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Arm nach Arbeit

Rente

Arm nach Arbeit

Vielen Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialwesens bleibt nach einem langen Arbeitsleben nur eine mickrige Rente. Bundestagswahl muss Kurswechsel einläuten.
zwei Alte Menschen schauen aus Fenster Carmen Wolf Schlechte Aussicht: Altersarmut

Wenn sich in der Rentenpolitik nichts ändert, droht millionenfache Altersarmut. Besonders betroffen sind Beschäftigte des Gesundheits- und Sozialwesens. Der Grund: Hier sind die Einkommen vielfach niedrig; der Anteil der Teilzeitarbeit liegt weit über dem Durchschnitt; viele werden aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen krank und müssen frühzeitig und oft mit Abschlägen in Rente gehen. Noch dramatischer wird es, wenn die Kürzungen des gesetzlichen Rentenniveaus wie geplant weiter umgesetzt werden. Dagegen machen ver.di und der DGB mobil. Im Bundestagswahlkampf fordern sie einen Kurswechsel, unter anderem mit einer E-Card-Aktion an die Bundestagsabgeordneten.

Ein typisches Beispiel: Ein Beschäftigter oder eine Beschäftigte des Jahrgangs 1963 mit einem Einkommen von 2.500 Euro brutto bekäme nach 40 Beitragsjahren 2030 eine gesetzliche Rente von etwa 800 Euro. Im Jahr 2000 wären es noch über 1.000 Euro gewesen. Ursache ist die nach und nach wirksam werdende Kürzung des Rentenniveaus. Seit der Jahrhundertwende ist die sogenannte Standardrente um etwa zehn Prozent gesunken, bis 2030 wird sie laut Prognose des Bundessozialministeriums um weitere acht Prozent gekürzt – falls das Niveau nicht stabilisiert und wieder angehoben wird, wie es die Gewerkschaften fordern.

Infografik zur Rente DGB Rente muss reichen

Verschärft wird das Problem durch die schrittweise Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters auf 67 Jahre. Denn viele Beschäftigte können sich nicht vorstellen, bis zur Rente im Job durchzuhalten. Unter den Pflegekräften sind das laut »DGB-Index Gute Arbeit« drei von vier Kolleginnen und Kollegen. Jedes Jahr, das sie früher in Ruhestand gehen, kostet sie 3,6 Prozent ihrer Rente. Auch eine weitere Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre – wie es die Wirtschaftsforschungsinstitute IW und DIW jüngst forderten – würde für viele faktisch als Rentenkürzung wirken.

Die neoliberal orientierten Wissenschaftler präsentieren eine einfache Rechnung, um ihre Forderung nach der Rente mit 70 zu begründen: Da der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung stetig zunehme, müsse auch die Lebensarbeitszeit steigen. Doch das lässt außer Acht, dass die Gesellschaft zugleich immer reicher wird. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird heute mit 9,3 Prozent rund ein Prozentpunkt weniger für die Rente ausgegeben als im Jahr 2000 – obwohl die Zahl der Rentenfälle seither um gut 14 Prozent zugenommen hat. Fazit: Eine reicher werdende Gesellschaft kann sich mehr Rentnerinnen und Rentner durchaus leisten, ohne die Leistungen zu kürzen.

Beschäftigte des Elisabeth-Klinikums Schmalkalden für eine bessere Rente mit Zetteln in den Händen ver.di Beschäftigte des Elisabeth-Klinikums Schmalkalden für eine bessere Rente

Eine Analyse des Ökonomen Volker Meinhardt im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigt, dass sich die Rentenzahlung von der Lohnentwicklung entkoppelt hat. So stiegen die Nettolöhne seit der Jahrhundertwende um durchschnittlich 26 Prozent, die ausgezahlten Renten hingegen um lediglich 14 Prozent. Da die Verbraucherpreise im gleichen Zeitraum um 20 Prozent zulegten, hatten die Rentner/innen real weniger in der Tasche – die zwischenzeitlich beschlossene »nachgelagerte Besteuerung« der Renten noch nicht mitgerechnet.

Deshalb fordert ver.di von der nächten Bundesregierung:

  • gesetzliches Rentenniveau stabilisieren und stärken
  • kleine Renten deutlich aufwerten
  • Erwerbsminderungsrente verbessern
  • Rente zu einer Erwerbstätigenversicherung ausbauen
  • durch gute Arbeit bessere Renten schaffen
Portrait Christin Strelitz privat Christin Strelitz

Das gesetzliche Rentenalter ist für Christin Strelitz noch lange hin. Doch bereits heute bekommt die 34-Jährige Angst, wenn sie ans Alter denkt. 843,43 Euro im Monat hat sie laut Schreiben der Deutschen Rentenversicherung dann zu erwarten. Real wird es noch weniger sein, weil sie in einem der vergangenen fünf Jahre besonders gut verdient hat. »Schon jetzt muss ich jeden Cent fünf Mal rumdrehen«, sagt die staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin, die in einer ambulanten Einrichtung psychisch kranke Menschen betreut. »Ich bin fleißig, leiste fachlich gute Arbeit, mache Überstunden – und im Alter bin ich Nahe am Existenzminimum. Das ist ungerecht.« Als Rentnerin will Christin Strelitz auf keinen Fall von Hartz IV abhängig sein. Dann müsste sie womöglich das Haus verkaufen, in dem die Familie schon seit Generationen wohnt. Wo sie lebt, in der Uckermark, geht es vielen genauso und noch schlimmer. Etliche arbeiten in unsicheren Jobs auf Mindestlohn-Niveau. »Ganz viele werden in der Altersarmut landen – wenn in der Rentenpolitik nicht endlich umgesteuert wird.«

Michael Kroll und Kollege in Kochoutfit in Krankenhausküche Thomas Lohnes Michael Kroll mit Kollege

Wenn Michael Kroll bis 2031 gesund bleibt, wird er nicht in die Altersarmut rutschen. Dennoch ist der stellvertretende Küchenleiter im Marburger Uniklinikum empört, wenn er auf seine Rentenprognose schaut. 1.550,55 Euro im Monat soll er dann bekommen. »Das ist mehr als viele andere, aber nach dann mehr als 50 Beitragsjahren ist es schon sehr dürftig«, findet Kroll, der mit 17 eine Ausbildung zum Koch begonnen hat. Seit 26 Jahren arbeitet er am Uniklinikum Gießen und Marburg (UKGM), die Bezahlung liegt auf dem Niveau des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD). Würde Kroll in der Privatwirtschaft arbeiten und nach dem Tarif des Gaststättengewerbes bezahlt, hätte er fast 1.000 Euro weniger im Monat – von einem Job ohne Tarifbindung ganz zu schweigen. Auch sonst sind die tariflichen Errungenschaften wichtig, die der Gewerkschafter gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen in Tarifrunden immer wieder aufs Neue verteidigt. »Mit der tariflichen Zusatzversorgung VBL kann ich wenigstens einen Teil der Lücke schließen, die die Kürzung in der gesetzlichen Rente reißt«, sagt Kroll. Von Vorschlägen neoliberaler Wirtschaftsinstitute, das Rentenalter auf 70 Jahre anzuheben, hält er überhaupt nichts. »Das ist nichts als eine versteckte Rentenkürzung. Schon heute nehmen viele hohe Abschläge in Kauf, weil sie nicht mehr können – auch und gerade in den Krankenhäusern.«

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