heute Morgen haben wir keine Fälle mehr, das ist sehr erfreulich.

Waren die Maßnahmen der Einrichtungsleitung sachgerecht, angemessen und zeitnah?

Ja, wir haben in Mariaberg sehr umsichtig gehandelt. Mitarbeitervertretung und Leitung haben ein gutes Verhältnis. Das war nicht immer so, aber in den vergangenen Jahren hat sich das gebessert und dieses gute Einvernehmen hat sich nun in der Coronakrise bewährt, so sind wir beispielsweise in der Corona-Task-Force vertreten und konnten beispielsweise abwenden, dass der Zwölfstundentag eingeführt wurde

Wir veröffentlichen seit März wöchentlich die aktuellen Zahlen für unsere Kolleginnen und Kollegen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Mariaberg. Auch was die Schutzkleidung angeht, hat sich die Leitung sehr angestrengt, das Notwendige zu organisieren. Gut, wir haben natürlich auch ein bisschen Druck gemacht.

Mariaberg ist hier aber sicherlich ein positives Beispiel. In vielen Einrichtungen in der Behindertenhilfe ist es nicht so gut gelaufen. Es ist schon an sich sehr belastend, mit Menschen zu arbeiten, die zu einer besonders gefährdeten Risikogruppe gehören, wenn dann aber auch noch Schutzkleidung fehlt und die Gefahr besteht, selbst zu erkranken, ist das besonders schlimm.

Wie hat sich dein Arbeitsalltag durch Corona verändert?

Ich arbeite im Bereich „Wohnen“. Da beginnt der Arbeitstag um sechs Uhr morgens und endet erst einmal um neun. Dann gehen die Klienten in die Tagesstruktur, das heißt, in die Schule, in die Werkstatt oder die Alten in die Seniorenbetreuung. Mittags um drei geht der Arbeitstag weiter bis um 21.00 Uhr. Die Kolleginnen und Kollegen in der Tagesstruktur kommen um acht und gehen um 16.00 Uhr. Schule, Werkstatt und Seniorenbetreuung sind jetzt aber geschlossen, das heißt, die Klienten müssen durchgehend von uns betreut werden.

In unserer Einrichtung konnten wir die Kollegen aus der Tagesstruktur schnell in unsere Abläufe integrieren. Um acht Uhr kommen die Lehrer, helfen uns bei der Pflege und machen ab neun Uhr eine Art Schule nur für unsere Wohngruppe. Das funktioniert Hand in Hand, wir lernen die Vorzüge der anderen Berufsgruppen kennen.

Durch die Hilfe der Kolleginnen und Kollegen aus der Schule und der Werkstatt, sind wir bisher ganz gut zurechtgekommen. Aber jetzt kommen bald die Ferien, da sind diese Kolleginnen und Kollegen nicht da. Wir können sie fragen, ob sie uns aushelfen, aber offiziell sind sie nicht da. In den Ferien fehlen uns zwei Vollzeitstellen. Wir versuchen, die Pflegeschüler, die noch in der Ausbildung sind, zu motivieren, uns zu unterstützen und wir machen Überstunden. Letztendlich ist das Pensum nur über Arbeitsverdichtung zu bewältigen. Das gilt natürlich umso mehr in Einrichtungen, in denen es nicht möglich ist, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen in die Betreuung mit einzubeziehen.

Verstehen die Klienten, warum ihre normale Struktur nicht mehr vorhanden ist?

Bei einem Menschen mit einer schweren kognitiven Einschränkung oder einer Mehrfachbehinderung, definiert sich die gesamte Person in vielen Fällen über die Emotion. Kann ein Klient sich beispielsweise wegen der Einschränkungen nicht auspowern, braucht das aber, wird er wütend. Deshalb sind wir durch die Coronakrise massiv mit mehr Gewalt konfrontiert. Einem Teil unserer Kinder, die zwar eine Intelligenzminderung, aber gute sprachliche Fähigkeiten haben und auch einige Kulturtechniken beherrschen, können wir wie einem Kindergartenkind erklären, dass da ein böses Virus ist, das alle krank macht und sie deshalb Einschränkungen hinnehmen müssen. Die versuchen aber auch jeden Tag, wieder neu die Normalität zu leben, nehmen uns in den Arm, knutschen uns ab, setzen sich bei uns auf den Schoß und werden sauer, wenn wir sie abwehren. Wir müssen ihnen immer wieder erklären, dass sie die Hände waschen, dass sie Abstand halten müssen, nicht einmal, nicht zweimal sondern zig-Mal am Tag.

Bei den Kollegen im Erwachsenbereich ist die Situation ähnlich. ‚Social Distancing‘ ist im Behindertenbereich nicht durchgängig möglich. Viele Menschen mit Einschränkungen lesen unsere Mimik, brauchen unsere Nähe, sonst funktioniert gar nichts mehr. Sehr oft brauchen wir unseren Körper, um zu deeskalieren und werden Zielscheibe von Aggressionen. Gestern kam beispielsweise ein kleiner Kerl zu mir und sagte: ‚Ich möchte meine Maske haben‘. Ich habe ihn aber nicht gleich verstanden und wusste auch nicht, wo seine Maske ist. Viele von den Kindern wollen eine Maske, weil sie sehen, dass wir die tragen. Da ich seinen Wunsch nicht gleich erfüllt habe, änderte sich sein Verhalten von einer Sekunde auf die andere. Er schlug mit den Fäusten gegen die Tür, riss sie auf und schlug sie wieder zu. Ich habe versucht zu deeskalieren und dabei auch den einen Tritt und den anderen Faustschlag abbekommen. In solchen Situationen gibt es kein ‚Social Distancing‘. Genauso wenig in der Pflege. Wir sind dem Virus ausgesetzt.

Wie sind die unterschiedlichen Bereiche in der Behindertenhilfe von den Einschränkungen durch das Virus betroffen?

Der Bereich „Wohnen“ ist sicherlich am stärksten von der Coronakrise betroffen, weil wir genau wie die Familien alles auffangen müssen. Im Unterschied zu einem Krankenhaus oder einem Altenheim gibt es bei uns ja Leute, die ihr ganzes Leben in der Einrichtung verbringen. Hier bei uns in Mariaberg gibt es Bewohner, die leben seit 50 Jahren hier. Für die ist Mariaberg ihre Familie. Da hat man es dann auch mit Problemen zu tun, wie beispielsweise halte ich die Dame, die mit dem Mann aus der Nachbargruppe liiert ist, fern von ihrem Freund? Wie erkläre ich einem Menschen, der immer spazieren geht, dass das jetzt nicht mehr geht?

Bei uns hat sich die Arbeit durch die Krise verändert und ist mehr geworden. Es gibt aber auch Bereiche in der Behindertenhilfe, in denen es Kurzarbeit gibt. In den Servicegesellschaften gab es große Einbrüche, hier bei uns hat beispielsweise die Gärtnerei zugemacht oder unser Cateringunternehmen, das viele Schulen versorgt, hat jetzt keine Abnehmer mehr. Besonders schlimm ist es bei den ausgegründeten Betrieben, die nicht dem kirchlichen Arbeitsrecht zuzuordnen sind.

Wenn die Lockerungen auch in den Einrichtungen der Behindertenhilfe ankommen, ergeben sich neue Herausforderungen. Wie lassen sich Maskenpflicht, Abstandsgebot und weitere Gebote umsetzen?

Trotz Lockerungen in der Gesellschaft wird es bei uns noch den Lockdown geben. Wir haben zum Beispiel ganz klare Vorgaben, dass aktuell keine Heimfahrten stattfinden, wenn die Kinder nicht abgeholt werden. Die Eltern bleiben vor der Tür, es gibt kein Zugangsrecht zu unseren Häusern. Mit Eltern, die zu uns kommen wollen, können wir möglicherweise ab nächster Woche Besuchsregelungen vereinbaren, beispielsweise, dass sie sich nur in einem bestimmten Raum mit ihren Kindern treffen dürfen, die Kinder machen da auch mit.

Große Schwierigkeiten ergeben sich aber bei Treffen einzelner Menschen, die bei uns wohnen. Hier ist es schwierig, das Einhalten der Vorgaben durchzusetzen. Schon die Maskenpflicht ist problematisch. Die Menschen brauchen unser Lachen oder unser grimmiges Gesicht, um zu verstehen, was eigentlich los ist. Viele unserer Klienten würden es auch gar nicht aushalten, eine Maske zu tragen.

Wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind einem höheren Risiko ausgesetzt, einfach deswegen, weil unsere Klientinnen und Klienten, die Vorgaben zum Teil gar nicht einhalten können. Das Risiko ist bei uns sogar noch höher als im Altenheim oder im Krankenhaus. Wir sind nicht in gleichem Maße wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort im Umgang mit infektiösen Klientinnen und Klienten geschult.

Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit und die deiner Kolleginnen und Kollegen von der Politik und den Arbeitgebern genügend gewertschätzt wird?

Der Politik gehen wir am Hintern vorbei. Ein gutes Beispiel ist das Bundesteilhabe-Gesetz. Das ist ein Spargesetz. Unsere Leute werden jetzt behandelt wie jeder andere auch. Das klingt erst einmal gut, aber unsere Klienten können nicht sieben Anträge bei drei verschiedenen Kassen stellen, um am Ende 300 Euro zu bekommen. Das heißt, die Eltern, die gesetzlichen Betreuungen und letztendlich wir in den Einrichtungen müssen das übernehmen und sind damit in einen Bürokratiewahn ohne Ende geraten.

Dann gibt es eine Wettbewerbsklausel, das heißt im Prinzip, dass nur der günstigste Platz und nur der, von der öffentlichen Hand bezahlt werden würde. Ich arbeite seit über 30 Jahren in Mariaberg und ich beobachte ganz, ganz große Veränderungen in der Einstufung, in der Akzeptanz durch die Politik, durch immer neue Orientierung am Wettbewerb. Personalthemen sind heute Controllingthemen, die sich nicht am Bedarf der Menschen in den Wohngruppen ausrichten, sondern daran, was finanziert wird. Die Politik sieht uns nur als Kostenfaktor. Wir müssen weg, vom diesem Wettbewerbsdenken. Wir brauchen mehr Köpfe. Wir brauchen mehr Fachkräfte, wir brauchen attraktive Arbeitsplätze, wir brauchen auch neue Sicherheitskonzepte, denn das Thema Gewalt ist ein riesengroßes Problem in der Behindertenhilfe.

Was die Arbeitgeber angeht, gibt es große Unterschiede. Hier im Haus ist unsere Arbeit sehr hoch geschätzt. Das sieht man zum Beispiel daran, dass unsere Leitung mit uns als MAV einen Coronabonus eingeführt hat, den jede Kollegin und jeder Kollege bekommt, die oder der mit positive getesteten Klienten zu tun hat. Aber das ist in der Behindertenhilfe, auch in der kirchlichen, eher eine Ausnahme.

ver.di ist es gelungen, für die Beschäftigten in der Altenpflege eine Sonderprämie für die sich aus der Coronakrise ergebenden Zusatzbelastungen zu erkämpfen. Dies war nur ein erster Schritt und soll nun auch auf anderen Bereich im Gesundheits- und Sozialwesen ausgeweitet werden, auch auf die Behindertenhilfe. Was erwartest du als Mitarbeiterin und als Gewerkschafterin von den Arbeitgebern und der Politik?

Ich erwarte, dass die Behindertenhilfe mehr Beachtung findet, dass die 500.000 Kolleginnen und Kollegen gewertschätzt werden. Ich erwarte von der Politik, dass sie sich die Behindertenhilfe mal genau anschaut, dass sie erkennt, in welcher Situation sich die Behindertenhilfe im Allgemeinen befindet, mit welchen Überlastungs- und Gefährdungssituationen die Kolleginnen und Kollegen jeden Tag umzugehen haben. Ich erwarte, dass die sogenannte Coronaprämie auch in der Behindertenhilfe bezahlt wird, dass über die Eingruppierungen in diesem Bereich gesprochen wird. Wir brauchen einen ganz neuen Blick auf die Behindertenhilfe.

Bist du optimistisch, dass die Arbeitgeber und die politisch Verantwortlichen erkennen, dass sich etwas ändern muss?

Von allein wird sich nichts ändern. Aber ich glaube daran, dass wir mit ver.di die notwendigen Veränderungen erreichen können. Wenn wir eine Lobby haben, dann ist das ver.di. Wir haben keine andere. Die Kirche schaut immer nur nach sich, ihrem schönen Mäntelchen und auf den Wirtschaftlichkeitsaspekt. ver.di ist unsere Stimme und da vertraue ich drauf.

Durch die Corona-Pandemie ergeben sich in der Behindertenhilfe zusätzliche Herausforderungen und Belastungen:

  • Menschen mit Behinderung gehören überwiegend Risikogruppen an. Dies ist eine besonders belastende Situation für die Beschäftigten.
  • Insbesondere wenn pflegerische Tätigkeiten anfallen, ist Körperkontakt nicht vermeidbar. Diese gibt es nicht nur in den Wohnbereichen, sondern auch in den Tagesförderstätten, in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung und bei der Schulbegleitung.
  • Die Ausstattung mit Schutzkleidung und Desinfektionsmittel ist nicht überall ausreichend gewährleistet.
  • Menschen mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen sind die Maßnahmen gegen die Pandemie teilweise nur schwer zu vermitteln. Dies führt zu Selbstgefährdung und setzt die Beschäftigten einem hohen Infektionsrisiko aus.
  • Im Wohnbereich sind derzeit die Bewohnerinnen und Bewohner rund um die Uhr in den Einrichtungen, ohne dass das dafür notwendige Personal vorhanden wäre.
  • Durch die Einschränkungen als Folge der Corona-Pandemie ist im Wohnbereich die Tagesstruktur weggefallen. Dies führt zu starker Verunsicherung und kann zum Anstieg von auto- und fremdaggressiven Verhalten führen.
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