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Auszubildende als Notreserve?

Covid-19

Auszubildende als Notreserve?

Bundesregierung will Pflege-Azubis in Pflegeeinrichtungen für Corona-Testungen einsetzen, um das dortige Personal zu entlasten. Doch was hieße das für die Ausbildung?
Teströhrchen und Wattestäbchen Elchinator auf Pixabay Covid-19-Tests: Auszubildende sollen Personal entlasten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) wollen Auszubildende in Pflegeeinrichtungen einsetzen, um das dortige Personal zu entlasten. In einem Schreiben vom 26. Januar 2021 betonen sie, den Beschäftigten in der Altenpflege werde »aktuell besonders viel abverlangt, denn mit dem Infektionsgeschehen sind für die ohnehin belasteten Pflegekräfte verschiedene zusätzliche Aufgaben verbunden«, darunter umfassende Hygiene- und Schutzmaßnahmen, regelmäßige Testungen und Impfungen. »Es ist unsere gemeinsame und vorderste Aufgabe, die Einsatzfähigkeit des Pflegepersonals sicherzustellen und das Pflegepersonal in dieser Krisensituation bestmöglich zu entlasten. Daher gilt es jetzt, alle zur Verfügung stehenden Ressourcen zu mobilisieren.«

Doch wer dachte, dass zum Beispiel ehemalige Pflegekräfte mit fetten Prämien und besseren Bedingungen in den Beruf zurückgelockt werden sollen, sieht sich getäuscht. Auch eine flächendeckend bessere Bezahlung und die Einführung bedarfsgerechter Personalstandards sind nicht die Ziele der Initiative. Stattdessen möchten Spahn und Giffey Auszubildende aus der Pflege »zur Unterstützung und Entlastung des Pflegepersonals in den Einrichtungen« einsetzen. »Dies könnte insbesondere durch das Verschieben schulischer Ausbildungsabschnitte bzw. einer Abänderung der Reihenfolge der praktischen Ausbildungsabschnitte erfolgen«, heißt es in ihrem Schreiben. Wir haben Auszubildende und andere, mit der Ausbildung befasste Kolleg*innen gefragt, was sie davon halten. Hier die ersten Reaktionen.

Krankenpflegerin mit Mundschutz und Brille privat Laura Puls

Laura Puls macht eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und ist Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung am Helios-Klinikum Schwerin:

»Bundesgesundheitsminister Spahn schafft es immer wieder, mich vom Hocker zu hauen. Sein Vorstoß, Auszubildende für Testungen in Pflegeheimen einzusetzen, ist eine riesengroße Frechheit. Schon jetzt kommt die Ausbildung wegen des Fach- und Lehrkräftemangels oft zu kurz, fällt Unterricht aus. Im ersten Ausbildungsjahr sollen die Leute die Grundpflege, die Patientenbeobachtung, das Messen der Vitalzeichen und so weiter richtig lernen – nicht Patient*innen den ganzen Tag ein Stäbchen in den Hals stecken. Zumal das gar nicht so einfach ist. Die Covid-Abstriche müssen ganz tief im Rachen genommen werden. Darauf reagieren nicht alle Patient*innen entspannt. Ich weiß nicht, ob ich mich das im ersten Jahr getraut hätte. Sicherlich gibt es auch Auszubildende, die sich ein schlechtes Gewissen machen lassen oder es toll finden, im Kampf gegen die Pandemie gebraucht zu stehen. So funktioniert es auch beim Stationshopping: „Du musst auf der Nachbarstation waschen, sonst bricht da alles zusammen.“ Manche können dazu nicht Nein sagen, schaden damit aber sich selbst und ihrer Ausbildung. Letztlich verschärft sich dadurch das Fachkräfteproblem noch. Ich finde es ein Unding, dass soziales Engagement so schamlos ausgenutzt wird. Dass die Leute schon während der Ausbildung verheizt werden, dürfen wir nicht zulassen.«

junge Krankenpflegerin in blauem Kasack privat Franziska Aurich

Franziska Aurich ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung am Uniklinikum Ulm:

»Ich frage mich, wie zwei Bundesministerien auf eine solche Idee kommen können. Die Aufforderung, Auszubildende sollten für die Durchführung von Testungen eingesetzt werden, statt etwas zu lernen, ist überhaupt nicht durchdacht. Abstriche im Akkord zu machen, hat nichts mit Ausbildung zu tun. Wer sich in diesen Zeiten für eine Pflegeausbildung entscheidet, ist ohnehin mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Schon jetzt brechen viele die Ausbildung ab. Die Umsetzung der Forderung von Spahn und Giffey würde die Ausbildung noch unattraktiver machen. Es würde sehr kurzfristig vielleicht helfen, aber der längerfristige Schaden wäre enorm.«

junger Auszubildender in der Krankenpflege privat Tom Schimmer

Tom Schimmer macht eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger am Helios-Klinikum Schleswig und ist dort in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) aktiv:

»Den Plan, Auszubildende in Pflegeeinrichtungen zu schicken, um dort Corona-Tests durchzuführen, halte ich für bedenklich und rücksichtlos uns gegenüber. Das sehen auch die anderen in meinen Kurs so. Wir unterstützen die Kolleginnen und Kollegen wo wir nur können. Die Praxiseinsätze wurden in der Pandemie schon ausgeweitet – auf Kosten der theoretischen Ausbildung. Wenn diese nun noch mehr nach hinten geschoben wird, fallen wir im Stoff noch weiter zurück. Es darf nicht sein, dass unsere Ausbildung dadurch gefährdet wird. Auszubildende dürfen nicht dazu missbraucht werden, den hausgemachten Pflegenotstand auszugleichen.«

junge Krankenpflegerin privat Deborah Neuenfeld

Deborah Neuenfeld ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und Vorsitzende der Konzern-JAV der BG-Kliniken:

»Ich habe das erst für einen schlechten Scherz gehalten. Gerade wurde uns noch erzählt, wir seien systemrelevant und super wichtig, und jetzt sollen unsere Auszubildenden in Pflegeheimen Massentests machen? Das ist keine Wertschätzung, sondern Ausbeutung. Auch vor der Pandemie war es ein Unding, wenn Auszubildende zur Entlastung des Pflegepersonals eingesetzt wurden. Viele Stationen würden ohne Auszubildende zusammenbrechen – dabei sollen die Auszubildenden eigentlich drei Jahre Zeit haben, in den Beruf hineinzuwachsen. Dass sie jetzt auch noch in Pflegeheimen den ganzen Tag stumpf testen sollen, ist unglaublich und eine Vernachlässigung des Gesundheitsschutzes und vor allem der Pflicht des Ausbildungsträgers, das Ausbildungsziel nicht zu gefährden. Das neue Pflegeberufegesetz schreibt nicht umsonst vor, dass die Einsatzplanung vor Ausbildungsbeginn vorliegt. Auszubildende werden in Betrieben schon genug rumgeschubst. Wie sollen so die gut ausgebildeten Pflegefachkräfte gewonnen werden, die wir so dringend brauchen?«

Portrait Eberhard Bruch, freigestellter BR-Vorsitzender, Lehrer für Pflegeberufe, Intensivpfleger
Astrid Sauermann Eberhard Bruch, freigestellter BR-Vorsitzender, Lehrer für Pflegeberufe, Intensivpfleger

Eberhard Bruch ist Lehrer für Pflegeberufe und Betriebsratsvorsitzender am DRK-Krankenhaus Kirchen:

»Der Vorstoß der Ministerien ist meiner Meinung nach schon allein aus rechtlichen Gründen problematisch. Denn der Ausbildungsplan ist Bestandteil des Ausbildungsvertrags. Die betroffenen Auszubildenden müssten also einer Vertragsänderung zustimmen. Wenn sie ohnehin ihren geplanten Einsatz in der Altenpflege haben, können sie natürlich auch Testungen machen – mit Anleitung versteht sich. Sie aber dorthin abzuordnen und den Ausbildungsplan noch weiter durcheinander zu wirbeln, wäre grundfalsch. Es gibt ohnehin massive Probleme, die Ausbildung auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten. Der theoretische Unterricht findet vielfach digital statt oder fällt aus, und die praktische Prüfung darf vielerorts nur als Simulationsprüfung im Demo-Raum stattfinden. Es den Auszubildenden nun noch schwerer zu machen, wäre nicht richtig. Es kann nicht sein, dass Auszubildende als eine Art „Flex-Pool“ ihren Kopf für die seit Jahren verfehlte Personalpolitik hinhalten müssen. Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte. Der Aufruf der Regierung ist daher alles andere als hilfreich.«

Junger Krankenpfleger mit Maske und Hoodie "Tarifrebellen" privat Nico Baumann

Nico Baumann ist Gesundheits- und Krankenpfleger und Vorsitzender der Konzern-JAV bei Helios:

»Als ich gehört habe, was die Regierung vorhat, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Abstriche zu machen, gehört natürlich zur Pflegeausbildung. Aber dann bitte mit Anleitung und nicht den ganzen Tag lang. Selbst Leute im ersten Ausbildungsjahr sollen für Testungen eingesetzt werden. Das ist aus meiner Sicht schon haftungsrechtlich problematisch. Und dass es in solchen Fragen eine betriebliche Mitbestimmung gibt, müsste man den Politiker*innen wohl auch mal sagen. Vor allem aber: Es ist so schon schwer genug, eine qualitativ hochwertige Ausbildung aufrecht zu erhalten. Immer wieder müssen Ausbildungs- und Einsatzpläne umgestellt werden, zum Beispiel, um zu vermeiden, dass Minderjährige auf Covid-Stationen eingesetzt werden. Das ist nämlich verboten, auch wenn manche Betriebsärzt*innen meinen, solche Gesetze wären für Pflege-Azubis außer Kraft gesetzt. Wenn Auszubildende nun auch noch zum Dauertesten abgestellt werden, geht die Struktur der Ausbildung vollends verloren. Die zentrale Lehre aus der Pandemie ist, dass wir dauerhaft mehr qualifizierte Pflegekräfte brauchen. Diese Maßnahme bewirkt das Gegenteil.«

Altenpflegerin in blauer Arbeitskleidung privat Altenpflegerin Theresa Bühner

Theresa Bühner ist examinierte Altenpflegerin und Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung beim Eigenbetrieb leben und wohnen in Stuttgart (ELW):

»Ich finde die Idee der Ministerien nicht gut. Zum einen sollte man für die Corona-Tests ein gewisses Fachwissen haben, das im ersten Ausbildungsjahr noch nicht vorhanden ist. Zum anderen ist die Ausbildung dafür da, zu lernen und sich bestmöglich auf die Versorgung pflegebedürftiger Menschen vorzubereiten. Dafür ist der Transfer zwischen Theorie und Praxis entscheidend. Aber wie soll das gehen, wenn der theoretische Unterricht – der wegen der Pandemie ohnehin erschwert ist – weiter zurückgefahren oder verschoben wird? Ich befürchte auch, dass die Motivation in den Keller geht, wenn Auszubildende den ganzen Tag stupide Tests machen müssen. Natürlich brauchen wir in den Pflegeeinrichtungen Entlastung. Aber der Einsatz von Auszubildenden als Lückenbüßer ist dafür nicht die Lösung. Wenn zu viele Auszubildende im Bereich sind, ist das für die Examinierten auch nicht unbedingt eine Arbeitsentlastung, eher im Gegenteil – zumindest wenn man sie richtig anleiten will. Die einzige wirkliche Lösung ist es, den Job attraktiver zu machen, mit einer guten Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen.«

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