Digitalisierung

Herausforderung Digitalisierung

Herausforderung Digitalisierung

Cartoon: Patient im Bett Thomas Plaßmann Wenn die Technik Pflege ersetzt

Unter dem Stichwort »Industrie 4.0« ist die Digitalisierung derzeit in aller Munde. Anders als der Begriff andeutet, ist sie aber nicht nur ein Thema für den industriellen Sektor, sondern auch für das Gesundheits- und Sozialwesen. Auch hier ändert das neue Zusammenspiel von Mensch und Maschine Abläufe und Arbeitsaufgaben. Darin liegen große Chancen, die für eine gute Patientenversorgung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen genutzt werden sollten.

In der Industrie könnte Prognosen zufolge durch die Digitalisierung fast jeder vierte, im Handel gar jeder dritte Arbeitsplatz überflüssig werden. Das ist im Gesundheitswesen anders: Hier erwarten Wissenschaftler/innen insgesamt einen deutlich positiven Beschäftigungseffekt. Doch es gibt auch hier Bereiche, in denen Stellen zur Disposition gestellt werden könnten, zum Beispiel in der Logistik oder der Verwaltung. »Wo das der Fall ist, müssen die betroffenen Beschäftigten abgesichert und für andere Stellen qualifiziert werden«, fordert Grit Genster, Bereichsleiterin Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand. »Nur wenn sie keine Angst um ihre Existenz haben müssen, werden sich Beschäftigte auf neue Entwicklungen einlassen.«

Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Beschäftigten technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüberstehen. Viele erhoffen sich, dass digitale Technik ihre Arbeit erleichtert und Zeit spart. Angesichts der Überlastung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Sozialeinrichtungen ist das auch dringend nötig. »Fest steht allerdings: Allein mit Hilfe der Technik wird sich der dramatische Personalmangel im Gesundheits- und Sozialwesen nicht beheben lassen«, betont Genster. »Gute Arbeits- und Ausbildungsbedingungen und eine bessere Bezahlung sind nötig, um in Zukunft genügend Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.« Digitale Technik könne dies unterstützen.

Für völlig kontraproduktiv hielte es die Gewerkschafterin, wenn die Digitalisierung zur weiteren Rationalisierung und Intensivierung von Arbeit missbraucht würde. Dass in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung mehr als ein Drittel der Krankenhausbeschäftigten eine Zunahme von Arbeitshetze und Leistungsdruck beklagt, sei ein Alarmsignal. Ebenfalls kritisch sei die unzureichende Information und Beteiligung der Beschäftigten bei der Einführung neuer Technologien.

Problematisch ist aus Sicht eines gemeinwohlorientierten Gesundheitswesens zudem, dass die Digitalisierung die Wettbewerbsposition privater Konzerne weiter verbessern könnte. Schon jetzt haben kleinere kommunale Kliniken zum Teil große Schwierigkeiten, die notwendigen Investitionen zu stemmen. Aufgrund unzureichender Förderung durch die Bundesländer wird vielfach Geld, das eigentlich für die Patientenversorgung gedacht ist, für Bauvorhaben zweckentfremdet. Die Einführung digitaler Technologie wird zusätzliche Investitionen erfordern – ein Konkurrenzvorteil für private Großkonzerne, die bessere Zugänge zum Kapitalmarkt haben und Synergieeffekte nutzen können. Dabei scheinen gerade die profitorientierten Unternehmen die Digitalisierung vor allem zur Kostensenkung nutzen zu wollen. So erwarten der genannten Studie zufolge 28 Prozent der Beschäftigten privater Krankenhausträger Jobverluste, 17 Prozent sprechen von neuen Arbeitsplätzen. Bei Kliniken in öffentlicher Trägerschaft ist es in etwa umgekehrt.

Vor diesem Hintergrund ist nach Ansicht von ver.di der Staat gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine hohe Versorgungsqualität und gute Arbeitsbedingungen sicherstellen. Neben der Finanzierung der notwendigen Investitionen betrifft das vor allem die verbindliche Festlegung personeller Mindeststandards. »Gesetzliche Personalvorgaben sind gerade in Zeiten rasanter technologischer Entwicklungen unerlässlich«, betont Gewerkschafterin Genster. »Sie können dazu beitragen, dass die Digitalisierungsgewinne tatsächlich den Menschen zugutekommen.« In diesem Sinne will sich ver.di auf politischer, tariflicher und betrieblicher Ebene weiter einbringen und die anstehenden Veränderungen mitgestalten.

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Kontakt

  • Grit Genster

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