Coronavirus: Infos für Beschäftigte

Medizinstudierende versus Covid-19

COVID-19

Medizinstudierende versus Covid-19

Im Eilverfahren werden derzeit neue Gesetze und Verordnungen zum Gesundheitswesen auf den Weg gebracht, um der Ausbreitung des Coronavirus Herr zu werden. Am Mittwoch (25. März 2020) verabschiedete das Parlament das »Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite«. Darin wird unter anderem das Bundesgesundheitsministerium ermächtigt, per Rechtsverordnung eine Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzt*innen bei Vorliegen einer »epidemischen Lage von nationaler Tragweite« vorzunehmen. Der Verordnungsentwurf des Ministeriums wird von den Medizinstudierenden kritisiert. Wir haben dazu Lisa Gierendt befragt, die in Hannover Medizin studiert und in der ver.di-Bundesfachkommission Ärztinnen und Ärzte aktiv ist – denn auch die sieht die geplanten Änderungen kritisch. In ver.di soll die Debatte über das Thema in den kommenden Wochen weitergeführt werden.

Lisa Gierendt ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und studiert derzeit Medizin in Hannover. Sie ist aktiv in der ver.di-Bundesfachkommission Ärztinnen und Ärzte. privat Lisa Gierendt ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und studiert derzeit Medizin in Hannover. Sie ist aktiv in der ver.di-Bundesfachkommission Ärztinnen und Ärzte.

Interview mit Lisa Gierendt

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) hat die von der Bundesregierung geplanten Änderungen der Approbationsordnung im Zuge der Covid-19-Pandemie kritisiert. Sind die Medizinstudierenden nicht bereit, sich in dieser Situation in der Krankenversorgung zu engagieren?

Doch, absolut. Wie groß das Interesse ist, zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Facebook-Gruppe »Medizinstudierende versus Covid-19« schon über 15.000 Mitglieder hat. Es gibt sehr, sehr, sehr viele Freiwillige, die sich engagieren wollen. Es gibt jetzt auch eine Plattform, die Freiwillige und Einrichtungen zusammenbringt.

Dennoch gibt es an der neuen Approbationsordnung Kritik. Ein Thema ist, dass das zweite Staatsexamen, das eigentlich im April stattfinden sollte, auf einen Zeitpunkt nach dem Praktischen Jahr (PJ) verschoben wird. Was ist daran nicht in Ordnung?

Die rund 4.600 Betroffenen bereiten sich mindestens seit Januar, oft noch länger auf dieses Examen vor – und zwar Vollzeit. Das ist an sich schon eine psychische Belastungssituation. Seit zwei, drei Wochen kommt die mit der Corona-Pandemie zusammenhängende Unsicherheit hinzu. Normalerweise würde diese Prüfung Mitte April stattfinden und danach hätten die Studierenden erstmal einen Monat Urlaub, bevor sie ins Praktische Jahr (PJ) einsteigen. Jetzt sollen die Leute bereits Mitte April ins PJ starten, das Examen soll in einem Jahr nachgeholt werden. Für die Studierenden ist das mit einer Reihe von Problemen verbunden. Nach dem PJ – das vor dem Hintergrund der Corona-Krise sehr belastend sein dürfte – haben sie nur 42 Tage Zeit, sich auf die nachgeholte theoretische und dann auch auf die praktische Prüfung vorzubereiten. Davon abgezogen werden eventuelle Fehlzeiten während des PJ, die über die erlaubten 30 Tage hinausgehen. Denn diese müssen nachgearbeitet werden.

Es gibt sehr, sehr, sehr viele Freiwillige, die sich engagieren wollen.

Diese Fehlzeitenregelung steht schon länger in der Kritik. Was bedeutet sie in Zusammenhang mit der Pandemie?

Man darf während des Praktischen Jahres 30 Tage fehlen – Urlaub und Krankheit zusammengenommen. Das heißt: Wer krank wird, hat weniger Urlaub. Das ist auch in normalen Zeiten kritikwürdig. Während der Pandemie können die Folgen gravierend sein: Wenn sich die Betroffenen keine Fehlzeiten mehr leisten können, begeben sie sich womöglich nicht freiwillig in Quarantäne oder kommen sogar krank zur Arbeit. Das würde die Verbreitung des Virus womöglich befördern.

Zurück zum zweiten Staatsexamen: Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden schlägt vor, diese theoretische Prüfung ausfallen zu lassen. Geht das denn so einfach?

In Italien geht es. Zurzeit werden ja viele Dinge beschlossen, die man sich so vor kurzer Zeit noch nicht hätte vorstellen können. Medizinstudierende müssen in jedem Fach ihres dreijährigen klinischen Studiums jeweils eine Prüfung bestehen. Dieselben Inhalte werden im zweiten Staatsexamen noch einmal geballt abgefragt. Das heißt aber, dass dieses Wissen in den Jahren zuvor bereits nachgewiesen wurde. Die Prüfung ersatzlos ausfallen zu lassen, wäre also kein Freifahrtschein, sondern meines Erachtens vertretbar und in Anbetracht der Umstände die beste Lösung.

Die Prüfung ersatzlos ausfallen zu lassen, wäre kein Freifahrtschein, sondern meines Erachtens vertretbar und in Anbetracht der Umstände die beste Lösung.

Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen in ihrem Praktischen Jahr verstärkt in der Inneren Medizin eingesetzt werden, wo die Covid-19-Patient*innen behandelt werden. Dafür werden die Wahlmöglichkeiten eingeschränkt. Wie bewertest du persönlich diese Maßnahme?

Ich finde es prinzipiell richtig, dass Medizinstudierende – und gerade diejenigen, die bereits im Praktischen Jahr sind – dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Und das ist natürlich vor allem die Innere Medizin. Das Praktische Jahr hat drei Abschnitte: Man wird ein Tertial, also ein Drittel, in der Inneren Medizin eingesetzt und eins in der Chirurgie. Für die verbleibenden vier Monate kann man ein Fach wählen. Das ist gerade in dem sonst sehr verschulten Studium wichtig, weil man dadurch die Möglichkeit hat, seinen Fachwunsch zu festigen, eine Einrichtung kennenzulernen und Kontakte für eine spätere Anstellung zu finden. Ich möchte zum Beispiel Gynäkologin werden und würde im Wahltertial gerne in diesem Bereich arbeiten, um zu sehen, ob das Team, die Vorgesetzten und die Arbeitsbedingungen dort für mich passen.

Und wie können dann die Einsatzzeiten in der Inneren Medizin ausgeweitet werden?

Ich frage mich, warum das Chirurgie-Tertial nicht angetastet wird. Hier wird es während der Corona-Krise nur wenig zu tun geben – anders als in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Anästhesie. Also warum nicht dort kürzen, statt die Wahlmöglichkeiten zu beschränken?

Wie wird im Praktischen Jahr eigentlich bezahlt?

Das ist von Haus zu Haus unterschiedlich, zum Teil sogar unter den Fachdisziplinen. Einige Kliniken bezahlen nichts, andere geben 450 Euro im Monat. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden fordert eine Vergütung mindestens auf dem Niveau des BAföG-Höchstsatzes von aktuell 853 Euro im Monat. ver.di setzt sich für eine angemessene Aufwandsentschädigung ein. Der Anspruch darauf sollte in der Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte verbindlich verankert werden.

Wie bei anderen Beschäftigte stellen sich auch für Studierende im Einsatz gegen Covid-19 Fragen von Arbeitsschutz und Kinderbetreuung. Was hältst du in dieser Hinsicht für nötig?

Medizinstudierende sollten nicht als Ausnahmen, sondern wie andere Beschäftigte behandelt werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Notfall-Kinderbetreuung sicherzustellen ist. Und man sollte diskutieren, ob der Einsatz in Risikobereichen für alle Gruppen möglich ist: Was ist mit Schwangeren, was mit Studierenden mit kleinen Kindern oder zu pflegenden Angehörigen? Der Arbeitsschutz für Studierende im Praxiseinsatz muss genauso sichergestellt werden wie für alle anderen.

Der Arbeitsschutz für Studierende im Praxiseinsatz muss genauso sichergestellt werden wie für alle anderen.

Wie schätzt du die Situation in Bezug auf Studierende ein, die sich freiwillig für die Arbeit im Krankenhaus melden?

Es ist toll, dass das viele machen. Ihr Einsatz kann die Pflege entlasten – was dringend nötig ist. Ich finde aber, dass diese Arbeit angemessen vergütet werden muss. Sonst werden die Kämpfe der Krankenhausbeschäftigten konterkariert, die sich in den vergangenen Jahren mit Protesten und Streiks für dauerhafte Entlastung und eine angemessene Vergütung stark gemacht haben. Die Kolleginnen und Kollegen sagen zu Recht an die Adresse der Arbeitgeber und politisch Verantwortlichen: „Statt uns nur zu beklatschen, solltet ihr uns besser bezahlen!“ Wenn Studierende jetzt massenhaft unbezahlt arbeiten, würde das dieser Bewegung nicht gerade helfen.

Fazit: Medizinstudierende sind durchaus bereit, sich in der aktuellen Krise zu engagieren – aber sie stellen auch Forderungen.

Ganz genau. Uns ist völlig klar, dass es im Gesundheitswesen derzeit sehr viel schwerwiegendere Probleme gibt: Was ist mit der Versorgung von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus? Wie steht es um die Solidarität innerhalb der EU, werden Patient*innen aus besonders betroffenen Regionen hier versorgt? Was ist mit den völlig überfüllten Camps der Geflüchteten in Griechenland, die unter miserablen Bedingungen leben und einem hohen Risiko ausgesetzt sind, an Covid-19 zu erkranken? All das sind schwerwiegende Probleme, die uns sehr bewusst sind und die wir angehen müssen. Das heißt aber nicht, dass wir die Vertretung unserer eigenen Interessen komplett aufgeben.

Zur Petition Faire Bedingungen für Praktisches Jahr und Staatsexamina im Medizinstudium in der COVID-19-Pandemie

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Für den Großteil der Medizinstudierenden hat sich der Protest gegen das drohende »Hammerexamen« ausgezahlt. Die meisten Bundesländer haben die Veränderung der Approbationsordnung nicht genutzt, um das zweite Staatsexamen ins nächste Jahr zu verschieben. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin stellen es den Examenskandidat*innen frei, ob sie die Prüfung jetzt oder im kommenden Jahr ablegen wollen. Die anderen Länder sind beim geplanten Termin geblieben – außer Bayern und Baden-Württemberg, wo die Studierenden nach ihrem Praktischen Jahr geprüft werden. »Es ist unverständlich und sehr bedauerlich, dass die Medizinstudierenden in Bayern und Baden-Württemberg anders behandelt werden als im Rest des Landes«, kritisiert die Medizinstudentin Lisa Gierendt aus Hannover. »Statt eines Flickenteppichs wäre eine bundesweit einheitliche Lösung sinnvoll gewesen, auch um die Mobilität der Studierenden in ihrem Praktischen Jahr nicht zu beschränken.« Dennoch hätten sich die Protestaktionen gelohnt, die eine große öffentliche Aufmerksamkeit bewirkt haben. »So konnte auch die Forderung durchgesetzt werden, dass Fehlzeiten wegen Quarantäne oder einer Covid-19-Erkrankung nicht auf die maximal 30 Fehltage im Praktischen Jahr angerechnet werden«, erklärte die ver.di-Aktivistin. »Das zeigt: Wenn man sich wehrt, kann man etwas bewegen.« Nun müssten zeitnah verbindliche Regelungen für kommende Prüfungen geschaffen werden.

Plattform vermittelt Freiwillige

Studierende, Auszubildende und ehemalige Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen melden sich vielerorts freiwillig, um die Bekämpfung der Corona-Pandemie zu unterstützen. Auf der von Aktivist*innen der Initiative Medizinstudierende vs. Covid-19 und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) eingerichteten Plattform »match4healthcare« können sie die passende Einrichtung finden. Helfende können ihren Wohnort und ihre Qualifikationen/Erfahrungen angeben und bekommen einen Einsatzort angeboten. Zugleich können Kliniken, Rettungsdienste, Pflegeheime, ambulante Pflegedienste, Arztpraxen, Apotheken und Gesundheitsämter ihren Bedarf angeben, um zusätzliches Personal zu gewinnen. ver.di meint: tolle Initiative!

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