Fachkommission Ärztinnen und Ärzte

Keine Zeit fürs Privatleben

Ärztinnen und Ärzte

Keine Zeit fürs Privatleben

Über fehlende Verlässlichkeit der Arbeitszeiten und zu wenig Freizeit sprach die Fachbereichszeitung drei mit Dr. Renate Demharter, Oberärztin in der Notaufnahme am Klinikum Augsburg, Personalratsmitglied und stellvertretende Sprecherin der ver.di-Bundesfachkommission Ärzte.

drei: Die Ärzteorganisation Marburger Bund will in der aktuellen Tarifrunde für Mediziner an kommunalen Kliniken Fragen der Arbeitsbelastung und Arbeitszeiten aufgreifen. Was hältst Du davon?

Es wird höchste Zeit, das bei tariflichen Auseinandersetzungen zum Thema zu machen. Im Moment richten sich die Arbeitszeiten fast ausschließlich nach dem Arbeitsanfall. Die vielen Überstunden werden zwar bezahlt, aber die eigene Gesundheit und das eigene soziale Leben fallen dabei hinten runter.

drei: Was ist für Dich persönlich die größte Belastung?

Es fehlt die Zeit für Regeneration, aber auch für soziale Beziehungen. Ich bin jetzt seit 25 Jahren am Augsburger Klinikum. Anfangs hat man noch seinen alten Freundeskreis, aber der löst sich irgendwann auf, wenn man sich wegen der Nacht- und Wochenendarbeit fast nie verabreden kann. Auch mit den Arbeitskollegen sind private Treffen schwierig, da diese ja ebenfalls im Schichtdienst sind.

drei: Was müsste sich ändern?

Die Arbeitszeiten müssen verlässlicher werden. Dienstpläne werden nur allzu oft kurzfristig über den Haufen geworfen, weil irgendjemand ausfällt. De facto arbeitet man fast auf Zuruf.

drei: Warum ist das so?

Ganz klar: Es gibt zu wenig Personal. Als ich angefangen habe, konnte man Ausfälle noch einigermaßen kompensieren, ohne eine Kollegin oder einen Kollegen aus dem Frei zu rufen. Das ist schon lange nicht mehr so. Wir arbeiten immer am Limit.

drei: In der Vergangenheit hatte man den Eindruck, dass es der Ärzteschaft vor allem darum ging, mehr Geld zu verdienen.

Es gibt ein paar, die gerne zusätzliche Dienste machen, weil sie ein Haus bauen oder ein Auto finanzieren wollen. Aber die meisten meiner Kollegen hätten lieber mehr und vor allem besser planbare Freizeit.

drei: Wären sie bereit, dafür auf die Straße zu gehen?

Die meisten nicht. Das hat aber auch mit der schwierigen Situation der Assistenzärzte zu tun. Wer sich zum Facharzt qualifizieren will, ist extrem vom Wohlwollen seines Chefarztes abhängig. Denn wenn dieser ihn nicht zu weiterbildungsrelevanten Untersuchungen einteilt, kann er nicht in der vorgesehenen Zeit fertig werden. Auch hier wäre eine Tarifforderung sinnvoll. Bei Weiterbildungsverträgen müsste im Arbeitsvertrag eine verbindliche Rotation festgeschrieben werden, die eine Abarbeitung des Weiterbildungskatalogs ermöglicht.

drei: Von unregelmäßigen und nicht planbaren Arbeitszeiten sind auch andere Beschäftigtengruppen im Krankenhaus betroffen. Wäre es da nicht sinnvoll, das Problem gemeinsam anzugehen?

Auf jeden Fall. Wir sitzen mit der Pflege in einem Boot. Es macht keinen Sinn, wenn jeder für sich alleine kämpft.

Das Interview führte Daniel Behruzi für die Fachbereichszeitung drei im Dezember 2012.

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