Gesundheit & Soziales

»Es gibt ein neues Selbstbewusstsein«

Interview

»Es gibt ein neues Selbstbewusstsein«

Warum sich Beschäftigte in »Frauenberufen« früher weniger für ihre eigenen Interessen eingesetzt haben – und warum sich das gerade ändert. Ein Interview mit Ingrid Artus
Ingrid Artus privat Ingrid Artus

Ingrid Artus ist Soziologie-Professorin an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Im November vergangenen Jahres referierte sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Christianna Bunt bei der von der Zeitschrift Arbeitsrecht und Kirche gemeinsam mit ver.di, der Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaften und Gesamtausschüsse der Mitarbeitervertretungen in der Diakonie (buko agmav + ga) sowie der Diakonischen ArbeitnehmerInnen Initiative (dia e.V.) organisierten Kasseler Tagung zum Thema »Interessenvertretung und Arbeitskämpfe in sozialen Dienstleistungsberufen«.

Im Zuge der Corona-Pandemie stehen die sozialen Dienstleistungen im Fokus des öffentlichen Interesses. Sie forschen viel zu den Arbeitsbeziehungen in diesem Bereich, in dem es jahrzehntelang kaum gewerkschaftliche Auseinandersetzungen gab. Worauf führen Sie das zurück?

Ein wesentlicher Grund ist, dass es sich um eine ganz besondere Form der Arbeit handelt, um Sorgearbeit. Die Erziehung von Kindern, die Unterstützung behinderter Menschen, die Pflege von kranken und pflegebedürftigen Menschen – es ist stets interaktive Arbeit mit Abhängigen, die auf diese Leistungen angewiesen sind. Diejenigen, die diese Arbeit machen, haben in der Regel einen besonderen Berufsethos, der es ihnen erschwert, die eigenen Interessen zu vertreten. Denn es fällt ihnen sehr schwer, die Fürsorge der ihnen anvertrauten Menschen zu verweigern, zum Beispiel im Streik. In der Soziologie nennt man dieses Phänomen auch Fürsorgegefangenschaft.

Ein weiterer Grund für die traditionell geringere Mobilisierungsbereitschaft von Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen ist, dass hier vor allem Frauen arbeiten. Es ist natürlich nicht so, dass Frauen von Natur aus weniger konfliktbereit wären als Männer. Doch es gibt eine lange Geschichte der Abwertung von Frauenarbeit. Fürsorgearbeit galt lange als einfache, unqualifizierte Arbeit, zu der Frauen vermeintlich qua Geschlecht befähigt seien. Das wirkt sich bis heute darauf aus, wie diese Berufe gesehen werden. Wenn man anderen nicht deutlich machen kann – und vielleicht sogar selbst nicht davon überzeugt ist –, dass die eigene Arbeit etwas wert ist, dann fordert man Wertschätzung nicht offensiv ein.

Ein Großteil der »karitativen« Frauenarbeit wurde und wird von den Kirchen organisiert. Welche Rolle spielt das in diesem Zusammenhang?

Das sehe ich als weiteren gewichtigen Grund dafür, dass die Vertretung von Beschäftigteninteressen im Gesundheits- und Sozialwesen bislang unterentwickelt ist. Ein relevanter bis überwiegender Teil der Fürsorgearbeiten wird unter dem besonderen kirchlichen Arbeitsrecht erbracht. Dort haben die Beschäftigten zum einen weniger Rechte – individuell, vor allem aber bei der kollektiven Interessenvertretung. Zum anderen stehen sie unter dem Einfluss religiöser Ideologien und Motivationen: Wer seine Berufstätigkeit als »Dienst an Gott« ansieht, wird seine Interessen gegenüber dem Arbeitgeber kaum geltend machen. All das erklärt, warum die konfliktäre Durchsetzung eigener Interessen im Gesundheits- und Sozialwesen deutlich schwieriger ist als beispielsweise in der Metallindustrie, wo es eine lange Tradition von Streiks und Interessenkonflikten gibt.

Lange Zeit haben kirchliche und weltliche Wohlfahrtsverbände in der Regel die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes übernommen. Gab es daher nicht auch weniger Anlässe für gewerkschaftliche Aktionen?

Nun ja, die Flächentarifverträge gab es auch damals nicht geschenkt. Diese haben aber vor allem die Beschäftigten der Abfallwirtschaft und des Nahverkehrs erkämpft. In den vergangenen 20 Jahren sind die Tarifbedingungen stark fragmentiert, die Arbeitgeber haben die Standards massiv abgesenkt – auch im kirchlichen Bereich. Die Sorgearbeitenden können nicht mehr quasi im Windschatten anderer, kampfstarker Belegschaften mitschwimmen – weder im öffentlichen Dienst noch bei freigemeinnützigen und kirchlichen Trägern. Sie müssen selbst für ihre Rechte aktiv werden. Und immer öfter tun sie das auch.

Wie kommt es denn, dass sich insbesondere in Krankenhäusern und Kitas trotz der genannten Hindernisse verstärkt Widerstand regt?

Das hat viel mit der verschärften Sorgekrise zu tun. Die Arbeitsbedingungen sind oft so schlecht, dass die Beschäftigten keine gute Arbeit mehr machen können. Die Dienstleistungen können vielfach nicht mehr so erbracht werden, wie es dem Ethos der Fürsorgenden entspricht. Diese Situation macht die Beschäftigten total fertig. Und sie schädigt die Klientinnen und Klienten, deren existenzielle Bedürfnisse zum Teil nicht mehr befriedigt werden können. Ursachen hierfür sind Leistungseinschränkungen, der neoliberale Umbau des Sozialstaats, die Ökonomisierung und zunehmende Profitorientierung, die im Gesundheits- und Sozialwesen Einzug gehalten haben.

Aber Leidensdruck allein führt doch noch nicht dazu, dass sich die Menschen zur Wehr setzen.

Nein. Dass sich die Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen zunehmend für ihre eigenen Interessen engagieren, ist auch Ausdruck einer Emanzipation. Sorgearbeiterinnen – und hier auch explizit Frauen – werden sich immer mehr bewusst, was sie leisten und was ihre Arbeit wert ist. Viele müssen diesen Wert auch deshalb einfordern, weil sie ihren Lebensunterhalt eigenständig bestreiten, ohne einen gut verdienenden Ehemann. Es steckt also auch ein neues Selbstbewusstsein von Frauen dahinter. Sie geben ihre hoch qualifizierte Arbeitskraft nicht mehr so billig her wie früher.

Aber der »Ethos fürsorglicher Praxis« besteht doch immer noch, weiterhin sind Patient*innen und Klient*innen existenziell auf die Hilfe der Beschäftigten angewiesen. Das scheint ja doch kein absolutes Hindernis für gewerkschaftliche Kämpfe zu sein.

Ist es nicht. Doch im Bereich der sozialen Dienstleistungen braucht es andere als die traditionellen, aus der Industrie bekannten Praktiken des Arbeitskampfs. Im Moment wird in Krankenhäusern und Kitas viel mit neuen Streikformen experimentiert, die eines gemeinsam haben: Sie versuchen, keinen Widerspruch zum Care-Ethos zu schaffen, sondern diesen vielmehr als Ressource zu nutzen. Das heißt zum einen: Man muss sicherstellen, dass die Klient*innen durch den Arbeitskampf nicht geschädigt werden. Zum anderen muss man offensiv über die Ziele der Aktionen aufklären und deutlich machen, dass es stets auch um eine gute Versorgung geht.

Ein Beispiel für solche neueren Methoden sind die Betten- und Stationsschließungsstreiks in Krankenhäusern, die frühzeitig angekündigt werden und mit denen die Verantwortung für die Patientenversorgung auf die Arbeitgeber verlagert wird. Dem Management wird viel Zeit eingeräumt, die Betten leer zu räumen. Wenn das geschieht, steht die einzelne Pflegekraft nicht mehr vor der Entscheidung, die Patient*innen allein zu lassen oder die eigenen Interessen zu vernachlässigen. Auch die Ultimaten, bei denen Stationsteams ultimativ Entlastung fordern und andernfalls die Verweigerung freiwilliger Leistungen androhen, sind eine neue Form, kollektive Handlungsmacht zu schaffen und dem Arbeitgeber Grenzen zu setzen.

Ist ein Grund für solche neuen Aktionsformen nicht auch, dass die klassischen ökonomischen Druckmittel in diesem Bereich weniger greifen?

Ja. Im Gesundheits- und Sozialwesen wird zum Teil zwar viel Geld verdient. Es ist aber in vielen Fällen nur schwer möglich, ökonomischen Druck auf den Arbeitgeber auszuüben. Das hat sich beispielsweise beim Streik im Sozial- und Erziehungsdienst gezeigt, der den Arbeitgebern keinen wirtschaftlichen Schaden zugefügt hat. Umso wichtiger ist es, in solchen Auseinandersetzungen auf die Mobilisierung der Öffentlichkeit zu setzen und gesellschaftliche Bündnisse aufzubauen.

Das klassische Bild von Gewerkschaften stimmt nicht mehr: Während größere oder länger andauernde Streiks in der männlich geprägten Industrie mittlerweile selten sind, kommt es in Kitas und Kliniken zu teilweise sehr langen und harten Konflikten. Kann man von einer Tendenz zur »Feminisierung des Arbeitskampfs« sprechen?

Als Trend ja. Frauen sind schon allein deshalb statistisch häufiger an Arbeitskämpfen beteiligt als früher, weil ihr Anteil an den Erwerbstätigen gestiegen ist. Das gilt übrigens weltweit. Zum Beispiel sind es auch in der Textilindustrie in Bangladesch und anderswo oft Frauen, die angesichts der schlimmen Bedingungen ihre Arbeit niederlegen.

Klassische Tarifthemen sind Löhne und Arbeitszeiten. In Krankenhäusern, Kitas und anderen sozialen Dienstleistungen sind es aber oft vor allem Fragen der Personalbesetzung und Arbeitsbelastung, die zum Gegenstand von Tarifkonflikten werden. Wie ist das zu erklären?

Das leitet sich aus dem dargestellten Charakter dieser Arbeit ab, mit der sich die Beschäftigten in diesen Bereichen besonders stark identifizieren. Sie wollen gute Arbeitsbedingungen auch deshalb, weil sie gute Arbeit für ihre Klient*innen und Patient*innen leisten zu können.

Kann man sagen, dass sich die Wirkung des Care-Ethos umkehrt: Dass das besondere Verpflichtungsgefühl gegenüber den Klient*innen Beschäftigte nicht mehr davon abhält, sondern im Gegenteil motiviert, auf die Straße zu gehen?

Das ist nicht generell so, aber es ist ein Potenzial, eine Möglichkeit. Dieses hat eine hohe Sprengkraft, davon bin ich überzeugt. Es kommt aber darauf an, wie die Missstände »gerahmt« werden, also ob den Menschen klar wird, dass sie nicht Ausdruck einer Notwendigkeit, sondern durchaus veränderbar sind. Es schlägt also nicht von alleine um, aber es kann umschlagen. Als Aufgabe der Gewerkschaft sehe ich es, eine entsprechende Deutung der Verhältnisse anzubieten und zu verbreiten.

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