Behindertenhilfe

Mit mulmigem Gefühl

Behindertenhilfe

Mit mulmigem Gefühl

Wenn Heiner Schmidt* die Tür zur Wohngruppe der Caritas-Behinderteneinrichtung öffnet, hat er jedes Mal ein etwas mulmiges Gefühl. Seine Enkel sieht der 61-Jährige aus Sorge vor Ansteckung nur am Bildschirm, doch auf der Arbeit kommt er vielen Menschen ganz nah. Klar, der Heilerziehungspfleger streift sorgfältig eine Maske über Mund und Nase: "Seit Herbst gibt es endlich auch bei uns FFP2-Masken", sagt Schmidt. Aber mit dem Abstand hapert es. In der Behindertenhilfe ist es kaum möglich, auf Distanz zu bleiben. Der Heilerziehungspfleger hilft Bewohner*innen, die Hose anzuziehen und die Strickjacke zuzuknöpfen. Er hilft ihnen beim Duschen, Zähneputzen und Essen. Einige wickelt er. Kurzum: "Wir sind einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt."

Dabei fürchtet Schmidt nicht nur um seine eigene Gesundheit, sondern auch um die Gesundheit der Menschen mit Behinderung. Viele hätten ernste Vorerkrankungen. Umso wichtiger, dass die Einrichtungen viel Wert auf Arbeits- und Gesundheitsschutz legten, fordert der aktive Gewerkschafter. "Da hat unser Betrieb leider völlig versagt." Bei einem Ausbruch hätten sie erlebt, wie sich der Virus in Windeseile in sämtlichen Bereichen verbreitete. Viele Bewohner*innen erkrankten, teils schwer, auch Kolleg*innen steckten sich an. Einige davon arbeiteten trotz positivem Coronatest, sogar mit Symptomen, weiter in den Wohngruppen. Freiwillig. Doch niemand habe ihnen erklärt, wie sie die Schutzkleidung richtig anziehen, kritisiert Schmidt. "Dafür bedarf es einer fachlichen Einweisung." Letztlich hätten sich die Kolleg*innen mit YouTube-Videos beholfen.

Wie unter der Lupe

Die Sozialeinrichtung "Leben mit Behinderung" in Hamburg zeigt, wie es besser geht. Die Betriebsratsvorsitzende und Teilhabeassistentin Christine Rapp berichtet, dass die Beschäftigtenvertretung seit dem ersten Tag aktiv im Krisenstab des Unternehmens mitarbeitet. Als es noch längst keine Schutzausrüstung zu kaufen gab, habe das Team schon FFP2-Masken und Schutzanzüge besorgt. Handwerker bauten Sicherheitsschleusen, Kolleg*innen nähten im Homeoffice hunderte Stoffmasken. Täglich wurden die Beschäftigten über neue Maßnahmen informiert. Der Betriebsarzt drehte kurze Erklärvideos, auch in einfacher Sprache für die Klient*innen. "Wir haben wirklich versucht, an alles zu denken", sagt Rapp.

Die Coronakrise habe wie eine Lupe Schwächen deutlich aufgezeigt, sagt Sarah Bormann, die bei ver.di für die Behindertenhilfe zuständig ist. "Wo die Mitbestimmung und der Arbeits- und Gesund- heitsschutz gut funktionieren, kommen die Betriebe einigermaßen gut durch die Krise." Wo es daran vorher schon haperte, verschärften sich die Bedingungen. Bormann gibt zu bedenken, dass in vielen Betrieben bereits vor Corona das Personal knapp war. "Jetzt kommen noch zusätzliche Anforderungen hinzu." In der Pandemie litten Menschen mit Behinderung unter starken Einschränkungen: Soziale Kontakte seien abgebrochen, Routinen weggefallen. Die Kollegin*innen bemühten sich, dies auszugleichen, betont Bormann. Doch die Rahmenbedingungen müssten stimmen. "Damit gesellschaftliche Teilhabe auch in der Pandemie soweit wie möglich realisiert werden kann."

Bessere Stimmung durch mehr Personal

Bei "Leben mit Behinderung" in Hamburg gilt zum Beispiel, dass die Tagesstätten höchstens zur Hälfte besetzt werden dürfen. Die Klient*innen entscheiden selber, ob sie trotz Corona hingehen – oder nicht. "Selbstbestimmung ist oberstes Gebot", betont Rapp. Die Mehrheit bleibt in der Wohngruppe. Die Fachkräfte befürchteten zunächst, dass ohne die Routine in den Tagesstätten der Frust unter den Klient*innen steigen würde. "Es ist verrückt", sagt die aktive Gewerkschafterin, "aber die Stimmung in den Wohngruppen ist besser als erwartet." Das dürfte auch daran liegen, dass am Anfang der Pandemie deutlich mehr Personal zur Verfügung stand. Solange die Tagesstätten vollkommen geschlossen waren, arbeiteten viele der dortigen Kolleginnen und Kollegen in den Wohngruppen.

Die Fachkräfte sorgen für eine feste Tagesstruktur. Die Bewohnerinnen und Bewohner gehen viel spazieren, sie machen Gymnastik, jäten Unkraut und basteln Grußkarten für ein Altersheim in der Nähe. "Sie genießen es, nicht mehr jeden Morgen um 5 Uhr 30 aufzustehen", sagt Christine Rapp, "und leben mehr nach ihrem Rhythmus." Mit der Öffnung der Tagesstätten steige jedoch wieder der Druck. Hinzu komme die psychische Belastung. "Die Angst vor Ansteckung sitzt den Kolleginnen und Kollegen immer im Nacken", betont die Betriebsrätin. Auch in ihrer Einrichtung gab es vereinzelt Ausbrüche.

Mal durchatmen können

Bei ihnen in der Schulassistenz sei die Angst nicht so groß, berichtet Betriebsrätin Nina Hildebrandt von den Ambulanten Diensten Nordhessen (ADN). "Wir fühlen uns gut geschützt." Es gebe ein gutes Hygienekonzept und genug Schutzausrüstung. Von Anfang an sollten die Schulassistent*innen auch im Klassenzimmer eine Maske tragen. Einige Kolleg*innen hätten geklagt, dass sie den Mund-Nasen-Schutz gar nicht absetzen können, berichtet die Betriebsrätin. Deshalb schickt die Einrichtung für die Pausen regelmäßig Springer*innen, die eine Viertelstunde lang die Kinder übernehmen. Damit die Schulassistent*innen mal durchatmen können.

Während des Lockdowns und im Wechselunterricht unterstützten die Kolleg*innen die Kinder teilweise zu Hause bei den Schulaufgaben. Allerdings längst nicht alle nehmen das Angebot an. Was ist mit den anderen Mädchen und Jungen? Kommen sie gut durch die Krise? "Das ist fraglich", so Hildebrandt. "Aber ich weiß es nicht." Zu einigen Kindern fehlt jeglicher Kontakt. Die Beziehung gilt es später mühevoll wieder aufzubauen. Ein weiteres Problem: Viele Kolleg*innen seien immer noch in Kurzarbeit und bekämen – bei ohnehin schon geringer Bezahlung – entsprechend weniger Geld. "Sie wollen endlich wieder richtig arbeiten."

In seiner Einrichtung, berichtet Heiner Schmidt, sei die Leitung in der Pandemie heillos überfordert. Die Mitarbeitervertretung sei nicht in den Krisenstab eingebunden, erhalte auch keine Infos. Die Kolleg*innen sahen, was alles schief läuft, und fragten immer wieder: Warum wird keine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt? Warum nicht erfasst, wo Personen mit besonderem Risiko leben und arbeiten? Und wie sie am besten geschützt werden können? "Wir haben uns den Mund fusselig geredet." Doch die Leitung habe jede Kritik schlichtweg zurückgewiesen.

Wichtig für die Inklusion sei unter anderem die digitale Ausstattung, betont Schmidt. In Zeiten von Kontaktverboten konnten die Bewohner*innen teilweise ihre Familie nur per Videoanrufen sehen. Doch in den meisten Wohngruppen gab es nur Standrechner, ohne Webkamera, zudem haperte es am WLAN. "In jedem kleinen Kaff gibt es kostenlosen Internetzugang." Aber die Menschen mit Behinderung mussten dafür ihre Handys mit teuren Tarifen nutzen. Immerhin: Nach einem Jahr Corona würden Laptops mit WLAN jetzt langsam auch in ihrer Einrichtung zum Standard.

Einen Erfolg erzielt

Was bleibt? Über die Pandemie hinaus? Für die Beschäftigten von Leben mit Behinderung gilt seit dem 1. Januar 2021 erstmals die Tarifbindung. "Darauf sind wir sehr stolz", sagt Christine Rapp. Druck dafür hätten die Kolleg*innen schon vor Corona aufgebaut. Die Pandemie erschwerte die Tarifverhandlungen. Dass sie trotzdem einen Erfolg erzielten, führt die Betriebsrätin vor allem auf die Solidarität der Beschäftigten zurück. Viele Kolleg*innen seien in ver.di eingetreten und hätten den Abschluss so erst möglich gemacht. "Gerade in der Pandemie", betont Rapp, "ist ein Zeichen der Wertschätzung wichtig."

*Name geändert

Von Kathrin Hedtke

Der Artikel ist zuerst in der publik Ausgabe 02/2021 erschienen. Hier geht es zum Artikel mit Bildern.

  • 1 / 3

Weiterlesen