Behindertenhilfe

Aktionstag: Fleißige Bienen wehren sich

Behindertenhilfe

Aktionstag: Fleißige Bienen wehren sich

Beschäftigte aus Teilhabe- und Inklusionsdiensten im ganzen Bundesgebiet stellen Aktionen für bessere Arbeitsbedingungen und finanzielle Aufwertung ihrer Berufe auf die Beine.
Beschäftigte mit Transparent: »Fleißig wie die Bienen – vom Aussterben bedroht. Aufwertung der Behindertenhilfe jetzt« Marc Haiber Beschäftigte der Habila GmbH in Markgröningen fordern Aufwertung der Behindertenhilfe

»Fleißig wie die Bienen – vom Aussterben bedroht«. So steht es auf einem Transparent, das Beschäftigte der Habila GmbH in Markgröningen bei Stuttgart am Freitag (3. Dezember 2021) vor ihrer Einrichtung in die Luft halten. Einige sind sogar als Bienen verkleidet. Doch die fleißigen Arbeitsbienen, die jeden Tag das Bestmögliche für ihre Klientinnen und Klienten tun, haben die Nase voll. »Aufwertung der Behindertenhilfe jetzt«, fordern sie. Und so tun es ihre Kolleginnen und Kollegen aus Teilhabe- und Inklusionsdiensten überall im Land. Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung machen sie auf die zu hohe Arbeitsbelastung und die unzureichende Vergütung aufmerksam. Mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehende Tarifrunde für den kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst fordern sie Verbesserungen.

Blindeninstitut Würzburg ver.di Blindeninstitut Würzburg

»Wir wollen Gleichwertigkeit«, betont die Sozialpädagogin Margit Schmidt, die in der Teilhabeberatung des Würzburger Blindeninstituts arbeitet. Sie und ihre Kolleg*innen haben das weitläufige Institutsgelände mit den Plakaten der ver.di-Kampagne für die Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes verschönert. »Wir wollen, dass die Bezahlung an die Vergütung in den technischen Berufe angeglichen wird«, erläutert Margit Schmidt. »Warum sollte zum Beispiel ein Ingenieur viel mehr verdienen als eine Sozialarbeiterin, obwohl beide ein ähnlich aufwendiges Studium abgeschlossen haben?« Die Beschäftigten in der Behindertenhilfe trügen viel Verantwortung, die aber nicht angemessen honoriert werde. »Die Berufe müssen materiell und von den Arbeitsbedingungen her attraktiver werden, sonst finden wir keine Leute mehr«, warnt die Gewerkschafterin.

Berufe attraktiver machen

Fehlender Nachwuchs ist auch anderswo ein zentrales Thema. »In den meisten Bereichen der Behindertenhilfe muss an Wochenenden, im Schichtdienst und teilweise auch nachts gearbeitet werden. Das ist für junge Menschen, die sich überlegen, welchen Beruf sie ergreifen, ohnehin eher unattraktiv«, gibt die Jugend- und Heimerzieherin Hildegard Erhard von der Samariterstiftung in der Region Schwäbisch Hall zu bedenken. »Gerade deshalb brauchen wir gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen.« So müssten zum Beispiel für die Ausbildung in der Heilerziehungspflege (HEP) bundesweit einheitliche Standards geschaffen werden, die unter anderem eine qualifizierte Praxisanleitung und eine kostenfreie Ausbildung garantierten.

Das findet auch der Vorsitzende der Gemeinsamen Mitarbeitervertretung der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück, Rainer Stagge. Dass die Fachschulen in Niedersachsen immer noch Schulgeld verlangten, verringere in der HEP-Ausbildung die Nachfrage, kritisiert er. »Nur unter guten Arbeitsbedingungen und unter guter Bezahlung können wir Teilhabe, Selbstbestimmung und Inklusion von Menschen mit Behinderungen gewährleisten.«

Kollegin mit Sprechblase: "Auch Privatleben muss möglich sein." Arnold Fuchs Aktion bei der Stiftung Liebenau in Meckenbeuren am Bodensee

Vorbereitung auf die Tarifrunde

Hildegard Erhard berichtet, dass sich die Arbeit infolge der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) noch weiter verdichtet hat. Es sei viel Zeit nötig, um mit den hilfsbedürftigen Menschen über ihre individuellen Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen – Zeit, an der es aufgrund der Personalnot oft mangelt. Die hohe Arbeitsbelastung dokumentiert auch eine Beschäftigtenbefragung der TU Darmstadt, die ebenfalls am Freitag vorgestellt wurde. Bei der Samariterstiftung machten die ver.di-Aktiven deren Ergebnisse am Aktionstag in der Belegschaft bekannt und organisierten Fotoaktionen in den Teams.

Das dient auch der Vorbereitung der Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst. »Obwohl in unserer diakonischen Einrichtung der sogenannte Dritte Weg gilt, sehen wir uns als Teil der Tarifbewegung«, stellt Hildegard Erhard klar. Bei der Diakonie Württemberg werden zwar die Entgelterhöhungen aus dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) automatisch übernommen, nicht aber andere Tarifregelungen. Nach dem Arbeitskampf im Sozial- und Erziehungsdienst 2009 mussten die diakonischen Beschäftigten im Südwesten fünf Jahre auf die Übernahme des Ergebnisses warten. »Das heißt für uns: Wir beteiligen uns an den Aktionen während der Tarifrunde und danach streiten wir dafür, dass auch wir von den Verbesserungen profitieren.«

Beschäftigte halten Sprechblasen: "Respekt", Entlastung" Holger Kunkel Beschäftigte der Göttinger Werkstätten fordern Respekt und Entlastung

Sichtbar werden

Dass sich die Bedingungen in der gesamten Behindertenhilfe unabhängig von der jeweiligen Trägerschaft verbessern müssen, meint auch Ina Heen, die seit vielen Jahren im Lippischen Behinderten- und Sehbehindertenverein als Teamleiterin arbeitet. »Die Arbeit hat sich sehr verändert, sie ist belastender geworden«, sagt die Erzieherin. Überstunden und Einspringen außerhalb des Dienstplans seien Alltag. »Das ist ziemlich extrem geworden.«

Hinzu komme der wachsende Hilfebedarf der Klient*innen. Infolge der Ambulantisierung habe sich die Zusammensetzung der Wohngruppen geändert, der Anteil schwerstmehrfachbehinderter Menschen habe deutlich zugenommen. Dadurch steigen die Anforderungen an die Beschäftigten. Und auch im ambulanten Bereich fehlt es an Personal. Sozialarbeiter*innen müssten teilweise »für jede Fachleistungsstunde betteln«, um eine gute Betreuung ihrer Klient*innen sicherzustellen, kritisiert Ina Heen. »Für diejenigen, bei denen das geht, ist die Inklusion eine super Sache. Sie darf aber nicht als versteckte Sparmaßnahme herhalten.«

Sie würde sich wünschen, dass die Arbeit in der Behindertenhilfe gesellschaftlich mehr gesehen und anerkannt wird, betont die Erzieherin. Um das zu erreichen, wollen sie und ihre Kolleg*innen in den kommenden Monaten mit weiteren Aktionen sichtbar werden.

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