Gesundheit & Soziales

Wohlfahrt mit Werten

Wohlfahrtsverbände

Wohlfahrt mit Werten

Beschäftigte aus Wohlfahrtsverbänden fordern ihre Arbeitgeber auf, die eigenen Ansprüche auch im Betrieb zu erfüllen. Empörung über DRK-Position zum Tarifvertrag Altenpflege.

Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?" ver.di Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?"

Bei den Arbeitsbedingungen klaffen Anspruch und Wirklichkeit in den Wohlfahrtsverbänden allzu oft auseinander. Das wurde auf der ver.di-Tagung »Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?« am 18. und 19. Juni in Berlin deutlich. Zersplitterte Tariflandschaften, Outsourcing, prekäre Beschäftigung und Flucht aus Tarifverträgen prägen vielfach das Bild. Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung waren sich einig: Das muss sich ändern, die Wohlfahrtsverbände müssen sich wieder auf ihre Werte und historischen Wurzeln besinnen. Bei den anwesenden Verbandsfunktionären trafen sie damit an einigen Stellen durchaus auf offene Ohren. Empört zeigten sich die in Berlin versammelten Beschäftigtenvertreter*innen über das Verhalten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das sich einem flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege bislang verweigert.

Wohlfahrts- und Sozialverbände sowie Gewerkschaften teilten »gemeinsame normative Grundlagen«, erklärte der Politologe Wolfgang Schroeder von der Uni Kassel zum Auftakt der Tagung. »Gemeinsam treten sie für einen guten Sozialstaat ein, in dem die Beteiligung aller Menschen am Gemeinwesen möglich ist.« Zugleich gebe es aber auch unterschiedliche Interessen und Konflikte. So würden Mindestnormen, die die Wohlfahrtsverbände sonst verlangten, in den eigenen Belegschaften zum Teil nicht eingehalten. Als einen Grund dafür nannte der Wissenschaftler, »Dilemmata« und unterschiedliche Logiken, unter denen die Wohlfahrtsverbände agierten.

Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?" ver.di Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?"

Professor Schroeder zeigte auf, dass sich die Finanzierung sozialer Leistungen, das Verhältnis zwischen Staat und Wohlfahrtsverbänden sowie die Gesellschaft insgesamt seit den 1990er-Jahren gewandelt haben, was für das Sozial- und Gesundheitswesen gravierende Konsequenzen hatte. »Die privaten Anbieter sind stärker geworden und haben die Normen im Umgang mit den Beschäftigten nach unten gedrückt«, sagte er. Seine Schlussfolgerung: »Jetzt ist es an denjenigen Kräften, die auf Qualität und die zentrale Rolle der Beschäftigten setzen, Sicherheit und Partizipation zu stärken.« Die Initiative für einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege und die Gründung der Bundesvereinigung Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) nannte er »existenziell, um die Wohlfahrtsverbände vor sich selbst zu schützen und den Beschäftigten eine Perspektive aufzuzeigen«.

Allerdings ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK) just in diesem Moment aus der Phalanx der Wohlfahrtsverbände für einen flächendeckenden Tarifvertrag ausgeschert. Die rund 80 aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Beschäftigtenvertreter*innen kritisierten das in einer Resolution deutlich: »Wie die anderen Wohlfahrtsverbände trägt auch das DRK eine gesellschaftliche Verantwortung dafür, die Altenpflege attraktiver zu machen«, heißt es darin. »Nur mit einer flächendeckend besseren Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen können genug Arbeitskräfte gewonnen und in diesem so wichtigen Beruf gehalten werden. Das ist im Interesse der Beschäftigten, der pflegebedürftigen Menschen und der Gesellschaft als Ganzes.«

Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?" ver.di Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?"

Neues Selbstbewusstsein

ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler plädierte dafür, dass sich Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände gemeinsam für das Soziale in der Gesellschaft stark machen. Sie verwies auf das Motto des ver.di-Fachbereichs »radikal SOZIAL«, das auch bedeute, für gute Löhne und Arbeitsbedingungen im Sozial- und Gesundheitswesen zu sorgen, damit sich in Zukunft noch genug Menschen für diese so wichtigen Berufe finden. »Die Gesellschaft braucht uns«, stellte Bühler klar. Es sei zwar immer noch schwer, Beschäftigte in den sozialen Berufen dafür zu gewinnen, nicht nur für andere Menschen da zu sein, sondern auch für die eigenen Interessen einzutreten. Es entwickele sich aber ein neues Selbstbewusstsein, das sich unter anderem in den großen Streiks des Sozial- und Erziehungsdienstes sowie in der Bewegung für Entlastung im Krankenhaus ausdrücke. »Das Selbstbild der sozialen Berufe wandelt sich. Sie verschaffen sich jetzt Respekt.« Das gelte auch für die Beschäftigten der Wohlfahrtsverbände.

In früheren Zeiten – als die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes noch nahezu vollständig auch in den Wohlfahrtsverbänden zur Anwendung kamen – sei der Preis der Arbeit in der Branche klar gewesen, so Bühler. Dann hielten Ökonomisierung und Privatisierung Einzug und veränderten die Verhältnisse grundlegend. »Den großen Vorwurf, den ich den Wohlfahrtsverbänden machen muss, ist, dass sie sich nicht an einen Tisch gesetzt und überlegt haben, wie sie gemeinsam damit umgehen«, sagte die Gewerkschafterin. »Stattdessen hat jeder für sich versucht, billiger zu werden.« Das habe die Ausgangslage zur Schaffung einheitlicher und guter Beschäftigungsstandards verschlechtert.

Die Verbandsvertreter, die sich am Mittwoch den Fragen der Beschäftigten stellten, reagierten darauf durchaus selbstkritisch. Der Vorsitzende des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, nannte den Ausstieg aus dem bundesweit einheitlichen Tarifwerk bei der AWO in den 2000er-Jahren eine »Fehlentscheidung«, die zu einer »Abwärtsspirale, gerade bei den Löhnen und Gehältern« beigetragen habe. Mit dem Versuch, die Kosten immer weiter zu drücken, machten sich die Wohlfahrtsverbände gegenüber den Kostenträgern selbst schwach, betonte Stadler. »Diese Logik müssen wir umdrehen.« Die Initiative zur Schaffung eines flächendeckenden Tarifvertrags sei daher »ein kleiner, aber genau richtiger Schritt«. Auch Dr. Jörg Kruttschnitt vom Vorstand der Diakonie Deutschland nannte das Vorhaben »einen allerersten politischen Schritt«, den die Beteiligten »gegen viele Widerstände auf den Weg gebracht« hätten. Dr. Gerhard Timm, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich das Pendel nach der Phase des Neoliberalismus und der Ökonomisierung nun »tendenziell wieder in die andere Richtung bewegt«.

Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?" ver.di Tagung "Alles Wohl bei den Wohlfahrtsverbänden?"

Erfolgreiche Tarifbewegungen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung machten deutlich, dass sie eine schnelle Umsetzung der flächendeckenden Tarifbindung in der Altenpflege erwarten. Zugleich stellten sie klar, dass sich die Bedingungen im Sozial- und Gesundheitswesens nur dann entscheidend verbessern werden, wenn sich die Beschäftigten gemeinsam dafür einsetzen. Wie das erfolgreich geht, machten Kolleg*innen aus verschiedenen Bereichen deutlich. So berichtete Detlev Beyer-Peters vom AWO-Seniorenzentrum Recklinghausen von der Tarifrunde bei der Arbeiterwohlfahrt in Nordrhein-Westfalen. An dieser beteiligten sich die Beschäftigten mit vielen kreativen Aktionen. So verteilten sie beispielsweise unter dem Motto »Solidarität zaubert Erfolge« einen »Zaubertrank« und machten mit Foto-Aktionen auf ihre Forderungen aufmerksam. »Es ist wichtig, bei den Aktionen auch Spaß zu haben, das motiviert mitzumachen«, betonte Beyer-Peters. Kreativität machte auch die Warnstreiks zum Erfolg, an denen im Februar 2.500 bzw. 3.500 Kolleg*innen teilnahmen.

Beim Deutschen Roten Kreuz setzte ver.di in den letzten Tarifrunden ebenfalls verstärkt auf die Aktivierung und Einbindung der Beschäftigten, wie der Rettungsassistent Niko Zipp berichtete. »Wir haben versucht, in jedem Betriebsteil Tarifberater zu finden, die ihre Kollegen informieren. Zudem haben wir klargestellt: Es gibt keinen Abschluss ohne eine Mitgliederbefragung.« Mit zwei Warnstreiks und etlichen Aktionen erreichte ver.di ein respektables Ergebnis. So konnten im DRK-Reformtarifvertrag in den vergangenen Tarifrunden unter anderem der Nachtdienstzuschlag verdoppelt und die Arbeitszeit im Rettungsdienst um zwei Wochenstunden verkürzt werden. Die offensive Tarifpolitik schlägt sich auch in einer deutlich wachsenden Mitgliedschaft nieder.

Ähnliches hatte die ver.di-Sekretärin Annette Klausing über die Tarifauseinandersetzung im Diakonischen Werk Niedersachsen zu berichten. Auch hier erzielten die Beschäftigten durch etliche, zum Teil niedrigschwellige und oft kreative Aktionen Erfolge. Auf diese Weise konnten sie Forderungen der Arbeitgeber nach einer Arbeitszeitverlängerung abwehren und Verbesserungen durchsetzen, von denen insbesondere Altenpflegekräfte profitieren. Im Zuge der Tarifbewegung traten 159 Beschäftigte diakonischer Einrichtungen in Niedersachsen ver.di bei. In den nächsten Wochen sollen die Kolleg*innen noch einmal offensiv angesprochen und mit Hinweis auf den guten Tarifabschluss für ver.di gewonnen werden. Denn auch bei der Diakonie gilt: Je mehr Beschäftigte sich gewerkschaftlich organisieren desto mehr können sie gemeinsam erreichen.

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt

Newsletter

Immer auf dem aktuellen Stand: Der Newsletter des Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.