Klinikpersonal entlasten

»Da ist mir der Kragen geplatzt«

Klinikpersonal entlasten

»Da ist mir der Kragen geplatzt«

Jana Langer (46) ist Fachkrankenschwester an einer Uniklinik in Baden-Württemberg. Vor gut einem Jahr ist sie durch ein Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Zustände in den Krankenhäusern öffentlich bekannt geworden. Jetzt hat sie einen offenen Brief an den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geschrieben.

Jana Langer privat Jana Langer  – Fachkrankenschwester an einer Uniklinik in Baden-Württemberg

 
Du hast dem neuen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen offenen Brief geschrieben. Was hat dich dazu gebracht?

Ich habe mich darüber geärgert, was der Minister in den ersten Tagen seiner Amtszeit alles so von sich gegeben hat. Statt die Probleme im Gesundheitswesen endlich anzugehen, behauptete er zum Beispiel, Hartz-IV-Bezieher seien nicht arm. Ich meine: Statt sich in solchen Debatten zu profilieren, sollte er sich lieber darauf konzentrieren, die katastrophalen Zustände in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu beenden. Da kam bislang noch überhaupt nichts Konkretes. Ich habe mir die Inhalte der neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Reform der Pflegeberufe angeschaut, die Spahn per Verordnung auf den Weg gebracht hat. Da hat er offenbar etwas mit durch gewunken, womit er sich überhaupt nicht beschäftigt hat, und vor allem: worüber er mit der Basis gar nicht geredet hat. Es war die Summe all dieser Dinge, weshalb mir der Kragen geplatzt ist. Das musste ich an der richtigen Adresse loswerden.

Wie schon bei deinem Schreiben an Kanzlerin Merkel gab es auch dieses Mal eine enorme öffentliche Resonanz. Wie erklärst du dir das?

Den Beschäftigten im Gesundheitswesen reicht es einfach. Sie freuen sich, wenn mal jemand den Mund aufmacht und sagt, wie es tatsächlich ist. Aber warum das jetzt plötzlich so hochploppt und ich so im Fokus stehe, kann ich mir nicht so recht erklären. Klar: Ich freue mich darüber, dass die Pflege in den Medien jetzt auch mal zu Sendezeiten Thema ist, an denen viele zuschauen. Diese Öffentlichkeit hilft, Druck auf die politisch Verantwortlichen auszuüben.

Die Reaktionen meiner Kolleginnen und Kollegen im Betrieb sind übrigens zurückhaltender als im Internet. Sie sind auch froh und danken mir. Aber es ist nicht so, dass sie jetzt alle aktiv werden und sich für Verbesserungen einsetzen.

Im Bundestagswahlkampf haben alle Parteien Verbesserungen für die Pflege versprochen. Was erwartest du jetzt von den Politikern?

Ich erwarte eine große Portion Mut. Die Verantwortlichen müssen trotz der ganzen Lobbyisten von Pharmafirmen und privaten Klinikkonzernen sagen: Hier läuft etwas schief, wir machen eine große Reform. Die Fallpauschalen, das DRG-System, sind einfach schädlich. Die Daseinsfürsorge gehört in öffentliche Hand. Statt um Profitinteressen muss es wieder um eine qualitativ gute Versorgung gehen. Herr Spahn hat gesagt, dass wir medizinisch ganz weit vorne sind. Das stimmt auch: Rein medizinisch gesehen sind wir sehr weit. Aber das wird alles durch wirtschaftliche Interessen gebremst. In der Forschung wird nur das gefördert, was den Pharmafirmen in ihren Geldbeutel spielt. In den Kliniken laufen viele Operationen, weil sie Geld bringen, nicht weil sie medizinisch sinnvoll sind. Ich finde es unsäglich, dass mit Krankheit Geld verdient wird.

Minister Spahn hat in einer Videobotschaft auf deine Kritik reagiert und versprochen, dass es mehr Personal, eine bessere Bezahlung und mehr Zeit für Patientinnen und Patienten in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen geben soll.

Ich glaube, das hat er wegen des großen öffentlichen Drucks gemacht. Aber ich lasse mich nicht mit einer lächerlichen Videobotschaft abspeisen, die keinerlei konkrete und konstruktive Inhalte hat. Er sagt, er brauche Zeit und sei erst kurz da. Das würde ich glauben – wenn es denn so wäre. Doch Herr Spahn ist schon seit Jahren in die Gesundheitswirtschaft eingebunden. Er weiß sehr genau, wo die Probleme liegen und auch, wo das Geld verdient wird. Deshalb nehme ich ihm seine Aussagen nicht ab.

Der Bundesrat hat kürzlich verbindliche Personalschlüssel in stationären Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern gefordert, die eine bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen. Ist das der richtige Weg?

Ich finde es absolut richtig, dass Schluss sein soll mit diesem Schwachsinn von »pflegesensitiven Bereichen«, auf die Personaluntergrenzen zunächst beschränkt sein sollten. Unglaublich, wer sich so einen Käse ausdenkt! Was ist im Krankenhaus denn bitteschön nicht »pflegesensitiv«? Dass der Bundesrat die Untergrenzen in allen Bereichen einführen will und diese eine bedarfsgerechte Versorgung sicherstellen sollen, zeigt, dass in den Köpfen etwas angekommen ist. Ob sich nun aber tatsächlich etwas ändert, kann ich nicht einschätzen. Es ist zumindest mal ein Hoffnungsschimmer.

Du und deine Kolleg/innen an den baden-württembergischen Unikliniken streiten mit ver.di für einen Tarifvertrag Entlastung. Kann das etwas bewegen?

Ich glaube: Es wird sich nur etwas ändern, wenn die Pflegekräfte flächendeckend bereit sind, sich zu organisieren und für ihre Rechte einzustehen. Letztlich kann nur das den nötigen Druck aufbauen.

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