Altenpflege

Hohe Renditen mit der Pflege

Hohe Renditen mit der Pflege

Private-Equity-Investoren machen sich in der Altenhilfe breit


Interview Marcus Wolf von der Organisation Finanzwende über das Agieren von Private-Equity-Investoren in der Altenhilfe – und die Folgen für Beschäftigte und Einrichtungen.

Dr. Marcus Wolf privat Dr. Marcus Wolf  – Der Politökonom Dr. Marcus Wolf ist Mitautor der von der Organisation Finanz wende veröffentlichten Studie »Private-Equity-Investoren in der Pflege«.


Sie haben untersucht, welche Rolle Private-Equity-Investoren in der stationären Pflege in Deutschland spielen. Zunächst einmal: Was genau bedeutet Private Equity?

Dr. Marcus Wolf: Das sind im Prinzip Kapitalsammelstellen, die Geld von Pensionsfonds oder sehr reichen Individuen verwalten und investieren. Sie versprechen meist hohe Renditen, oft im zweistelligen Bereich.

Sie haben festgestellt, dass die Private-Equity-Übernahmen von Pflegeeinrichtungen in Deutsch­land im letzten Jahrzehnt stark zugenommen haben.

Ja, Private-Equity-Investoren übernehmen nicht nur immer mehr einzelne Pflegeheime. Es werden auch zunehmend Pflegeketten gekauft oder zusammengekauft. Dadurch ver­stärkt sich die Marktkonzentra­tion: Es entstehen große Konzerne mit hohem Umsatz und vielen Einrichtungen.

Was macht die Pflegebranche für diese Investoren so attraktiv?

Zum einen ist sie ein Wachstums­markt: Der demografische Wandel führt zu einem stetig steigenden Bedarf an Pflegeplätzen. Zum anderen ist ein Großteil der Einnahmen durch Steuergeld und Sozial­versiche­rungsbeiträge gesichert. Dieses Geld landet als Gewinn letztlich teilweise in den Taschen der Investoren.

Wie genau erreichen Private-Equity-Gesellschaften mit Pflegeeinrichtungen zweistellige Renditen?

Das läuft zum einen über die Immo­bilien. Die Private-Equity-Investoren kaufen die Pflegeeinrichtung und verkaufen oftmals die Immobilie weiter. Diese muss dann wieder zurück gemietet werden. Den Verkaufserlös nehmen die Investoren mitunter mit, die Mietkosten werden dem Pflege­unternehmen aufgebürdet, das sie als Investitionskosten wiederum auf die Bewohner*innen umlegt. In einigen Fällen in Großbritannien wurden die Immobilien auch an Unterneh­men verkauft, an denen die Private-Equity-Gesellschaft wiederum selbst beteiligt war. In diesem Fall fließen auch die Mieten in die Taschen der Investoren. Das aufzudecken, ist aber oft sehr schwierig, weil die Eigen­tums­verhältnisse nicht nachvollziehbar sind.

Beinhaltet der Weiterverkauf der Immobilien nicht auch die Gefahr, dass diese anderweitig genutzt werden? Das sind ja zum Teil Innenstadtlagen, wo die Preise stark steigen.

Das stimmt. Ein naheliegender Fall wurde auch in den sogenannten Pandora-Papers aufgedeckt. Da wurde der Betrieb eines Senioren­zentrums in Pirna zugesagt, was aber nie eingelöst wurde. Für die Investoren ist in der Regel entscheidend, dass der Wert möglichst schnell und stark steigt. Ob tatsächlich Pflege betrieben wird, ist für sie wohl oft zweitrangig.

Mit welchen weiteren Metho­den generieren Private-Equity-Investoren in der Pflegebranche hohe Gewinne?

Ein anderer Trick ist, dass Schulden aus dem Kauf von Pflegeeinrich­tun­gen auf diese übertragen werden. So hat zum Beispiel der schwedische Investor Nordic Capital 2017 das Unternehmen Alloheim für über eine Milliarde Euro übernommen. Die Schulden machten mehr als das Zehn­fache des damaligen Unter­nehmens­gewinns aus und wurden auf die Pflegekette übertragen. Alloheim verbucht aktuell neun Prozent Zinsen auf die Schulden an die Muttergesellschaft. Auf diese Weise wird Geld herausgezogen.

Was bedeutet es für Unter­neh­men, Beschäftigte und pflege­bedürftige Menschen, wenn Einrichtungen von solchen Investoren übernommen werden?

Aus Großbritannien wissen wir, dass schätzungsweise zehn Prozent der Gelder aus Pflegeeinrichtungen in Private-Equity-Besitz abfließen. Dieses Geld fehlt für eine gute Versorgung. Studien aus den USA zeigen, dass sogar die Sterblichkeit in Private-Equity-geführten Heimen höher ist als in anderen. Für Deutsch­land gibt es dazu keine verlässlichen Daten. Es gibt aber viele Aussagen darüber, dass die Arbeitsintensität steigt und die Pflegequalität nachlässt, wenn Häuser von diesen Inves­toren gekauft werden.

Die Gewinne stammen letztlich aus Versichertenbeiträgen. Wie ist das zu bewerten?

Man muss sich klarmachen, dass solche Profi-Investoren immer wissen, wie sie Geld abziehen können – ob durch eine andere Verbuchung von Kosten oder sonstwie. Oft landen die Gewinne dann in Steueroasen, werden also am Fiskus vorbeigeschleust. Dieses systematische Absickern öffentlicher Gelder ist ein riesiger Skandal.

Was sollte der Staat dagegen tun?

Der Staat könnte zum Beispiel unterbinden, dass Eigentümer von Pflege­einrichtungen in Schattenfinanz­zentren sitzen. Durch systematische Qualitätskontrollen und gesetzliche Mindeststandards beim Personal könnte er dem Auspressen von Einrichtungen zur Gewinnmaximie­rung Grenzen setzen. Auf finanzpolitischer Ebene könnte das Modell der Übertragung von Schulden sowie die Haftung von Investoren in den Blick genommen werden. In Großbritan­nien gibt es schon mehrere Fälle, bei denen Pflegeheimbetreiber nach Private-Equity-Übernahmen wegen der hohen Schuldenlast pleitegegangen sind.

 –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Théo Bourgeron, Caroline Metz, Marcus Wolf: Private-Equity-Investoren in der Pflege. Eine Studie über das Agieren von Private-Equity-Investoren im Pflegebereich in Europa. Download: https://kurzelinks.de/434p

Dieser Artikel ist in der Infopost Altenpflege Nr. 16 erschienen.

  • 1 / 3

Weiterlesen