Coronavirus: Infos für Beschäftigte

Personalabbau rächt sich

Interview

Personalabbau rächt sich

Kerrin Deisler ist Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) und arbeitet in der Laborgesellschaft eines großen kommerziellen Klinikbetreibers. privat Kerrin Deisler  – Kerrin Deisler ist Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) und arbeitet in der Laborgesellschaft eines großen kommerziellen Klinikbetreibers.

Die Ausweitung der Testungen spielt in der Strategie gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie eine entscheidende Rolle. Was bedeutet die massive Ausweitung der Test für die Beschäftigten in den Laboren?

Die Covid-19-Untersuchungen, die sogenannte PCR-Analytik, betrifft nur die Serologie. Die vielen anderen Fachabteilungen sind von der Situation nicht direkt betroffen. Allerdings wurde in den vergangenen Jahren in allen Bereichen Personal abgebaut – auch in der Serologie. Das rächt sich jetzt. Es musste ganz schnell Personal gewonnen werden, um so viele Tests machen zu können. Das sind jedoch fachfremde Kolleg*innen – keine MTAs, sondern Biologisch- oder Chemisch-Technische Assistent*innen. Diese Beschäftigten können zwar die PCR-Analytik machen, nicht aber die vielen anderen Arbeiten, die sonst noch im Labor anfallen. Die Labore laufen in Wechselschicht, 24 Stunden am Tag, an 365 Tagen im Jahr. Nachts wird allein gearbeitet. Das können die neuen Kolleg*innen nicht machen, sondern nur die MTAs, deren Belastung sich durch die vielen Nachtdienste erhöht.

Vor der Pandemie haben die Laborbeschäftigten und ihre Arbeitssituation in der Öffentlichkeit keine Rolle gespielt. Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Es wurden kontinuierlich Stellen abgebaut. »Sozialverträglich«, wie es so schön heißt. Wenn also jemand in Rente gegangen ist, wurde die Stelle oft nicht neu besetzt. Und die Fluktuation war in den vergangenen zwei Jahren erheblich. Diese Fachkräfte fehlen uns jetzt. Eine MTA versorgt zum Beispiel nachts allein eine Klinik mit 800 Betten – das ist schon heftig. Fehler zu machen, zum Beispiel bei den Blutkonserven, kann für Patient*innen tödlich sein. Daher trägt man eine enorme Verantwortung und muss in jeder Situation hoch konzentriert sein.

Jetzt werden aber doch neue Beschäftigte eingestellt.

Ja, und das hilft uns tagsüber auch. Aber sie sind eben zumeist fachfremd. Und sie müssen »nebenher« eingearbeitet werden – in einer Situation, in der man ohnehin schon extrem unter Druck steht. Das ist eine echte Herausforderung. Bereits vor der Corona-Pandemie haben die Kolleginnen und Kollegen eine Vielzahl von Überstunden angesammelt. Das wird nun noch mehr.

Werden die Laborbeschäftigten – von denen jetzt so hoher Einsatz gefordert wird – zumindest angemessen und per Tarifvertrag entlohnt?

Bei uns wird nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt. Das haben die Betriebsräte seinerzeit erreicht, als die Labore aus den Kliniken ausgegliedert wurden. Doch viele andere Standorte sind tariflos. Dort verdienen die Kolleg*innen deutlich weniger. Aber nicht nur das. Sie müssen auch länger arbeiten, haben weniger Urlaubstage. All die Dinge, die sonst in Tarifverträgen verbindlich geregelt werden, gelten für sie nicht. Es gibt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und so etwas hat im Gesundheitssystem nichts zu suchen, finde ich.

Gibt es in der jetzigen Situation ein Umdenken bei den Unternehmen?

Das hoffe ich. Selbst mit Tarifvertrag finden die Einrichtungen kaum qualifiziertes Personal. Ohne tarifliche Entlohnung wird das natürlich noch schwerer. Der Beruf muss attraktiver werden. Dazu gehören eine angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen, verbindlich festgeschrieben per Tarifvertrag.

Beschäftigter mit Proben im Labor argum Arbeit im Labor eines Krankenhauses

Der Mangel an Schutzmasken und -kleidung wurde zuletzt öffentlich viel diskutiert. Wie ist die Situation in den Laboren?

Im Labor geht man grundsätzlich davon aus, dass eingehendes Material infektiös sein könnte. Daher tragen wir schon immer Schutzkleidung, daran hatten wir auch keinen Mangel. Allerdings gab es zu Beginn der Pandemie Probleme mit der Reagenzienversorgung, die weltweit stark monopolisiert ist. Es war ein irres Gehacke, an die für die PCR-Analytik nötigen Reagenzien zu kommen. Zum Teil wussten wir am Mittwoch nicht, ob wir nächsten Montag noch Analysen machen können. Das hat neben dem Arbeitsstress noch zusätzlichen Druck ausgeübt. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt, aber es sich gezeigt: Der Markt regelt es nicht.

Inwiefern?

Obwohl die Covid-19-Testungen so wichtig sind, war die Versorgung nicht gesichert. Es gab eine enorme Konkurrenz zwischen den Unternehmen, die alle an Reagenzien kommen wollten. Deshalb haben wir die Behörden aufgefordert, eine Taskforce einzurichten, die die nötigen Materialen beschafft und gerecht verteilt. Das ist aber nicht geschehen. Die Entwicklung hat deutlich gemacht, dass dieses Gerede vom Markt, der alles besser regelt, nicht stimmt.

Im Zuge der Pandemie bekommen die Labore mehr Aufmerksamkeit. Siehst du darin eine Chance?

Ja. Sonst sind wir für die meisten Menschen unsichtbar. Dabei ist unsere Arbeit extrem wichtig. Ohne Labordiagnostik funktioniert kein Krankenhaus. Das fängt in der Zentralen Notaufnahme an. Ein Großteil der Diagnosen könnte ohne die Labore nicht gestellt werden. Entsprechend wären eine gezielte Verlegung und die Erstellung von Therapieplänen nicht möglich. Die Labore spielen im Gesundheitswesen also eine entscheidende Rolle. Das wird in der Pandemie deutlich. Ich hoffe, dass dadurch auch mehr Wertschätzung für die Beschäftigten und bessere Arbeitsbedingungen entstehen.

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