Gesundheit & Soziales

Auch in Zukunft: radikal SOZIAL

Bundesfachbereichskonferenz 2019

Auch in Zukunft: radikal SOZIAL

ver.di-Bundesfachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen zieht positive Bilanz der vergangenen Jahre. Sylvia Bühler erneut zur Leiterin nominiert.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019, Kay Herschelmann Sylvia Bühler auf der Bundesfachbereichskonferenz 2019

ver.di hat im Gesundheits- und Sozialwesen in den vergangenen Jahren viel bewegt – und noch mehr vor. Das wurde am ersten Tag der Konferenz des Bundesfachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen am Montag (1. April 2019) in Bad Neuenahr deutlich. »Wir haben Ziele, wir wollen etwas verbessern. Und wir geben uns nicht damit zufrieden, an Symptomen herumzudoktern«, erläuterte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler die Bedeutung des Konferenzmottos »radikal SOZIAL«. »Wir gehen die Ursachen der Fehlentwicklungen an.« Die rund 140 Delegierten aus dem ganzen Bundesgebiet bestätigten diesen Kurs und nominierten Bühler mit einer Mehrheit von mehr als 94 Prozent erneut zur Leiterin des Fachbereichs sowie des neuen ver.di-Bereichs, der gemeinsam mit dem Fachbereich Bildung, Wissenschaft, Forschung gebildet werden soll.

Blick zurück auf den April 2015: Sylvia Bühler und der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske geben in Bad Neuenahr den Startschuss für die »Aktion 162.000 fehlen«. Bald darauf machen überall in Deutschland Beschäftigte mit Nummern von 1 bis 162.000 vor den Krankenhäusern deutlich, wie viele Stellen in den Kliniken fehlen – die größte Aktion in der Geschichte des Gesundheitswesens. An gleicher Stelle bilanzierten beide nun die seitherige Entwicklung. »Der Fachbereich stand immer wieder im Brennpunkt der gewerkschaftlichen Kämpfe und hat Wegweisendes geleistet«, betonte Bsirske. Das gelte insbesondere für die Auseinandersetzung um mehr Personal und Entlastung in den Krankenhäusern. »Die Politik steht unter Handlungsdruck«, stellte der ver.di-Vorsitzende fest. Dass die Bundesregierung die vollständige Refinanzierung von Tariferhöhungen und zusätzlichen Stellen in der Pflege sowie die Herausnahme der Pflegepersonalkosten aus dem Finanzierungssystem der Fallpauschalen beschlossen habe, sei ein großer Erfolg. Gleiches gelte für die von ver.di durchgesetzte Bezahlung betrieblich-schulischer Auszubildender in den Krankenhäusern des öffentlichen Dienstes. »Das ist ein Durchbruch, der sich komplett der Eigeninitiative junger Kolleginnen und Kollegen verdankt«, stellte Bsirske fest.

Er benannte zwei Ziele, für die sich ver.di in nächster Zeit vor allem einsetzen will: die Stärkung der Tarifbindung und eine auskömmliche Rente. »Wenn sich in der Rentenpolitik nichts ändert, werden Millionen von Rentnern nicht mehr als das Niveau der Grundsicherung haben – trotz jahrzehntelanger Arbeit«, warnte der Gewerkschafter. Statt viele weitere Milliarden zusätzlich in den Rüstungshaushalt zu stecken, solle das Rentensystem durch einen Bundeszuschuss gestärkt werden. »Geld für die Rente, nicht für Kanonen«, brachte es Bsirske auf den Punkt. Er verwies zudem darauf, dass sich in der Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowohl die Zahl der Millionäre als auch die Kinderarmut verdoppelt hätten. Um diese Entwicklung aufzuhalten, sei auch in der Steuerpolitik ein Kurswechsel nötig.

 

Positive Mitgliederentwicklung

Sylvia Bühler und die Vorsitzende des Bundesfachbereichs, Lisa Merla, zogen in ihrem Geschäftsbericht eine insgesamt sehr positive Bilanz. Die vielen Aktivitäten schlagen sich auch in einer positiven Mitgliederentwicklung nieder. So hat der Fachbereich in den vergangen vier Jahren mehr als 111.000 neue Mitglieder gewonnen – und damit netto einen deutlichen Zuwachs zu verzeichnen. Mit über 10.000 Neueintritten hat sich das Wachstum in den ersten drei Monaten dieses Jahres noch einmal beschleunigt. Allein in diesem Zeitraum hat sich der Anteil jugendlicher Mitglieder um gut 14 Prozent erhöht. 

Die Vorsitzende des ver.di-Bundesfachbereichsvorstands Bildung, Wissenschaft und Forschung, Wiebke Koerlin, zeigte sich beeindruckt von der gewerkschaftlichen Arbeit im Gesundheits- und Sozialwesen. Auch im Bildungsbereich habe ver.di eine positive Mitgliederentwicklung vorzuweisen. Die Gründung eines gemeinsamen Bereichs, den beide Fachbereiche als Ziel formuliert haben, passe inhaltlich gut, betonte Koerlin und stellte klar: »Gesundheit, Bildung und Soziales sind Zukunftsaufgaben unserer Gesellschaft, die nicht der kommerziellen Verwertungslogik unterworfen werden dürfen.«

Schwerpunkte Altenpflege und Personalstandards

Für die kommenden Jahre hat sich der ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen viel vorgenommen. Ein Schwerpunkt soll dabei auf der Altenpflege liegen. »Hier kann man wie in einem Brennglas sehen, was es anrichtet, wenn der Profit im Vordergrund steht und die Menschen nur noch unter ferner liefen vorkommen«, kritisierte Bühler. Falsche politische Entscheidungen hätten die Altenpflege dem wirtschaftlichen Wettbewerb ausgeliefert und für Finanzinvestoren attraktiv gemacht. Um die Bedingungen zu verbessern, setzt ver.di einerseits auf die Organisierung der betroffenen Beschäftigten, zum anderen forciert die Gewerkschaft das Projekt eines flächendeckenden Tarifvertrags. Wie notwendig die Aufwertung dieses Arbeitsfeldes ist, belegt auch eine Studie, die die Hans-Böckler-Stiftung am gleichen Tag veröffentlichte.

Ganz oben auf der Agenda bleibe auch die Forderung nach guten Personalstandards – ob in den Krankenhäusern oder in der Altenpflege, in der Psychiatrie oder im Sozial- und Erziehungsdienst, kündigte Bühler an. Zudem sage ver.di »der unsäglichen Zerstückelung von Tätigkeiten und der Ausgliederung von Aufgaben in Tochter- und Engelgesellschaften den Kampf an«. Die mittels Outsourcing betriebene Tarifflucht schade nicht nur den Beschäftigten, sondern auch der Versorgungsqualität. Anders als berufsständische Organisationen sei ver.di für alle Beschäftigten da. »Auf unsere Vielfalt sind wir stolz, sie macht uns stark«, betonte die Gewerkschafterin – und wandte sich damit zugleich gegen Versuche von Rechtspopulisten, geflüchtete Menschen für die sozialen Probleme verantwortlich zu machen.

Hier folgt der Bericht des zweiten Tages der Konferenz.

Stimmen von Teilnehmer*innen

Bei der Konferenz des ver.di-Bundesfachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen diskutieren am 1. und 2. April 138 Delegierte und 90 Gäste über die gewerkschaftliche Arbeit in der Branche. Wir haben einige Teilnehmer*innen gefragt, welche Themen für sie von besonderer Bedeutung sind.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019, ver.di Hilke Hagestedt, Delegierte aus Niedersachsen, ist Betriebsrätin im Klinikum Oldenburg

»Entlastung und Personalbemessung sind sehr wichtige Themen für uns. Und gute Ausbildungsbedingungen. An unserem Klinikum gibt es eine Schule für Medizinisch-Technische Assistenz (MTA). Wir haben uns alle sehr gefreut, dass unsere Azubis jetzt endlich auch eine Vergütung erhalten. Das wurde auch Zeit. Es ist eigentlich verwunderlich, dass niemand früher darauf gekommen ist.« Hilke Hagestedt, Delegierte aus Niedersachsen, ist Betriebsrätin im Klinikum Oldenburg.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019 ver.di Gadaer Alzeregaoui, Delegierte aus Hessen, arbeitet als Kauffrau für Bürokommunikation im Klinikum Kassel

»Mir liegt besonders die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung am Herzen. Ist das utopisch? Das haben die Menschen früher auch gesagt, als sie noch 60 oder mehr Stunden pro Woche gearbeitet haben. Angesicht der technischen Entwicklung sind viel kürzere Arbeitszeiten möglich – mit vollem Lohn- und Personalausgleich. Durch die Digitalisierung werden viele Arbeitsplätze in Frage gestellt. Deshalb muss die Arbeit umverteilt werden. Ich würde mir wünschen, dass das in ver.di wieder mehr zum Thema wird und wir auch die Öffentlichkeit darüber aufklären, warum das sinnvoll und möglich ist. Gadaer Alzeregaoui, Delegierte aus Hessen, arbeitet als Kauffrau für Bürokommunikation im Klinikum Kassel.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019, ver.di Carolin Podewils, Delegierte aus Niedersachsen, arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin im Ameos-Klinikum Osnabrück

»Die Jugend ist die Zukunft. Das gilt auch für ver.di. Wir werden nur stark bleiben, wenn sich viele junge Menschen in unserer Gewerkschaft organisieren. Und dafür gibt es mehr als genug Gründe. Denn junge Beschäftigte haben noch viele Jahre im Beruf vor sich. Sie brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung. Wenn sich junge Kolleginnen und Kollegen in unserer Gewerkschaft engagieren, müssen sie unterstützt und beteiligt werden. In den vergangenen Jahren hat sich in dieser Hinsicht einiges getan. Mehr davon!«  Carolin Podewils, Delegierte aus Niedersachsen, arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin im Ameos-Klinikum Osnabrück

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019, ver.di Dagmar Last, Delegierte aus Baden-Württemberg, arbeitet als Rettungssanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Kreisverband Calw.

»Mein wichtigstes Thema ist die Familienfreundlichkeit. Ich arbeite im Rettungsdienst – der war lange eine reine Männerdomäne. Das hat sich in den vergangenen Jahren schleppend verändert. Ich bin jedoch entsetzt, wie Frauen dort noch immer behandelt werden. Viele Frauen arbeiten in Teilzeit, aber im Rettungsdienst sind aus Kostengründen Zwölf-Stunden-Schichten üblich. Gerade das Rote Kreuz muss endlich familienfreundlicher werden. Meine Kinder arbeiten ebenfalls im sozialen Bereich und ich möchte auch für sie, dass sich die Dinge verbessern.« Dagmar Last, Delegierte aus Baden-Württemberg, arbeitet als Rettungssanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Kreisverband Calw.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Bundesfachbereichskonferenz 2019, ver.di Gabriele Straschewski, Gast aus Baden-Württemberg, hat viele Jahre in Konstanz als Altenpflegerin gearbeitet und die Senior*innen im ver.di-Bundesfachbereichsvorstand vertreten.

»Ich bin positiv überrascht und bewegt, was wir erreicht haben. Es ist einfach toll, was unser ver.di-Fachbereich in den vergangenen Jahren alles umgesetzt hat. Ich war viele Jahre Altenpflegerin. In den meisten Einrichtungen ist der Organisationsgrad sehr niedrig. Auch weil viele Frauen in der Altenpflege das Gefühl haben, sie würden ohnehin nur zum Familieneinkommen hinzuverdienen. Da brauchen wir noch mehr Ideen, wie wir das Bewusstsein entwickeln können.« Gabriele Straschewski, Gast aus Baden-Württemberg, hat viele Jahre in Konstanz als Altenpflegerin gearbeitet und die Senior*innen im ver.di-Bundesfachbereichsvorstand vertreten.

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