Altenpflege

Aufstehen, statt beten und büßen

ver.di-Aktionstag Altenpflege

Aufstehen, statt beten und büßen

Mit bundesweiten Aktionen tragen Beschäftigte aus der Altenpflege am Buß- und Bettag (21.11.2018) ihren Plan für mehr Personal und gute Pflege in die Öffentlichkeit.
Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Beschäftigte in Dortmund Bianca Werner Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Beschäftigte in Dortmund

Am Buß- und Bettag, dem 21.11.2018, hieß es Gesicht zeigen für die Altenpflege. Deutschlandweit beteiligten sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen an der ver.di-Fotoaktion, nahmen an Kundgebungen und Demonstrationen teil, sprachen auf Infoveranstaltungen mit Politikern oder gingen in die aktive Mittagspause. So auch in Dortmund. Mit einem rauchenden Grill machten Barbara Granseuer und ihre Kolleg/innen an diesem Tag auf das zentrale Problem aufmerksam: die Personalnot in der Altenpflege. »Am Liebsten würden wir die Politik grillen, aber heute grillen wir erstmal für die Kolleginnen und Kollegen«, sagt die Betriebsrätin, die sich wie viele Beschäftigte von den Politikern nicht ernst genommen fühlt. Und genau deshalb trugen Pflegekräfte im gesamten Bundesgebiet ihren Plan für gute Pflege in die Öffentlichkeit.

Am Liebsten würden wir die Politik grillen.

Barbara Granseuer, Betriebsrätin

Die Mogelpackung

Dass der ver.di-Aktionstag ausgerechnet an diesem Datum stattfand, hat historische Gründe: Vor 23 Jahren wurde der Buß- und Bettag in allen Bundesländern außer Sachsen als Feiertag abgeschafft, um die Arbeitgeberbeiträge zur Pflegeversicherung auszugleichen. Doch Entlastung für das Pflegepersonal ist in den Städtischen Seniorenheimen in Dortmund nicht zu spüren. In Nordrhein-Westfalen hat der sogenannte Grundsatzausschuss im Jahr 2017 ein neues Verfahren zur Personalbemessung beschlossen. »Seitdem haben wir Personal eingebüßt«, sagt die Altenpflegerin Granseuer. Auch die von der Bundesregierung beschlossenen 13.000 zusätzlichen Stellen für den stationären Bereich bundesweit würden diesen Personalmangel nicht auffangen. Weder in den städtischen Seniorenheimen Dortmund noch in anderen Einrichtungen. Denn mit dieser Stellenanzahl könne nicht einmal eine neue Stelle pro Einrichtung geschaffen werden. »Ich bin unfassbar wütend, dass die Politik denkt, wir Pflegekräfte könnten nicht rechnen«, sagt Barbara Granseuer und deutet auf ein Plakat hinter sich. ´Mogelpackung` steht darauf.

Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Pflege-Demo in Hamburg ver.di Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Beschäftigte in Hamburg

Von Profitgier und Privatisierung

Auch Tanja Döhring kann über die 13.000 angekündigten Stellen nur den Kopf schütteln. Sie arbeitet in der Demenz-Betreuung beim kommerziellen Träger Pflegen und Wohnen in Hamburg. Der ehemals staatliche Betrieb wurde im Jahr 2007 verkauft. Und genau diese Privatisierung kritisiert die Altenpflegerin. Mitbestimmung und Tarifvertrag würden bei einem solchen Verkauf von den Betreibern in Frage gestellt, berichtet die Betriebsrätin aus Erfahrung. Im gesamten Gesundheitswesen sei diese Entwicklung zu beobachten, angetrieben durch Profitgier. Auch auf ihrer Station in Hamburg Farmsen seien im letzten Jahr Stellen abgebaut worden und der Zeitdruck steige. »Ich habe immer weniger Zeit für die Menschen und meine eigentliche Aufgabe «, sagt sie. Darunter leide ihr eigner Anspruch an gute Pflege.

Wir müssen die Gesellschaft wachrütteln.

Tanja Döhring, Betriebsrätin

Mit etwa 70 Kolleginnen und Kollegen aus ambulanten und stationären Einrichtungen der Altenpflege ist Tanja Döhring deshalb durch die Hamburger Innenstadt gezogen. »Wir müssen die Gesellschaft wachrütteln und allen deutlich machen unter welchen Bedingungen wir derzeit arbeiten«, sagt sie. Mit Bettpfannen lärmend haben sie auf Hamburgs Shoppingmeile, der Mönckebergstraße, auf sich aufmerksam gemacht. Unterstützung bekamen sie von den ver.di-Senior/innen, der ein oder andere Rollstuhl ist im Demonstrationszug zu sehen. Mit Plakaten und Flugblättern unterstrichen die Gewerkschafter/innen ihre dabei Forderung nach guter Ausbildung und fairen Arbeitsbedingungen.

Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Beschäftigte in Jena ver.di Aktionstag Altenpflege, 21.11.18, Beschäftigte in Jena

Solidarität macht Mut

Der Aktionstag Altenpflege käme genau zur richtigen Zeit, sagt die Ergotherapeutin Michaela Feldrappe. Denn mit der bundesweiten ver.di-Fotoaktion könne man sich Sichtbarkeit und Gehör verschaffen, ohne die Bewohner/innen unversorgt zu lassen. Die Betriebsratsvorsitzende am Curanum-Heim in Jena-Lobeda arbeitet im sozialen Dienst. Fach- und Hilfskäfte der sozialen Betreuung stünden vor den gleichen Problemen wie die Pflegekräfte: Überstunden, fehlende Pausen, die Forderung nach dem spontanen Einspringen aus dem Frei. Kurz: zu wenig Personal. Viele Beschäftigte koste es zunächst Überwindung, sich für die eigenen Rechte einzusetzen. Doch Michaela Feldrappe ist überzeugt: »Unser Einsatz für mehr Entlastung lohnt sich, denn das hier ist erst der Anfang!«

In Stuttgart hat Martin Nestele von der Bruderhaus Diakonie gemeinsam mit einer Gruppe von Aktiven den Plan für gute Pflege durch die Stadt getragen. Drei Altenpflege-Einrichtungen von Diakonie und Wohlfahrtspflege sowie eine Altenpflege-Schule haben sie besucht. Dem Altenpfleger liegen besonders die Forderungen nach tariflicher Bezahlung und einer besseren Personalausstattung am Herzen. Er selbst habe schon häufig allein auf einer Station arbeiten müssen. »Das ist wirklich heftig. Und unverantwortlich, sowohl für das Wohlergehen der Beschäftigten als auch der Bewohner«, sagt der Mitarbeitervertreter.

Ein flächendeckend erstreckter Tarifvertrag muss auch die Kirchen mit ins Boot holen.

Martin Nestele, Mitarbeitervertreter

Wenn Arbeitgeber und Politik den Fachkräftemangel beklagen, hat Martin Nestele eine einfache Antwort. Dem hausgemachten Fachkräftemangel müsse man mit einer gesetzlichen und bedarfsorientierten Personalbemessung begegnen. Und vor allem mit besseren allgemeinen Rahmenbedingungen. »Dann würden die Leute auch länger im Job bleiben«, sagt er. Um Druck auf Politik und Arbeitgeber aufzubauen, sei der eingeschlagene Weg von ver.di für einen bundesweiten Tarifvertrag Altenpflege genau die richtige Idee. »Ein flächendeckend erstreckter Tarifvertrag muss dann natürlich auch die Kirchen mit ins Boot holen«, betont der Mitarbeitervertreter. ver.di hat die Herausforderung angenommen. Die Bundestarifkommission Altenpflege mit Kolleginnen und Kollegen aller Trägerarten hat sich am 28.09.2018 konstituiert. Sie kommt direkt im Anschluss an den Aktionstag Altenpflege am 22.11.2018 erneut zusammen, um den weiteren Schritt hin zu bundesweiten tariflichen Regelungen zu beraten.

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