Digitalisierung

Technik kann Fachkräfte nicht ersetzen

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Technik kann Fachkräfte nicht ersetzen

»Arbeit 4.0« im Krankenhaus? Studie der INPUT Consulting gGmbH analysiert aktuelle Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf Beschäftigte. Ein Gespräch mit Mario Daum
Digitalisierung im Krankenhaus Christian Dehmel Digitalisierung im Krankenhaus

Mario Daum ist sozialwissenschaftlicher Berater bei der INPUT Consulting gGmbH und hat im Auftrag der DAA-Stiftung Bildung und Beruf eine Studie über die »Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland« erstellt, die aktuelle Entwicklungen und ihre Folgen auf Arbeitsorganisation, Beschäftigung und Qualifizierung analysiert.

Unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« wird viel über Digitalisierung geredet und geschrieben. Inwiefern ist das im Gesundheitswesen ein Thema?

Bislang konzentriert sich die Debatte vor allem auf die Industrie. Doch Digitalisierung und »Arbeit 4.0« betreffen auch die Dienstleistungsbranchen, inklusive des Gesundheitswesens. Natürlich bietet personennahe Interaktionsarbeit – also die Arbeit direkt mit und am Menschen – weniger Raum für Digitalisierung. Nichts desto trotz halten digitale Technologien in einigen Bereichen auch hier Einzug.

In den Medien ist in diesem Zusammenhang meist vom Pflegeroboter die Rede.

Das wird meiner Ansicht nach medial ziemlich aufgebauscht. Es gibt zwar einige Versuche mit Pflegerobotern, aber in der Breite ist das noch lange nicht angekommen. Es wird sicher noch ein, zwei Generationen dauern, bis Pflegeroboter in größerem Stil eingesetzt werden. Eine bedeutendere Rolle spielt die Robotik hingegen in Transport und Logistik – das in einigen Einrichtungen allerdings schon seit einigen Jahren. Eine neuere Entwicklung ist der intelligente Pflegewagen, der autonom dort hinfährt, wo er gebraucht wird. Es gibt auch Entwicklungen in Richtung intelligenter Patientenlifter. Beide stecken derzeit aber noch in den Kinderschuhen und sind von der Serienreife weit entfernt.

Wo spielt Digitalisierung im Krankenhaus außerdem eine Rolle?

Der aktuell wichtigste Bereich ist die Informations- und Kommunikationstechnologie – Stichwort elektronische Patientenakte. In Verbindung mit Smartphones und Tablets ermöglicht diese, dass alle relevanten Patienteninformationen orts- und zeitunabhängig abgerufen und eingegeben werden können. Die papiergestützte Dokumentation an den Betten dürfte bald der Vergangenheit angehören. Hinzu kommen vernetzte Hilfs- und Monitoringsysteme zur Überwachung von Vitalparametern oder auch der Mobilität von Demenzkranken, die mit der IT verknüpft sind und automatisch Alarm schlagen.

Wird die neue Technologie den Krankenhausbeschäftigten Entlastung bringen?

Es ist schwer, diese Frage pauschal zu beantworten. Der Technikeinsatz kann mehr Zeit für die Pflege am Bett schaffen, er kann aber auch zu Arbeitsverdichtung führen. Zum Beispiel hat die elektronische Patientenakte sicherlich das Potenzial, Zeit einzusparen, die bislang für Dokumentation aufgewendet wurde. Allerdings gehen neue Techniken häufig mit neuen Funktionen einher. Es werden mehr Daten generiert – die wiederum eingegeben werden müssen. Die eingesparte Zeit wird dadurch oft wieder aufgefressen. Körperlich könnten zum Beispiel intelligente Patientenlifter zur Entlastung von Pflegekräften beitragen. So weit sind die Hersteller allerdings wie gesagt noch nicht.

Insbesondere die privaten Krankenhauskonzerne scheinen den Einsatz neuer Technologien zu forcieren, unter anderem mit dem Ziel, so dem Fachkräftemangel zu begegnen. Ist das erfolgversprechend?

Den Studien zufolge hat die neue Technik durchaus das Potenzial, Arbeitskräfte zu ersetzen. Es ist jedoch weitaus geringer als in anderen Branchen. Zudem besteht in der Pflege schon jetzt ein Fachkräftemangel. Es bräuchte deutlich mehr Personal, um eine qualitativ hochwertige Versorgung dauerhaft zu sichern. Der Einsatz digitaler Technologien kann vielleicht einen Teil des bereits bestehenden Engpasses ausgleichen. Dennoch müssten zusätzliche Beschäftigte eingestellt werden, vor allem Fachkräfte.

Die Einführung neuer Technologien ist teuer. Ein Konkurrenzvorteil für die großen Konzerne?

Durchaus. Große Krankenhausbetreiber haben viel mehr Möglichkeiten, in digitale Technik zu investieren und diese dann flächendeckend zum Einsatz zu bringen als kleinere kommunale oder freigemeinnützige Einrichtungen. Eine moderne Infrastruktur könnte private Klinken attraktiver machen – nicht nur für Patientinnen und Patienten, sondern auch im Wettbewerb um Fachkräfte.

Welche Beschäftigtengruppen im Krankenhaus müssen wegen der Digitalisierung am ehesten um ihren Arbeitsplatz fürchten?

Fachkräfte in der Pflege müssen sich wohl keine Sorgen machen. Viele Hilfs- und Servicetätigkeiten könnten in Zukunft hingegen von Robotern erledigt werden. Das gilt beispielsweise für Transporte, Botengänge oder das Auffüllen der Pflegewägen mit Material und Medikamenten. Sinnvoll wäre es, diese Beschäftigten gezielt weiter zu qualifizieren. Ob das aber geschieht, steht auf einem anderen Blatt.

Wie ändern sich die Anforderungen durch den Einsatz moderner Technologien?

Allein die Tatsache, dass viele Beschäftigte im Privatleben mit Smartphones und Computern umgehen, reicht nicht aus. Sie müssen in den spezialisierten Softwareprogrammen geschult werden und auch wissen, was zu tun ist, wenn mal etwas nicht funktioniert. Es ist sinnvoll und notwendig, die Beschäftigten bei technischen Neuerungen von Beginn an intensiv einzubeziehen und bei der Umsetzung zu begleiten. Eine »Digital Health Literacy«, also Kompetenzen im Umgang mit allen digitalen Technologien, sollte schon in der Ausbildung verankert werden. Doch auch im aktuell diskutierten Pflegeberufsgesetz kommen die Inhalte der Digitalisierung und Technisierung als fester Bestandteil der Ausbildung nicht vor.

Fazit: Es besteht noch viel Aufklärungs- und Diskussionsbedarf?

Ja. Vor allem brauchen wir eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte darüber, was uns die Pflege wert ist und wie sie organisiert sein soll. Digitale Technologien sollten die medizinische und pflegerische Versorgung unterstützen, nicht die menschliche Fürsorge ersetzen. Ihr Einsatz sollte nicht allein darauf abzielen, die Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken. Der Patient muss wieder stärker ins Zentrum rücken – auch und gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung.

Die Studie »Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland« zum Download

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