Coronavirus: Infos für Beschäftigte

Beschäftigte alleingelassen

Altenpflege

Beschäftigte alleingelassen

In Pflegeeinrichtungen müssen die Kolleg*innen in der Pandemie mit aggressiven Angehörigen, fehlendem Schutzmaterial und unzureichender Personalausstattung allein zurechtkommen.
Altenpflegerin mit Bewohnerin Arnim Thomaß Altenpflege

»Es war für uns alle eine schwere Zeit«, blickt die Betreuerin Melanie Sauer* auf die Zeiten des »Lockdowns« während der Corona-Pandemie zurück. In ihrem Pflegeheim im sächsischen Zwickau hätten Angehörige und Bewohner*innen zu Beginn noch Verständnis für das rigorose Besuchsverbot gehabt. Einige seien aber zunehmend aggressiv geworden – und hätten ihren Frust an den Beschäftigten ausgelassen. »Mache Angehörige haben sich Zutritt zum Haus verschafft, andere haben uns beschimpft. Das war eine extreme Belastung«, berichtet Sauer.

Von der Unternehmensleitung hätten sich die Beschäftigten in dieser Situation alleingelassen gefühlt. Das betraf besonders das fehlende Schutzmaterial. »Ob Handschuhe, Kittel, Desinfektionsmittel oder Mundschutz – am Anfang hatten wir fast nichts.« In ihrer Freizeit nähten die Beschäftigten daraufhin selbst hunderte Masken, um sich und die Bewohner*innen zumindest einigermaßen schützen zu können. Als endlich Schutzkleidung geliefert wurde, gab es fast alles nur in Größe L. Die Hausapotheke des Klinikkonzerns, dem das Pflegeheim angeschlossen ist, fing an, Desinfektionsmittel herzustellen, doch dieses »brennt wie Hölle«. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Bei einer zweiten Welle würde das Material nach Berechnungen des Betriebsrats aber auch jetzt nur für etwa anderthalb Wochen reichen.

Ein Problem sei zudem das völlig unterschiedliche Vorgehen der Gesundheitsämter, klagt die 39-Jährige. Niemand habe die Testung von Beschäftigten und Bewohner*innen bezahlen wollen, die mit potenziell Infizierten in Kontakt waren. Die Informationspolitik des betrieblichen Krisenstabs nennt Sauer »miserabel«. Trotz mehrfacher Nachfragen sei die Interessenvertretung nicht einbezogen worden. »Ein Unding«, findet die Betriebsrätin.

Auch Maike Simon*, die in einem südhessischen Pflegeheim arbeitet, beklagt den Mangel an Masken, Kitteln und Handschuhen, die meist nur in der falschen Größe, manchmal gar nicht in ausreichender Zahl vorhanden seien. Die gelernte Krankenpflegerin wurde über die Ostertage per Anordnung des Gesundheitsamtes zum Dienst verpflichtet, weil das Team einer Demenzstation wegen der Infektion einer Bewohnerin komplett in Quarantäne musste. »Weil es bei uns keinen Tarifvertrag gibt, haben in den vergangenen Monaten massenhaft Fachkräfte gekündigt. Daher war die Personalsituation bereits vor der Pandemie extrem schlecht. Klar, dass in einem solchen Fall dann der Notstand ausbricht«, sagt sie.

Von den politisch Verantwortlichen kam in dieser Situation ebenfalls keine Hilfe. Im Gegenteil: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzte die Personalschlüssel in der stationären Pflege vom 19. März bis Ende September aus. »Aus vielen Einrichtungen hören wir, dass die Unternehmen das nutzen, um Kosten zum Beispiel für Leiharbeit zu sparen«, berichtet Matthias Gruß, der bei ver.di auf Bundesebene für die Altenpflege zuständig ist. »Die Beschäftigten der Altenpflege mussten die Krise und die Fehler die Vergangenheit ausbaden. Das darf nicht noch einmal passieren.«

* Namen von der Redaktion geändert.

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