Mehr Personal

Was auf der Strecke bleibt

Pflegenotstand

Was auf der Strecke bleibt

Tag der Pflegenden 2017 in Oldenburg ver.di Tag der Pflegenden 2017 in Oldenburg

»Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke.« So bringt es ein Plakat auf den Punkt, das Beschäftigte am 12. Mai 2017 bei einer aktiven Mittagspause vor der Asklepios Klinik St.Georg in Hamburg in die Höhe hielten. Nicht nur in der Hansestadt, sondern in allen Teilen der Republik machten Krankenhausbeschäftigte an diesem Tag mit kreativen Aktionen auf die Folgen des Personalmangels aufmerksam.

In Rostock zeigten Kolleginnen und Kollegen mit einem Straßentheater, wie schlecht der Personalschlüssel in deutschen Krankenhäusern im internationalen Vergleich ist. Susanne Jeschke, die auf einer Intensivstation der Universitätsmedizin Rostock arbeitet, berichtet, dass beispielsweise für Gespräche mit Angehörigen nicht immer genug Zeit bleibt. »Dabei ist das gerade auf der Intensivstation oft sehr wichtig.« Nicht nur Patient/innen und Angehörige bekämen die Folgen der permanenten Unterbesetzung zu spüren. »Auch wir selbst bleiben auf der Strecke«, so die Krankenpflegerin. »Gestern habe ich meine volle Brotdose nach der Arbeit mal wieder mit nach Hause genommen. Ich bin einfach nicht dazu gekommen, eine Pause zu machen

Am anderen Ende der Republik, im Westpfalzklinikum in Kirchheimboladen, ist die Situation nicht anders. »Wir können wegen der ständigen Personalnot unsere Kranken oft nicht einmal zur Toilette begleiten«, sagt Markus Klenk vom Betriebsrat. Auch in der Westpfalz haben die Kolleginnen und Kollegen ihre Mittagspause vor dem Klinikeingang verbracht, um für Entlastung zu demonstrieren. Die Pflege-Azubis Stella und Irina kritisieren, dass zu wenig Zeit für strukturierte Praxisanleitungen bleibt. »Deshalb haben wir immer ein bisschen Angst, dass uns mal ein richtig dicker Pflegefehler passiert.«

Viele Beschäftigte seien frustriert, erzählt der OP-Pfleger Jan Walther aus dem Klinikum Schaumburg in Niedersachsen, das neuerdings zum evangelischen Agaplesion-Konzern gehört. »In der Ausbildung lernt man, für die Patienten da zu sein, aber in der Praxis ist das oft gar nicht möglich.« Das Durchschnittsalter der Belegschaft liege bei über 50 Jahren. »Und gerade die Älteren leiden unter der Belastung«, erklärt Walther. Die Kolleg/innen in Schaumburg haben eine lange Wäscheleine mit Plakaten aufgespannt. Darauf steht, was auf der Strecke bleibt: »Hygiene«, »Pausen«, »praktische Ausbildung«, »Das Wort für die Angehörigen«. Ein Beschäftigter beklagt die »zahllosen Überstunden«, ein anderer, dass zu wenig Zeit ist, den Kranken das Essen anzureichen.

 

So ist es nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in Pflegeheimen. Darauf machen Beschäftigte verschiedener Einrichtungen zum »Tag der Pflege« in Stuttgart aufmerksam. Mit einem Straßentheater zeigen sie, was passiert, wenn zu wenige Pflegekräfte auf der Station sind. »Die Grundpflege wird dann nur oberflächlich gemacht, man kann nicht auf Wünsche der Bewohner eingehen, alles muss schnell, schnell gehen«, klagt Petra Lauria, die in einer diakonischen Einrichtung im nahegelegenen Leonberg arbeitet. »Am Ende geht man mit einem schlechten Gewissen nach Hause.«

Bundesweit wollen Pflegekräfte diese Zustände nicht länger hinnehmen. Sie fordern eine verbindliche Personalbemessung per Gesetz. »Die Beschäftigten lassen sich nicht mehr mit warmen Worten oder Mini-Pflege-Programmen abspeisen«, stellt Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand fest, die an diesem Tag ein Treffen von Teamdelegierten der saarländischen Krankenhäuser besucht. »Wer es mit der Wertschätzung der Pflegeberufe ernst meint, muss die reale Arbeitssituation verbessern.« Neben bundesweit verbindlichen Vorgaben bei der Personalausstattung fordert sie ein Sofortprogramm, das durch 20.000 neue Pflegestellen unter anderem dafür sorgt, dass keine Pflegefachkraft mehr nachts allein auf ihrer Station arbeiten muss. »Markt und Wettbewerb richten es nicht«, betont Bühler, »der Gesetzgeber ist hier in der Verantwortung«.

Darauf weisen Krankenhausbeschäftigte an diesem Tag auch bei den zentralen Abschlussveranstaltungen der großen Parteien im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf hin. »Im Landeskrankenhausplan muss kurzfristig eine verbindliche Personaluntergrenze festgeschrieben werden«, fordert ver.di-Landesfachbereichsleiter Wolfgang Cremer von den Parteien, die sich am Sonntag zur Wahl stellen.

Mehr von uns ist besser für alle. Spruchband am "Deutschen Eck" in Koblenz ver.di Mehr von uns ist besser für alle. Spruchband am "Deutschen Eck" in Koblenz

Mit einer spektakulären Aktion haben Pflegekräfte auch in Koblenz auf die Personalnot aufmerksam gemacht. In der Nacht zum Freitag hängten sie ein großformatiges Transparent mit der der Forderung nach mehr Personal im Krankenhaus an das Reiterstandbild am »Deutschen Eck«. Ein Gewerkschafter begründet die Aktion an der Mündung von Mosel und Rhein so: »Jeder Mensch, der hier – an diesem prominenten Ort – vorbei kommt, soll sehen, dass in Deutschland ein Mangel an Pflegekräften herrscht.«

Die ver.di-Proteste zum »Tag der Pflegenden« waren also im wahrsten Sinne nicht zu übersehen. Auch den politischen Entscheidungsträgern dürften sie nicht entgangen sein.

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