drei.67

Standby-Dienst: Mittel zur Entlastung?

Pro/Contra

Standby-Dienst: Mittel zur Entlastung?

Helfen Standby-Dienste, die Freizeit verlässlicher zu planen? Oder hilft die Interessenvertretung dem Arbeitgeber so, die Überlastung zu organisieren? Pro/Contra in der drei.67.
Portraits Mann und Frau @shiftstudio für ver.di / privat Eva Hibbeler und Tobias Michel

PRO

In unserer Klinik wurden Beschäftigte bei Personalausfall oft in ihrer Freizeit angerufen und zum Einspringen aufgefordert – ohne Gegenleistung. Der Betriebsrat hat sie darüber informiert, dass sie das nicht müssen. Aber wir konnten es nicht verhindern. Häufig sprangen auch Teilzeitkräfte ein, bekamen für die zusätzlichen Stunden aber keine Zuschläge. Um für unsere Kolleginnen und Kollegen wenigstens einen kleinen Ausgleich zu schaffen, haben wir den Standby-Dienst eingeführt.

Er wird nach den Kriterien des TVöD als Rufdienst vergütet. Dieser Dienst ist geplant. Die diensthabenden Kolleg/innen werden bei Bedarf während einer Abrufzeit angefordert, ansonsten haben sie frei. Stationen mit Personalausfall müssen nicht mehr stundenlang nach Ersatz suchen. Es werden maximal zwei Standby-Dienste pro Monat geplant. Die anderen Beschäftigten werden nicht angerufen.

Jetzt zuckt man nicht mehr zusammen, wenn das Telefon klingelt. Weil Stunden und Rufdienstzulage ausgezahlt werden, übernehmen einige Teilzeitkräfte diesen Dienst gern. Die Ungleichbehandlung von Vollzeit- und Teilzeitkräften ist beseitigt. Als Betriebsrätin sehe ich den Standby-Dienst als Möglichkeit, die Dauerbelastung etwas zu kanalisieren. Eine Sonderleistung darf es nicht zum Nulltarif geben.

Eva Hibbeler, Betriebsratsvorsitzende der Aller-Weser Klinik in Verden

CONTRA

Arbeitgeber sind schmerzfrei, wenn wir in Unterzahl arbeiten müssen. Sie meiden peinlich, Betten zu sperren, Abteilungen zu schließen oder OP-Pläne zusammenzustreichen. Nur was sie Geld kostet, tut ihnen weh. Wenn die Personaldecke reißt, trifft es sie unvorbereitet. Als schnelle Abhilfe ist unsere Freizeit das nächstbeste. Penetrant werden sie übergriffig und drängen Beschäftigte zur Arbeit an freien Tagen. Einige eilen trotz Freischicht zur Hilfe. Das entlastet zumindest die sonst Alleingelassenen. Doch wer sich so breitschlagen lässt, muss auf Freizeit und Erholung verzichten.

Betriebsräte finden häufig keine durchschlagenden Rezepte, um die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Sie wollen dem Elend nicht nur zusehen. Und sie schlagen dem Chef vor, gemeinsam mit ihnen zumindest eine gerechte und gleiche Verteilung der Überlastung zu organisieren. Diese Flexibilität bekommt immer neue Namen: Standby, Joker- oder Disposchicht ... . Geplant wirkt die zusätzliche Belastung weniger schlimm.

Das Prinzip dahinter: Das Team soll sich selbst helfen, reihum. Was wie Solidarität erscheint, ist tatsächlich Gruppendruck. Doch weder Gesetze noch Verträge verpflichten, an dieser Überlastung teilzunehmen.

Tobias Michel, Betreiber der Website www.schichtplanfibel.de

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