Altenpflege

Höhere Gehälter – mehr Fachkräfte

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Höhere Gehälter – mehr Fachkräfte

Münchens kommunaler Pflegeheimbetreiber zahlt Pflegefachkräften in den ersten zehn Jahren mehr als im Flächentarif TVöD. Seither hat er weniger Probleme bei der Personalgewinnung.
Altenpflegerin und Bewohnerin schauen sich an und lächeln Arnim Thomaß Altenpflege

ver.di meint: Fachkräfte in der Pflege sollten mindestens 3.000 Euro brutto im Monat verdienen. Im Münchenstift wird das bereits seit einem Jahr umgesetzt – mit positiven Folgen, auch für den Arbeitgeber. Der kommunalen Pflegeheimbetreiber hat deutlich weniger Schwierigkeiten, neues Personal zu finden, die Ausgaben für Leasingkräfte sind drastisch gesunken. Hintergrund ist ein von ver.di bei der Münchenstift GmbH Ende 2016 unterzeichneter Tarifvertrag, der unter dem Titel »TVöDplus« firmiert, weil er teilweise über dem Niveau des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst liegt. In anderen Münchner Betrieben soll das nun Nachahmer finden.

Die Ausgangslage für Tarifverhandlungen bei der Münchenstift GmbH – wo heute rund 1.900 Beschäftigte in 13 Einrichtungen arbeiten – war seinerzeit eher schwierig. Seit 2004 existierte ein Sanierungs-Tarifvertrag zur Verhinderung von Ausgliederungen, der zum Beispiel Pflegehelfer/innen Gehaltseinbußen von etwa sechs Prozent bescherte. ver.di wollte diese Absenkung beseitigen. Zugleich wollte die Geschäftsführung die Bezahlung der Examinierten verbessern, um trotz des Fachkräftemangels leichter Personal zu gewinnen. Beides wurde schließlich erreicht.

In einem Anwendungs-Tarifvertrag vereinbarten ver.di und die Geschäftsleitung, dass der TVöD weiter gilt und alle künftigen Lohnerhöhungen automatisch übernommen werden. Auch für die knapp 600 Servicebeschäftigten sollte der TVöD wieder vollständig gelten – für gut die Hälfte im Rahmen einer Überleitung sofort. Die Gehälter der anderen 250 Kolleginnen und Kollegen werden jährlich um zusätzlich 40 Euro im Monat erhöht, was bis 2022 zur Angleichung führt.

Für Pflegefachkräfte sieht die Vereinbarung ein Wahlrecht vor: Entscheiden sie sich für den neuen Tarif, liegt ihr Grundentgelt als Berufsanfänger/innen um gut zwölf Prozent über dem TVöD. Nach sechs Jahren beträgt das Plus immer noch über sechs Prozent. Im Gegenzug wird lediglich die Leistungsorientierte Bezahlung (LOB), die zwei Prozent des Einkommens ausmacht, ins Grundentgelt integriert. Ab dem elften Jahr entsprechen die Entgelttabellen wieder dem TVöD.

»Das ist insbesondere für jüngere Kolleginnen und Kollegen eine deutliche Aufwertung und sehr attraktiv«, meint ver.di-Sekretär Christian Reischl. So attraktiv, dass das Münchenstift in der Pflege viel weniger auf Leasingkräfte angewiesen ist als früher. Statt 55 Leihbeschäftigte 2016 waren im vergangenen Jahr nur noch fünf im Einsatz, die Leasingkosten sanken von rund drei Millionen auf unter eine halbe Million Euro.

»Das Münchenstift spart zum Beispiel auch bei der Personalakquise und in der Verwaltung, weil die Fluktuation geringer ist«, sagt Reischl. »Die Beschäftigten profitieren davon, weil sie weniger oft neue Leute einarbeiten müssen.« Ihm zufolge haben etwa 230 von 666 Pflegekräften den neuen Tarif in Anspruch genommen. Insgesamt profitierten 951 Beschäftigte von den Tarifvereinbarungen.

»Wir sind stolz, dass es funktioniert und wir es finanzieren können«, so der Geschäftsführer Siegfried Benker in der Presse. »Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, in der Pflege angemessen zu bezahlen.« Gewerkschafter Reischl erwartet, dass andere Arbeitgeber in der bayerischen Landeshauptstadt, wo das Leben besonders teuer ist, nachziehen werden. »Wenn Münchenstift es tun kann, können auch andere Anbieter entsprechende Tarifverträge abschließen.« Mit dem AWO-Kreisverband München hat ver.di bereits vereinbart, dass auch hier der künftig »TVöDplus« bezahlt wird.

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