Altenpflege

Gepuderte Wirklichkeit

Altenpflege

Gepuderte Wirklichkeit

Staatlich geförderte Werbekampagnen werden die Personalnot in der Altenpflege nicht beseitigen. Dafür sind bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung nötig.

Im Rahmen ihrer »Ausbildungsoffensive« plant die Bundesregierung unter anderem eine »Informations- und Öffentlichkeitskampagne für den Pflegeberuf«. Wie diese aussehen könnte, kann man in Krefeld-Viersen bereits besichtigen. Dort macht die Initiative »Karrierewelt Pflege« Pflegekräfte zu »Filmstars« im Internet, die um Fachkräfte werben. Die Initiative – die von größtenteils kirchlichen Wohlfahrtsverbänden, Ausbildungszentren, Wirtschaftsfördervereinen und den Arbeitsagenturen getragen wird – startet eine charmante Offensive und hebt die Vorzüge des Pflegeberufes hervor. »Echte« Geschichten aus dem Berufsleben sollen auf der Internetseite karrierewelt-pflege.de erzählt werden, versprechen die Protagonisten.

Bewohner*innen bei der AWO in Moers ver.di Die Zustände in den Pflegeheimen wird sich nicht durch Werbefilmchen verbessern, sondern durch mehr Personal. Dafür setzen sich auch diese Bewohner*innen bei der AWO in Moers ein.

Purer Aktionismus oder eine längst überfällige sinnvolle Initiative? Diese Frage spaltet derzeit die Pflegekräfte am linken Niederrhein. Die Antwort liegt wohl, wie so oft, irgendwo dazwischen. »Die Werbefilme im Internet sind gut gemacht. Es würde mich freuen, wenn dadurch mehr Menschen in die Pflegeberufe strömen«, sagt Björn Rudakowski, Sprecher der Regio-MAV im Kirchenkreis Krefeld-Viersen und Mitglied der ver.di-Fachkommission Kirchen in Nordrhein-Westfalen. »Doch allein schöne Worte werden den Fachkräftemangel nicht verringern. Wir brauchen insbesondere in der Altenpflege ein angemessenes Entgeltniveau, das auch die privaten Träger nicht unterlaufen können«, fordert der 49-Jährige, der sich bewusst für eine kirchliche Pflegeeinrichtung entschieden hat. »Wenn diese harte und verantwortungsvolle Arbeit nicht besser bezahlt wird, nützen die schönsten Werbefilmchen nichts.«

Mario Gembus, in der ver.di-Bundesverwaltung zuständig für kirchliche Einrichtungen, verweist darauf, dass Diakonie und Caritas eine Verantwortung dafür tragen, die Bedingungen in der Altenpflege insgesamt zu verbessern. »Womöglich verpassen die kirchlichen Wohlfahrtsverbände gerade die historische Chance, durch die Erstreckung tariflicher Mindestbedingungen per Arbeitnehmerentsendegesetz für eine bessere Bezahlung in der Altenpflege zu sorgen«, warnt der Gewerkschafter. Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag flächendeckende Tariflöhne für die Altenhilfe vereinbart. ver.di hat eine Bundestarifkommission gebildet und Forderungen für einen Tarifvertrag beschlossen, der auf die gesamte stationäre und ambulante Pflege erstreckt werden soll. »Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt. Jetzt sind die Arbeitgeber am Zug – auch die kirchlichen«. betont Gembus.

Die Initiative in Krefeld-Viersen motiviert stattdessen Pflegekräfte, vor die Kamera zu treten und bei YouTube für ihren Beruf zu werben. Ob einige der zahlreichen Abiturient*innen, die in NRW mehr als die Hälfte aller Schulabgänger*innen ausmacht, deshalb lieber in eine Pflegeschule in Krefeld-Viersen gehen statt an die Uni? »Natürlich ist die Pflege ein schöner Beruf«, weiß Rudakowski, der seit 25 Jahren als Pflegekraft arbeitet. Die Werbekampagne sei jedoch ein Beleg dafür, dass die Arbeitgeber und politisch Verantwortlichen ihre Hausaufgaben in den vergangenen Jahren nicht befriedigend erledigt haben. »Karrierewelt Pflege pudert Pflegekräften das Näschen, retuschiert die Erschöpfung von zwölf Frühdiensten am Stück aus den Streams und Filmchen, und begeistert Pflegekräfte, ausschließlich Positives über ihren Beruf zu berichten – doch die Realität sieht leider anders aus.«

»Spannender und ein klares Signal wäre es, wenn die Verantwortlichen von Caritas und Diakonie die Courage besitzen und sich selbst vor die Kamera stellen würden«, meint Rudakowski. »Wenn sie der Öffentlichkeit die Gründe für die Zustände in den Heimen und Krankenhäusern erläutern und erklären würden, warum es kirchlichen und kommunalen Trägern immer schwerer fällt, Pflegefachkräfte auszubilden und anschließend langfristig an ihre Einrichtungen zu binden.« Der Mitarbeitervertreter plädiert für eine realistische Analyse der Situation, auch gegenüber der Öffentlichkeit. Staatlich geförderte oder von Arbeitgebern initiierte Werbekampagnen führten nicht nur in die Irre, sondern spalteten auch die Beschäftigten. »Viele meiner Kolleginnen und Kollegen fragen sich, was Pflegekräfte dazu motiviert, diese „echten“ Geschichten aus dem Pflegeberuf im Internet zu verbreiten«, sagt Rudakowski. Forderungen nach Entlastung und finanzieller Anerkennung fänden hingegen immer noch viel zu selten Beachtung.

»Die Arbeitgeber haben über Jahre versäumt, den Pflegekräften zuzuhören, ihre Nöte wurden schöngeredet«, bilanziert Matthias Gruß, der bei ver.di für die Altenpflege zuständig ist. Unterbesetzungen, Überstunden, Holen aus dem Frei und oftmals miese Bezahlung hätten viele Pflegekräfte dazu gebracht, ihrem Beruf den Rücken zu kehren. »Imagekampagnen, Hochglanzbroschüren und tolle Filmchen ändern nichts an den Ursachen, sie machen die Arbeitsbedingungen nicht attraktiver.« Nötig seien bundesweit einheitliche, verbindliche und am Pflegebedarf orientierte Personalvorgaben. Und flächendeckende Tarifverträge. »Dafür sollten sich die kirchlichen Träger mit uns einsetzen«, appelliert Gruß. »Wir reichen ihnen dafür die Hand.«

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