Altenpflege

»Ich habe keine Angst mehr«

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»Ich habe keine Angst mehr«

Beschäftigte von drei DRK-Seniorenzentren in Osthessen streiken zum ersten Mal – und fühlen sich gut dabei. Sie fordern, dass der DRK-Reformtarifvertrag auch bei ihnen gilt.

Mitarbeiter des DRK Maintal im Warnstreik Reiner Kunze Die Beschäftigten der DRK-Seniorenzentren legten zum ersten Mal die Arbeit nieder.

»Wir sind es wert«, schallt es durch die Straßen des Städtchens Maintal bei Frankfurt. Lautstark machen die rund 40 Beschäftigten aus den DRK-Seniorenzentren Kleeblatt in Bischofsheim, Hochstadt und Dörnigheim auf ihr Anliegen aufmerksam: Sie wollen endlich eine faire Bezahlung. Doch seit Monaten werden sie von der Kleeblatt-Geschäftsführerin Gudrun Schröter hingehalten. In drei Verhandlungsrunden legte sie kein Angebot vor. Beim letzten Treffen Mitte April erklärte der vom Unternehmen beauftragte Rechtsanwalt plötzlich, doch keinen Tarifvertrag mit ver.di aushandeln zu wollen. Man setze stattdessen auf eine »hauseigene Lösung« mit dem Betriebsrat.

Die Antwort der Beschäftigten: Zum ersten Mal überhaupt legten sie die Arbeit nieder und zogen mit Trillerpfeifen und Sprechchören durch den Ort, der eine solche Demonstration wohl noch nicht gesehen hat. »Viele haben ihre Angst überwunden und sind mitgekommen – das finde ich toll«, sagt Manuela Fritsche. Die examinierte Altenpflegerin kritisiert besonders die Missachtung der Pflegehelferinnen sowie der Betreuungs- und Hauswirtschaftskräfte. »Diese Kolleginnen fangen hier ganz viel auf, aber sie werden extrem schlecht bezahlt.« Doch gerade bei ihnen wolle die Geschäftsführung die geforderte Angleichung an den DRK-Reformtarifvertrag unbedingt vermeiden.

Durchschnittlich liegen die Gehälter in den drei Seniorenzentren gut 20 Prozent unterhalb des Reformtarifvertrags. »In etlichen Einrichtungen des Deutschen Roten Kreuzes wird selbstverständlich nach Reformtarifvertrag bezahlt. Warum sollte das beim Kleeblatt nicht möglich sein?«, meint die ver.di-Verhandlungsführerin Saskia Jensch. »Wo DRK drauf steht, sollte auch DRK drin sein.« Der Aufsichtsrat und der DRK-Kreisverband stünden in der Pflicht, sich dafür einzusetzen.

Die Gewerkschafterin verweist darauf, dass die tarifliche Bezahlung von den Kostenträgern vollständig refinanziert wird. Das haben Hessens Sozialversicherungen, Sozialhilfeträger und Pflegeheimbetreiber im Sommer vergangenen Jahres in einer Rahmenvereinbarung klargestellt. Für die Geschäftsleitung sei das »eine Steilvorlage«, mit einer besseren Bezahlung könnten Arbeitskräfte gewonnen und gehalten werden, betont Jensch. Stattdessen würden teure Leasingkräfte eingesetzt, um die Lücken zu füllen. »Wir haben der Geschäftsleitung angeboten, einen zeitlichen Rahmen zur schrittweisen Angleichung an den Reform-Tarifvertrag zu vereinbaren, doch auch darauf ist sie nicht eingegangen.«

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, drei.69, Altenpflege, Pflege, DRK, teamHessen_ReinerKunze Die Streikenden haben in dem Städtchen Maintal viel Aufsehen erregt.

Der Betriebsrat hat derweil klargestellt, dass er für Gehaltsverhandlungen nicht zur Verfügung steht – das sei Aufgabe von ver.di. Und auch die Möglichkeit eines bundesweiten Tarifvertrags, der auf die gesamte Altenpflege erstreckt werden könnte, entlasse die Arbeitgeberin nicht aus der Verantwortung, erklärt Jensch. »Eine solche Vereinbarung – so sie zustande kommt – würde nur Mindestbedingungen festschreiben. Wir wollen aber einen umfassenden Tarifvertrag, der auch Urlaubsanspruch, Zuschläge, Arbeitszeiten, Jahressonderzahlung und anderes regelt.«

Derzeit herrscht beim Kleeblatt in solchen Fragen pure Willkür. »Ich hatte letztes Jahr auf dem Heimweg einen Fahrradunfall. Da ich deshalb länger krankgeschrieben war, wurde mir die Jahresgratifikation gestrichen«, berichtet eine Betreuungskraft. Als Wochenendzuschlag bekomme sie lediglich 15 Euro, Schichtzuschläge gebe es gar nicht. Die Bewohner*innen zu unterstützen, ihnen vorzulesen, mit ihnen Gedächtnistraining zu machen oder zu tanzen sei »eine wunderbare Arbeit«, sagt die 59-Jährige. Doch mit eine halben Stelle komme sie nur auf 943 Euro brutto. »Das ist einfach zu wenig.«

»Ich habe drei Kinder, ich muss einfach mehr verdienen«, betont auch eine Pflegehelferin. Sie wollte schon die Stelle wechseln, aber die Bewohner*innen und ihre Kolleginnen sind ihr ans Herz gewachsen. »Deshalb kämpfe ich jetzt. Wenn der Tarifvertrag kommt, bleibe ich. Sonst gehe ich woanders hin.« Bei ver.di ist die 39-Jährige noch nicht eingetreten, aber das will sie jetzt tun. »Ich habe keine Angst mehr. Die können nicht alle von uns kündigen. Und Pflegekräfte werden überall gesucht.«.

Die Verwaltungsangestellte Sabine Seitz hatte wegen des Streiks anfangs ebenfalls Bedenken. Jetzt ist sie froh, dass sie mitgemacht hat: »Dieser Zusammenhalt fühlt sich toll an.« Es ist vor allem die Ungleichbehandlung, die die 56-Jährige auf die Straße getrieben hat: »Kolleginnen, die viele Jahre dabei sind, verdienen zum Teil weniger als Neueingestellte – das ist einfach ungerecht und muss sich ändern.«

Der Anfang ist gemacht. »Ihr habt einen ersten, spürbaren Nadelstich gesetzt«, sagt ver.di-Verhandlungsführerin Jensch. »Wenn sich nichts bewegt, machen wir weiter Druck.« Dabei wollen die ver.di-Aktiven auch die politisch Verantwortlichen in die Pflicht nehmen. »Denn eine gute Pflege geht alle an.«

Beschäftigte mit Schildern vor dem Seniorenzentrum Reiner Kunze Vor dem Streiklokal in Maintal machen die Beschäftigten ihre Forderungen auf Plakaten deutlich.
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