Behindertenhilfe

Pflege und Pädagogik Hand in Hand

Behindertenhilfe

Pflege und Pädagogik Hand in Hand

Pflege ist seit jeher ein integraler Bestandteil in der Behindertenhilfe, Teilhabe und Inklusionsdiensten. Deshalb ist es auch oftmals schwer, die pflegerischen und pädagogischen Leistungen voneinander abzugrenzen. Sollte doch eine gute Pflege so ausgeübt werden, dass sie nicht nur pflegerischen Anforderungen und Standards gerecht wird, sondern auch zur Förderung der eigenen Wahrnehmung oder zum Erlernen von Bewegungen beiträgt. In der Praxis spielt allerdings die Abgrenzung dieser Leistungen mit der Ambulantisierung im Wohnbereich eine immer wichtigere Rolle. Dies wirkt sich auch auf die Arbeitsorganisation, die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Professionen, ihre Fachlichkeit und letztlich auf ihre Arbeitsbedingungen und die Bezahlung aus.

Rund hundert betriebliche Interessenvertretungen aus dem gesamten Bundesgebiet haben am 12. März 2021 auf der Online-Veranstaltung „Berührungspunkte und Schnittstellen von Eingliederungshilfe und Pflege als Handlungsfeld für die Mitbestimmung“ gemeinsam diskutiert. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Welche Bedeutung hat die Pflege in der Behindertenhilfe? Wie wirkt sich die Abrechnung der Leistungen auf die Arbeit aus? Und welche Gestaltungsmöglichkeiten haben Betriebs-/Personalrät*innen und Mitarbeitervertretungen?

Fachtagung Behindertenhilfe 2019 shift/studio für ver.di Fachtagung Behindertenhilfe 2019  – Christine Rapp ist Betriebsrätin bei Leben mit Behinderung in Hamburg.

Grundlage für die rege Diskussion unter den Interessenvertretungen lieferte zunächst der Input von Brigitte Buermann-Gerdes, Bereichsleiterin bei Leben mit Behinderung in Hamburg. Sie stellte das Modell der „Integrierten Assistenz“ im ambulanten Wohnen vor. Beschäftigte pflegerischer und pädagogischer Professionen erbringen hier gemeinsam eine ganzheitliche Leistung. Zwar müssen die Leistungen unterschiedlich abgerechnet werden und darf auch die medizinische Behandlungspflege selbstverständlich nur von Pflegefachkräften erbracht werden, dennoch arbeiten die Beschäftigten in Teams zusammen und planen ihre Arbeit gemeinsam. Dies war nicht immer ganz einfach, vor allem auch weil sich Arbeitsbedingungen und Bezahlung anfangs noch stark unterschieden. Heute erhalten allerdings die Pflegekräfte die gleiche Vergütung wie die pädagogischen Fachkräfte, was die Stadt Hamburg auch entsprechend refinanziert. Dies war kein ganz einfacher Weg, wie die Betriebsratsvorsitzende Christine Rapp ergänzte: „Wir haben als Betriebsrat hier Vorschläge entwickelt und darauf gedrängt, den Pflegedienst ins Unternehmen zurückzuholen. Und auch beim Thema Dienstplangestaltung sind wir drangeblieben. Es ist gut, dass das Wunsch- und Wahlrecht der Klient*innen gestärkt wird und sie bei der Auswahl der Mitarbeiter*innen einbezogen werden. Es müssen aber beide Seiten berücksichtigt werden und auch die Interessen der Beschäftigten hier Eingang finden.“

Wir brauchen aktive Interessenvertretungen, die diesen Prozess begleiten und gemeinsam mit dem Arbeitgeber gestalten.“

Nicole Krug, Heilerziehungspflegerin und Gewerkschaftssekretärin in NRW

Die Schilderungen der Erfahrungen bei Leben mit Behinderung Hamburg führten zu vielen Rückfragen. Auch deshalb, weil sich nach Einschätzung vieler Kolleg*innen die Situation bei ihnen oftmals anders gestaltet. So werden Leistungen der Eingliederungshilfe im ambulanten Wohnen in die Pflege geschoben und dann schlechter bezahlt. Ein ganzheitliches Arbeiten ist dadurch gefährdet. Diese Erfahrung machte auch Stefanie Lienemann, Betriebsrätin bei den Paritätischen Diensten in Bremen, einem Pflegedienst für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung: „Mittlerweile werden wir kaum noch aus der Eingliederungshilfe und überwiegend aus dem SGB XI finanziert. Wir haben nun ein anderes Abrechnungssystem, weil nicht mehr Stunden, sondern Leistungskomplexe abgerechnet werden. Für unsere Klient*innen bedeutet dies weniger Selbstbestimmung. Aber auch für die Beschäftigten hat dies Folgen. Obwohl wir auch pädagogisch mit den Menschen arbeiten, sind es mittlerweile überwiegend Laienkräfte, die für ihre Arbeit deutlich zu wenig verdienen.“Für Leben mit Behinderung war die Umwandlung des stationären Bereichs in ambulante Wohngruppen auch eine Chance. Denn in den besonderen Wohnformen gibt es bis heute nur eine pauschale Vergütung von pflegerischen Leistungen in Höhe von maximal 266 Euro. In vielen Einrichtungen ist die Ambulantisierung, wie sie auch durch das Bundesteilhabegesetz forciert wird, aber mit Ängsten und Sorgen in der Belegschaft verbunden.

„Wir brauchen hier aktive Interessenvertretungen, die diesen Prozess begleiten und gemeinsam mit dem Arbeitgeber gestalten“, so Nicole Krug, Heilerziehungspflegerin und Gewerkschaftssekretärin in Nordrhein-Westfalen. Bei der Personaleinstellung müsse darauf geachtet werden, welche Qualifikationen erforderlich seien und welche Vergütung gezahlt werden müsse. Wichtig seien daher klar definierte Stellenbeschreibungen, welche die Arbeitsfelder deutlich voneinander abgrenzten. An dieser Stelle können betriebliche Interessenvertretungen maßgeblich die Richtung mitbestimmen und dafür Sorge tragen, dass die Gleichstellung der beiden Professionen im Betrieb gelebt wird. Aber auch wenn Arbeitgeber auf externe Anbieter zurückgreifen, sind die tariflichen Arbeitsbedingungen zu prüfen. Der Einfluss, den Betriebs-/Personalräte und Mitarbeitervertretungen an dieser Stelle haben, wird häufig unterschätzt, so die Gewerkschafterin.

Am Ende der Tagung stand die Einsicht: Weder die Pflege noch die Pädagogik können losgelöst voneinander betrachtet werden. Deshalb ist auch hier der Blick zu schärfen, was Vergütung, Arbeitsbedingungen und Aufgabenbereiche betrifft. Mit einem gemeinsamen Auftreten der Beschäftigtengruppen und einem erfolgreichen Konzept, sind dann auch die Kostenträger besser zu überzeugen, dass die gleiche Refinanzierung für alle Bereiche spürbar bessere Bedingungen schafft und somit Menschen ein würdevolles Leben ermöglicht.

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