Pflegepolitik

„Keine vielversprechende Aussicht"

Altenpflege

„Keine vielversprechende Aussicht"

Seit Beginn des Jahres ist das Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) in Kraft. Dazu drei Fragen an Tanja Döhring, Sprecherin der Bundesfachkommission Altenpflege und Altenpflegerin in Hamburg.
Tanja Döhring, Altenpflegerin privat Tanja Döhring, Altenpflegerin

Infopost: Welche Rolle spielt der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff in Deinem Arbeitsalltag?

Tanja Döhring: Eher eine negative. Durch den Rahmenvertrag in Hamburg konnte u.a. die Arbeitszeit erhöht werden. Dies haben in meinem Betrieb Kolleg/innen auch in Anspruch genommen. Dadurch war die Gefahr von Zwangsversetzungen gegeben. Durch den veränderten Personalschlüssel standen rein rechnerisch zu viele Kolleg/innen im Dienstplan, der immer sehr knapp geplant ist. Hinzu kam, dass die Kolleg/innen physisch und psychisch nicht in der Lage waren, mehr zu arbeiten. Und Kunden, die sich für einen Heimplatz interessierten, wurden plötzlich abgelehnt, weil sie keinen hohen Pflegegrad hatten.

Infopost: Theoretisch müsste durch das Gesetz mehr Geld auf den Stationen ankommen?

Tanja Döhring: In anderen Einrichtungen und privaten ambulanten Pflegediensten kommt das durch das PSG II zur Verfügung gestellte Geld nicht an. Die Betreiber wollen aber ihre Finanzen nicht offenlegen – und verweigern Tarifverträge. In meinen Augen völlig unverständlich, weil für mich als Mitarbeiterin die Attraktivität des Betriebes durch Tarifbindung steigt.

Infopost: Sind denn Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen zu spüren?

Tanja Döhring: Nein. Es können mangels Bewerber/innen keine Neuanstellungen erfolgen. Nicht jeder, der sich bewirbt, kommt mit den hohen Anforderungen zurecht. Aus anderen Betrieben gibt es nach wie vor Hilferufe, die Arbeit wäre nicht mehr zu schaffen, die Bezahlung zu gering, der Druck der Leitungskräfte zu hoch, es herrscht Angst vor Kündigungen und viele trauen sich nicht, einen Betriebsrat zu gründen. Vielleicht ist die Erwartung zu hoch, dass sich nach einem halben Jahr PSG II etwas ändert, die Aussicht darauf ist aber auch nicht vielversprechend.

Fragen: Uta von Schrenk

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