Behindertenhilfe

»Ein Versprechen an die Zukunft«

»Ein Versprechen an die Zukunft«

Die ver.di-Bundesfachkommission Behindertenhilfe steht für Teilhabe und Inklusion. Das wird nun auch im Namen deutlich. Alle Menschen sollen selbstbestimmt leben können.

 

Es geht um mehr als Hilfe für Menschen mit Behinderungen. Ihnen zu ermöglichen, am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben gleichberechtigt teilzuhaben, ist das Ziel. Diesen Anspruch an ihre Arbeit machen die Mitglieder der ver.di-Bundesfachkommission Behindertenhilfe nun auch im Namen deutlich. Ab sofort heißt die Kommission »Behindertenhilfe, Teilhabe- und Inklusionsdienste« Das haben die Aktivist*innen nach einem längeren Diskussionsprozess entschieden.

»Wir wollen Teilhabe ermöglichen und damit Inklusion befördern – das machen wir mit der Erweiterung des Namens klar«, erklärt Christine Rapp, die als Teilhabeassistentin und Betriebsratsvorsitzende bei der Leben mit Behinderung Hamburg gGmbH tätig ist. Den Begriff Behindertenhilfe hält die Sprecherin der Bundesfachkommission im Grunde nicht mehr für zeitgemäß. Dass er dennoch vorläufig weiter benutzt wird, ist Ergebnis intensiver Debatten. »Die Behindertenhilfe ist ein etablierter Begriff – sowohl in den Betrieben als auch in der Öffentlichkeit. Wir wollten sicherstellen, dass sich alle Kolleginnen und Kollegen weiterhin bei uns wiederfinden und von ver.di vertreten fühlen.« Die Richtung aber ist klar: Weg vom Gedanken der reinen Fürsorge, hin zur Förderung von Selbstbestimmung – also genau das, was die Beschäftigten in vielen Einrichtungen alltäglich und immer mehr praktizieren. Zugleich seien »Teilhabe und Inklusion« auch »ein Versprechen an die Zukunft«, sagt Christine Rapp und meint damit das Bestreben, die Arbeit weiterzuentwickeln und sich am in der UN-Behindertenrechtskonvention formulierten  Inklusionsanspruch zu messen.

Mit der Konvention der Vereinten Nationen und dem daran orientierten Bundesteilhabegesetz habe sich die Perspektive geändert, erläutert Andreas Klein, Sozialarbeiter und Betriebsratsvorsitzender bei der Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen gGmbH in Berlin. »Statt der Institutionen müssen die Person und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.« Der Sprecher der Bundesfachkommission begrüßt die im BTHG geforderte Personenzentrierung. Er kritisiert allerdings, dass das Gesetz zugleich der Kostensenkung dient.

Das passt auch für Christine Rapp nicht zusammen: »Wenn ich den Anspruch des BTHG ernst nehme, dann kostet das mehr, nicht weniger Geld.« Denn zu den bisherigen Aufgaben kämen neue hinzu, beispielsweise die Arbeit im sozialen Umfeld, mit Nachbarn und anderen, die für eine gelingende Inklusion eine wichtige Rolle spielten. Und: »Es braucht Fachleute, um die Gesellschaft darauf vorzubereiten, dass Menschen vielfältig sein können«, betont die Teilhabeassistentin. »Selbstbestimmung zu ermöglichen, benötigt mehr Professionalität als reine Fürsorge, nicht weniger.« Für völlig verfehlt hält sie es deshalb, dass in einigen Bereichen zunehmend gering und nicht qualifizierte Beschäftigte eingesetzt werden, zum Beispiel in der Schulassistenz. Diese arbeiten oft in unsicheren und schlecht entlohnten Arbeitsverhältnissen. »Wer hilfsbedürftige Menschen unterstützt, leistet immer hochqualifizierte und gesellschaftlich sehr wertvolle Arbeit«, ist Christine Rapp überzeugt.

Umso wichtiger findet sie es, dass sich mehr Beschäftigte in ver.di organisieren, um ihren Interessen nach guten Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Bezahlung Nachdruck zu verleihen. »Wenn man sich zusammentut, kann man etwas erreichen«, sagt die Gewerkschafterin – und spricht dabei aus Erfahrung. Bei der Leben mit Behinderung Hamburg gGmbH ist mittlerweile fast ein Drittel der Belegschaft in ver.di organisiert. Auf dieser Grundlage und mit Hilfe einiger öffentlichkeitswirksamer Aktionen haben sie ihren Arbeitgeber erstmals zum Abschluss eines Tarifvertrags bewegt, der zum Jahreswechsel in Kraft tritt.

Die Teilhabe- und Inklusionsdienste müssten sichtbarer werden, meint Andreas Klein. »Wir machen sehr wichtige Arbeit und sollten stärker ins Blickfeld rücken – in der Gesellschaft, aber auch in der Gewerkschaft.« Dazu will die Bundesfachkommission beitragen. Sie organisiert den fachlichen Austausch unter den Kolleginnen und Kollegen, wie zuletzt auf einer Fachtagung in Weimar, bei der die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes und dessen Folgen im Fokus standen. Die Kommissionsmitglieder beschäftigen sich auch mit der Weiterentwicklung der Berufsbilder und der Ausbildungsgänge, wie zum Beispiel der Heilerziehungspflege. Hier hat die BFK eine umfassende Umfrage zu den Ausbildungsbedingungen angestoßen. Ihre Stellungnahmen fließen ein in die Positionsfindung von ver.di insgesamt. »In den vergangenen Jahren ist es uns gut gelungen, uns in ver.di bemerkbar zu machen und unsere Themen einzubringen«, bilanziert Christine Rapp.

Die weitere Entwicklung der Behindertenhilfe zu Teilhabe- und Inklusionsdiensten sieht sie als längeren Prozess – und als politische Aufgabe. »Damit geht auch ein ethischer und politischer Anspruch einher, der zum Trend der Ökonomisierung aller Lebensbereiche in Widerspruch steht«, sagt die Teilhabeassistentin. »Auch um hier etwas zu ändern, brauchen wir eine starke Gewerkschaft.«

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Kontakt

  • Sarah Bormann

    Be­hin­der­ten­hil­fe, Teil­ha­be- und In­klu­si­ons­diens­te, Re­ha­bi­li­ta­ti­on

    030/6956-1843